POLITIK
18/03/2016 01:42 CET | Aktualisiert 18/03/2016 01:59 CET

Kaum jemand glaubt an Merkels Türkei-Deal

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Bundeskanzlerin Angela Merkel will heute ihren Flüchtlingsdeal mit der Türkei abschließen

  • Die überwiegende Mehrheit der Deutschen glaubt nicht, dass der Türkei-Deal zu einem Rückgang der Flüchtlingszahlen führt

  • Damit stimmen sie mit EU-Insidern überein

  • Doch Umfragen halten auch eine Überraschung für Merkel-Kritiker bereit

Es soll der große Befreiungsschlag werden. Heute will Angela Merkel den Deal zwischen der Türkei und der EU zum Abschluss bringen. Demnach soll das Land illegal eingereiste syrische Flüchtlinge zurücknehmen. Im Gegenzug soll die EU die gleiche Menge legal einreisen lassen.

Sie ist sich sicher, dass das Abkommen zu einer schnellen Reduzierung der Flüchtlingszahlen führt. Sie ist sich dessen sogar so sicher, dass bisher nur über ein Kontingent von 72.000 Menschen verhandelt wird, das legal in die EU einreisen dürfen soll.

Die Deutschen glauben nicht an Merkels Türkei-Deal

Die Mehrheit der Deutschen ist da andere Meinung. Sie glaubt nicht, dass der EU-Gipfel mit der Türkei eine dauerhafte Lösung der Flüchtlingskrise bringt. In einer Emnid-Umfrage für N24, den TV-Sender der "Welt"-Gruppe, gaben 71 Prozent der Befragten an, dass sie durch den Deal keine nachhaltige Reduzierung der Flüchtlingszahlen erwarten.

Wenig überraschend: Unter AfD-Wählern ist mit 96 Prozent die Skepsis besonders hoch. Doch auch 71 Prozent der Wähler der Union erwarten keinen dauerhaften Rückgang durch den Türkei-Deal.

Umgekehrt gaben nur 26 Prozent der Deutschen an, dass sie der Ansicht sind, die Flüchtlingszahlen würden dadurch langfristig zurückgehen.

EU-Politiker sind ähnlich skeptisch wie die Deutschen

Ähnlich die Ergebnisse einer Erhebung des YouGov-Instituts für die Deutsche Presse-Agentur: Demnach glauben nur 21 Prozent, dass es gelingt, mit Unterstützung der Türkei den Flüchtlingszuzug zu begrenzen. 71 Prozent halten diese Erwartung für unrealistisch.

Damit sind die Deutschen ähnlich skeptisch wie EU-Politiker. Das Magazin "Politico" machte eine Umfrage unter 90 "Insidern" - EU-Politikern oder Menschen, die in irgendeiner Weise an den Verhandlungen beteiligt sind. Von diesen EU-Insidern sind die Namen und ihre Positionen bekannt, jedoch nicht, wie der einzelne abgestimmt hat.

Von den Insidern erwartet die überwältigende Mehrheit, dass der Türkei-Deal tatsächlich zustande kommt - ganze 89 Prozent. Die meisten versprechen sich allerdings wenig von ihm.

"Türkei-Deal wird nur geringfügigen Einfluss auf Flüchtlingszahlen haben"

64 Prozent gaben an, dass sie erwarten, dass der Flüchtlingsdeal den Zustrom von Flüchtlingen nur "geringfügig" reduzieren wird oder "nur einen sehr kleinen Unterschied" machen wird.

Einer der Teilnehmer gab an, dass die Umsetzung des Plans "stümperhaft" sein wird und der Erfolg vor allem von den Ereignissen in Syrien abhängt. Er gab an, dass die Schließung der Balkanroute der effektivere Weg zur Verringerung der Flüchtlingszahlen sei - aber nur, bis eine Ausweichroute entstanden sei. 85 Prozent erwarten, dass es in Schengenland auch am Ende des Jahres weiterhin Grenzkontrollen eben wird.

Wer jetzt erwartet, dass diese Zahlen Ausdruck eines überwältigenden Misstrauens gegenüber Angela Merkel sind, wird allerdings überrascht.

Mehrheit der Deutschen will Flüchtlinge aus Idomeni einreisen lassen

Eine knappe Mehrheit unter Anhängern aller Parteien, 47 Prozent, lehnte bei der N24-Umfrage eine Verschärfung der Flüchtlingspolitik ab, 44 Prozent der Befragten wollen eine härtere Linie. Eindeutiger fällt dieser Wert unter den CDU-Wählern: 39 Prozent sind für eine Verschärfung, 54 dagegen. Von einer breiten Ablehnung von Merkels Flüchtlingspolitik kann also keine Rede sein.

Eine Mehrheit möchte sogar die Flüchtlinge aus dem griechischen Grenzort Idomeni einreisen lassen: Auf die Frage, ob Merkel darauf dringen sollte, die mazedonische Grenze wieder zu öffnen, antworten 51 Prozent der Befragten mit "Ja". 41 Prozent wollen die Grenze geschlossen sehen. Vor allem die Wähler der CDU befürworten die Grenzöffnung - ganze 71 Prozent.

Und auch die EU-Insider stehen hinter Merkel. Eine Mehrheit von 50 Prozent bewertete ihre Rolle in der Flüchtlingskrise als positiv, 38 dagegen als negativ. Ganze 70 Prozent sagten, sie solle 2017 wieder als Kanzlerkandidatin in Deutschland antreten.

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit dem Spendenportal Betterplace.org stellt die Huffington Post spannende Projekte vor, die ihr direkt unterstützen könnt:


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