POLITIK
17/03/2016 07:41 CET | Aktualisiert 17/03/2016 08:34 CET

Wie Passaus Bürgermeister die Nerven behielt, obwohl Zehntausende Flüchtlinge in seine Stadt kamen

dpa

An die Nacht, in der es extrem wurde, kann sich Jürgen Dupper noch genau erinnern.

Der 26. Oktober war es, als ihn den ganzen Tag über Meldungen über ungewöhnlich hohe Flüchtlingszahlen an der Grenze zu Österreich erreichten.

Bei einer Veranstaltung klingelte dann plötzlich sein Handy. Am anderen Ende war die Polizei. Tausende Flüchtlinge hätten sich von den Grenzübergängen auf den Weg nach Deutschland gemacht.

“Ich habe in dieser Nacht nicht geschlafen”, sagt Dupper im Gespräch mit der Huffington Post.

"Ohne die Freiwilligen wären wir gescheitert"

Dupper hatte über Nacht die Dreiländerhalle geöffnet, Fahrer geordert, die schon Feierabend hatten und sich nochmal ans Steuer setzten, um mit Bussen Leute von der Grenze ins Trockene zu bringen. Außerdem bestellte die Stadt kurzehand einen Caterer, der Eintopf kochte.

"Diese Nacht war eine Ausnahme", sagt er heute. Aber sie steht exemplarisch für das, was sich in Passau seit Beginn der Flüchtlingskrise abspielt. Zehntausende Flüchtlinge sind seither in Passau angekommen. In der Spitze waren es 40.000 in einer Woche. Sie alle wurden verpflegt und zeitweise untergebracht, bevor sie in Bayern und dem Rest der Republik verteilt wurden.

Und die Nacht steht exemplarisch dafür, wie großartig die Stadt mit der Extremsituation umgeht. Polizei, Rettungskräfte, THW arbeiten Hand in Hand.

Es gibt unzählige Freiwillige, “ohne deren Engagagement wir ein großes Problem gehabt hätten”, sagt Dupper. Gleichzeitig gibt es keine Massen-Aufmärsche der Pegida, keine rechten Übergriffe auf Flüchtlingsheime.

Während Politiker in der ganzen Republik weiterhin Alarm schlagen, sieht Dupper die Lage optimistisch - und ist dabei bescheiden. “Wir sehen uns nicht als Musterknaben. Andere Kollegen haben auch hervorragende Arbeit gemacht - und Deutschland hat die Lage bis dato hervorragend gemeistert. Es gibt keinen Grund, Panik zu machen.”, sagt Dupper.

Und weiter: “Ich würde sagen: Ja, wir haben das geschafft.” Geschafft hat es Passau aus mehreren Gründen.

Die Stadt bekam die steigende Zahl der Flüchtlinge als eine der ersten mit: Schon 2014 waren Flüchtlinge gekommen, sodass man Notunterkünfte baute und Strukturen aufbauen konnte - zum Beispiel eine Zusammenarbeit zwischen Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften.

Dupper sieht einen anderen Grund in der Geschichte der Stadt. “Es ist nichts ungewöhnliches, dass Fremde zu uns kommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Fall der Sowjektunion kamen zu uns Vertriebene und Spätaussiedler aus dem Osten”, sagt der SPD-Politiker.

"War wichtig, den Menschen die Angst zu nehmen"

Außerdem hat Dupper sich sehr früh die Sorgen der Bürger angehört. “Auch in Passau haben die Menschen Sorgen”, sagt er. Man frage sich, wie sich die Flüchlingskrise auf den Wohnungs- und Arbeitsmarkt auswirken.

“In der heißen Phase haben wir deswegen Bürgerversammlungen gemacht, in denen ich versucht habe, alle Fragen zu beantworten. Es war wichtig, den Menschen die Angst zu nehmen. Dann verfallen sie auch nicht Hysterie”, sagt Dupper.

Und auch, wenn sich die Lage gerade etwas entspannt hat. “Die Strukturen haben wir nicht eingemottet, sondern können sie jederzeit wieder hochfahren. Ich gehe davon aus, dass die Flüchtlingszahlen spätestens im Sommer wieder ansteigen werden.” Das wird die Stadt 2015 und 2016 etwa zwei bis drei Millionen Euro aus eigener Tasche kosten. Aber das ist es Dupper wert.

“Es war immer unser Anspruch, dass wir eine humanitäre Situation schaffen - und gleichzeitig Ordnung haben. Diesem Anspruch sind wir trotz monatelangem Stress gerecht geworden.”

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