POLITIK
18/03/2016 15:48 CET

Zum Tode von Guido Westerwelle: Der meist unterschätzte Politiker Deutschlands

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Als Minister hatte Guido Westerwelle zuletzt im Kabinett Merkel kaum noch Freunde gehabt. Und als seine FDP 2013 in die politische Bedeutungslosigkeit abstürzte, soll es in deutschen Studentenstädten zu Spontanpartys gekommen sein. Keine demokratische Partei seit der Strauß-CSU war in Deutschland so verhasst, wie die FDP von Guido Westerwelle.

Die Heute-Show hat ihn verlacht, das Feuilleton hat über seine Englischkenntnisse gespottet – und im politischen Berlin galt er ohnehin schon immer als Emporkömmling.

Und doch hat nun die Nachricht von Guido Westerwelles Tod tiefe Bestürzung in ganz Deutschland ausgelöst. Selbst seine politischen Gegner verneigen sich nun vor dem Mann, der im Alter von nur 54 Jahren an den Folgen seiner Leukämie-Behandlung gestorben war.

Gregor Gysi findet berührende Worte

Selbst der ehemalige Fraktionschef der Linken im Bundestag, Gregor Gysi, fand warme Worte für den Verstorbenen - obwohl beide sich politisch nicht hätten ferner stehen können:

"An Guido Westerwelle schätzte ich seine offene, seine humorvolle, seine libertäre und höchst tolerante Art. Natürlich lagen wir politisch oft auch weit auseinander. Aber wir konnten einander zuhören und auch nachvollziehen, weshalb wir jeweils zu unterschiedlichen Schlüssen kamen. (...) Der Tod von Guido Westerwelle tut vielen weh, auch mir."

Zuletzt hatte Westerwelle viele Sympathien gewonnen, weil er tapfer gegen seine Krebserkrankung kämpfte. Aber das erklärt nicht die riesige Anteilnahme an seinem Schicksal.

Guido Westerwelle war einer der meist unterschätzten Politiker Deutschlands

Die Wahrheit ist wohl, dass die deutsche Öffentlichkeit in den vergangenen zwei Jahren erkannt hat, was sie an Guido Westerwelle hatte. Der Bonner Liberale war wohl einer der meist unterschätzten Politiker dieser Republik. Ein rhetorisches Jahrhunderttalent, überzeugter Europäer und großer Kämpfer.

Ein Wirtschaftsliberaler reinster Färbung, der stets überall der Jüngste zu sein schien, und deshalb von vielen seiner politischen Gegner gleich doppelt verschmäht wurde.

Bereits mit 19 war Westerwelle stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, mit 21 deren Vorsitzender. Im Alter von 26 Jahren wurde er in den FDP-Bundesvorstand gewählt, und mit 32 zum Generalsekretär seiner Partei.

Akzente gegen 68er

Inhaltlich setzte er Akzente als Gegenspieler der damals diskursbestimmenden 68ern. Im Jahr 2001 stieg er schließlich zum bis dato jüngsten Parteivorsitzenden der FDP auf.

In einer Düsseldorfer Kneipe soll er kurz nach der Wahl auf die Woodstock und die 68er-Bewegung angesprochen worden sein. Sein Biograf Majid Sattar beschrieb diese Szene wie folgt:

"Später am Abend setzt er sich endlich, trinkt nun auch mal ein Bier, und führt, immer noch umgeben von Journalisten, die Guido-Show auf. Was solle denn das Gerede von der Spaßpartei, das komme doch von den Achtundsechzigern, die ihr eigenes Dasein immer schon moralisch überhöht hätten. Dann legt er los: Worum es denn in Woodstock gegangen sei? Saufen, kiffen, vögeln - das sei auch Spaßgesellschaft gewesen."

Immer der Jüngste

Westerwelle verantwortete einen oft belächelten, aber lange Zeit sehr erfolgreichen Bundestagswahlkampf im darauffolgenden Jahr, der ihn unter anderem in den "Big Brother"-Container führte.

Ab 2005 war er – mit nur 42 Jahren – Oppositionsführer im Bundestag. Und im Jahr 2009 führte er die FDP zu einem ihrer größten Wahltriumphe. Clever besetzte er die wirtschaftsliberale Lücke, die sich durch die sich bisweilen kapitalismuskritisch regierende Große Koalition auftat.

Die 14,6 Prozent Stimmanteil retteten seinerzeit Angela Merkel die Kanzlerschaft und bescherten Westerwelle die Ämter als Vizekanzler (bis 2011) und Außenminister (bis 2013).

Zerrieben in der schwarz-gelben Koalition

Doch schon bei der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags war zu spüren, dass die wesentlich älteren Koalitionspartner Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU) ihn kaum als gleichwertigen Partner akzeptieren würden.

Schön zu sehen war das, als die drei Politiker ihre Unterschriften unter das Papier setzten: Angela Merkel als Kanzlerin links, in klobigen Buchstaben, mit etwas Überhang in die Mitte. Westerwelle rechts, mit einem beinahe übermütig geschwungenen Guido-"G".

Vor versammelter Presse brummelte daraufhin Seehofer, weil für ihn zu wenig Platz geblieben war. Schließlich setzte er seine Signatur in epischer Breite eine Zeile weiter darunter aufs Papier. Ganz so, als wolle er Westerwelle für seine kecken Schnörkel abstrafen.

Westerwelle war ein Kämpfer

Als ob diese Anekdote ein Omen gewesen wäre, wurde die FDP in den darauffolgenden vier Jahren zwischen CDU und CSU zerrieben. Sie schaffte es nicht, den Bürokratieabbau voranzutreiben, und auch eine Steuersenkung war mit Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht zu machen.

Westerwelle trat 2011 von seinen Ämtern als Vizekanzler und Parteichef zurück. Und spätestens in diesem Moment hätten auch seine Kritiker verstehen können, dass Westerwelle keineswegs immer leicht hatte. Im Gegenteil: Er hatte in seinem Leben oft mit persönlichen und beruflichen Krisen zu kämpfen.

Seine Eltern ließen sich scheiden, als er gerade einmal neun Jahre alt war. "Es gibt keine unerfreulicheren Scheidungsauseinandersetzungen als zwischen zwei Volljuristen, die beide Anwälte sind", deutete Westerwelle später gegenüber seinem Biografen Sattar an, wie sehr in dieser Rosenkrieg belastet haben muss.

Geschenkt wurde ihm nichts

Auch in der Schule lief es nicht immer rund. Westerwelle musste vom Gymnasium wegen schlechter Leistungen abgehen und besuchte einige Jahre eine Realschule im Bonner Stadtteil Graurheindorf. Sein Abi musste er sich später erkämpfen.

So lief es dann auch in der Politik. Geschenkt wurde Westerwelle nichts. Schon bei seiner ersten wichtigen Wahl im Jahr 1981 scheiterte Westerwelle im ersten Durchgang als Kandidat für den stellvertretenden Bundesvorsitzend der Jungen Liberalen.

Jahre später, als die Bundes-FDP in Bonn einen neuen Generalsekretär suchte, wurde er mehrmals übergangen. Zu einem Ministeramt im Kabinett Kohl hatte es nie gereicht.

Westerwelle war kein Emporkömmling

Guido Westerwelle war in seinem Leben sehr viel: Jurist, mit wechselndem Erfolg Parteichef der FDP, Minister, liberaler Vordenker. Aber eines war er sicher nie: ein Emporkömmling. Dafür hat er Zeit seines Lebens viel zu viel kämpfen müssen.

Westerwelle lebte in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit dem Sportmanager Michael Mronz. Die beiden waren seit 2004 ein Paar.

Im Sommer 2015 schien es einige Zeit lang so, als könne der liberale Politiker seine Krankheit besiegen. Im Dezember des gleichen Jahres musste er sich jedoch wieder im Krankenhaus behandeln lassen.

Mit Guido Westerwelle hat Deutschland eine der prägendsten politischen Figuren der vergangenen 30 Jahre verloren. Das bekennen an diesem Tag auch seine ehemaligen Gegner.

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Diese Rede von Guido Westerwelle wird in Erinnerung bleiben – sie ist aktuell wie nie