LIFE
19/03/2016 10:10 CET

Was Schulen im Umgang mit stillen Kindern falsch machen

Children sitting and listening in classroom
Getty
Children sitting and listening in classroom

THE BLOG

Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit. Ich war ein eher stilles Kind und musste mich häufig überwinden, im Unterricht etwas zu sagen. In meinem Kopf war fast immer die richtige Antwort auf die Fragen der Lehrer. Aber melden mochte ich mich trotzdem nicht.

In meiner gesamten Schulzeit baten Lehrer mich immer wieder, mich aktiver am Unterricht zu beteiligen. "Du kennst doch die richtigen Antworten", sagten sie. Es stimmte. Aber es änderte mein Verhalten nicht. Ich machte mir meine eigenen Gedanken zu den Themen, die wir im Unterricht behandelten. Und oft war ich mit meine Denkprozess noch gar nicht fertig, wenn die Lehrer Fragen stellten.

Bevor ich etwas sagte, wollte ich mir sicher sein, dass es relevant war. Im Gegensatz zu vielen anderen Schülern meldete ich mich nie mit den erstbesten Dingen, sie mir in den Sinn kamen.

Stille Kinder werden unterschätzt

Ich glaube, dass viele stille Schüler falsch eingeschätzt werden. Lehrer sagen diesen Kindern, dass sie lauter werden müssten. Sie fordern sie auf, ihre Persönlichkeit der Masse anzupassen - in einer lauten Welt laut zu sein - anstatt ihre besonderen Fähigkeiten zu fördern.

Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Kinder in der Schule still sind. Einige sind schüchtern oder fürchten sich, etwas Falsches zu sagen. Andere überlegen sich genau, wann und zu welchen Themen sie sich äußern möchten.

Stille Kinder setzen sich oft viel intensiver mit dem Stoff auseinander. In der Stille können sie sich besser konzentrieren und reflektieren, was im Unterricht erklärt wird. Warum also sollte man sie zwingen, lauter zu sein?

Schüler haben zu wenig Zeit zum Nachdenken

"Alle Menschen haben Nervensysteme, die unterschiedlich auf Reize reagieren, daher hat jeder von uns andere Bedürfnisse, wenn es darum geht, am besten und intensivsten zu lernen", erklärte Susan Cain, Autorin des Bestsellers " Quiet: The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking" dem Magazin "Science of Us".

Die meisten Kinder brauchen mehr Zeit als ihnen in der Schule gelassen wird, um einen sinnvollen Schluss aus dem Unterrichtsstoff zu ziehen. Und damit sind nicht nur stille Schüler gemeint.

"Viele Kinder lernen besser, indem sie nachdenken und Stoff in der Tiefe verarbeiten", erklärt Cain. "Sie möchten sich dann am Unterricht beteiligen, wenn es wirklich etwas gibt, das sie gerne mitteilen möchten. Doch man gibt ihnen das Gefühl, dass sie ständig etwas sagen müssen."

Introvertiertheit wird mit Schwäche verwechselt

Was in unseren Schulen passiert ist, ein Abbild dessen, was in modernen Gesellschaften gelebt wird: Introvertiertheit gilt nicht gerade als Stärke. Ein Blick in den Duden bestätigt es:

Der Begriff "introvertiert" wird mit den Adjektiven verschlossen, zurückhaltend, distanziert und zugeknöpft erklärt. Ganz anders steht es um die Extrovertierten. Sie sind laut Duden aufgeschlossen, gesellig, kontaktfreudig, weltoffen, kommunikationsfähig.

Doch die Kraft der Stillen wird vollkommen unterschätzt. Untersuchungen haben gezeigt, dass introvertierte Menschen eine höhere Gehirnaktivität haben als extrovertierte. Sie treffen im Job oft die besseren Entscheidungen, haben eine hohe emotionale Intelligenz und eine bessere Konzentrationsfähigkeit.

Initiative Quiet Schools Network als Vorbild

Unser Umgang mit stillen Kindern in der Schule muss sich also dringend ändern. Doch wie?

Susan Cain und die Lehrerin Heidi Kasevich haben für die Initiative Quiet Schools Network einige Ideen entwickelt, die den Unterricht für alle Kinder verbessern können.

Eine Methode, die sehr schnell umsetzbar ist, besteht darin, der Klasse einige Minuten Zeit und Ruhe zulassen, um eine Frage zu beantworten. Dies hilft nicht nur den stillen Kindern. Auch die Extrovertierten, die sich häufig zu Wort melden, bevor sie wissen, was sie überhaupt sagen wollen, profitieren von der so gewonnenen Reflexionszeit.

Mehr als eine Möglichkeit, Wissen abzufragen

Cain und Kasevich sind der Ansicht, dass Lehrer und Schulen verstehen müssen, dass es nicht nur eine Möglichkeit gibt, um Stoff abzufragen. Man kann stilleren Kindern die Möglichkeit bieten, ihr Wissen und Verständnis unter Beweis zu stellen, indem andere Unterrichtsmodelle in Erwägung gezogen werden.

Einige Lehrer berichten beispielsweise von Erfolgen, die sie durch die Einbeziehung von Social Media erreicht haben. Schüler bekommen die Möglichkeit, Fragen beispielsweise über Twitter und Facebook oder einen klasseninternen Blog zu beantworten.

"Es ist auffällig, dass die Schüler, die sich im Unterricht ungern melden, viel lautstärker sind, wenn sie in einem Online-Forum schreiben", sagte Cain gegenüber "Science of Us".

Erst nachdenken, dann wiedergeben

Stille Kinder sind eher bereit, vor einer Klasse zu sprechen, wenn sie genau wissen, was sie sagen wollen und sich mit ihren Wortmeldungen sicher fühlen. Lehrer können ihnen dabei helfen, indem sie der Klasse Zeit zur Vorbereitung geben.

Beispielsweise könnten Lehrer die Schüler auffordern, sich in Gruppen mit einem Thema auseinanderzusetzen. Erst im Stillen, dann im gegenseitigen Austausch mit dem Ziel, der Klasse das Gelernte zu erklären.

Laute Kinder lernen so, sich intensiver mit dem Stoff zu beschäftigen. Leise Kinder machen die positive Erfahrung, dass ihre Ideen und Gedanken wertvoll sind.

Ruhige Atmosphäre fördert Lernprozesse

Ein weiterer Ansatz besteht darin, die Räumlichkeiten von Schulen zu überdenken. Denn die typische Schule ist laut und grell erleuchtet. Insbesondere stille Kinder leiden darunter, haben aber kaum eine Chance, sich diesen Einflüssen zu entziehen.

Cain und Kasevich empfehlen daher, Räumlichkeiten in Schulen zu schaffen, in denen Stille möglich ist und Kinder zur Ruhe kommen dürfen.

Es gibt viele Möglichkeiten, den Schulalltag für stille Kinder zu verbessern. Doch dafür ist es zunächst einmal nötig, dass Lehrer und Schulen begreifen, was in ihnen vorgeht und warum es nötig ist, etwas zu verändern.


Video: Dieser Junge brach mit 16 die Schule ab und lernte nur noch das, was ihn interessierte

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: