POLITIK
17/03/2016 14:29 CET | Aktualisiert 17/03/2016 20:29 CET

So krass würde sich Deutschland verändern, wenn die CSU sich von der Union abspalten würde

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Seit Monaten poltert CSU-Chef Horst Seehofer gegen die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Spätestens seitdem Seehofer die Politik der Bundesregierung als "Herrschaft des Unrechts" bezeichnet hat, legen ihm immer mehr Menschen nahe, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU in Berlin zu beenden.

Dann träte die CSU wohl bundesweit bei Wahlen an - und die CDU in Bayern.

Neu ist, dass Seehofer diese Gedankenspiele selbst befeuert. Der "Passauer Neuen Presse" sagte er, er wolle keine "Ewigkeitsgarantien" für die Zusammenarbeit mit der CDU abgeben.

Aber was hieße das am Ende eigentlich konkret? Was würde passieren, wenn CDU und CSU getrennte Wege gingen? Die Huffington Post stellt ein mögliches Szenario dafür vor.

1. Die CSU wird der CDU bundesweit Stimmen abjagen

Viele konservative CDU-Anhänger sehnen sich insgeheim schon lange nach dem Moment, in dem sie endlich ihr Kreuzchen bei der CSU machen können.

Nicht nur, dass die CSU aus Sicht vieler Konservativer glaubhaft für traditionsbewusste Menschen wie Heimat, Religion und Familie steht – durch ihr aus historischen Gründen stärker ausgeprägtes soziales Profil bedient sie auch die Sehnsucht nach gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Besonders in den Nachbarländern Baden-Württemberg und Hessen wäre sie in der Lage, den Christdemokraten Stimmen abzunehmen. Dort gibt es sehr viele konservative Christdemokraten, die sich in der Vergangenheit durch diverse Kursschwenks (zum Beispiel durch die schwarz-grüne Koalition in Wiesbaden) von ihrer Partei entfremdet haben.

Unter Umständen wäre eine bundesweit antretende CSU sogar in der Lage, der CDU etwa fünf Prozentpunkte abzunehmen. Das würde die Chancen für die SPD erhöhen, mittelfristig wieder den Bundeskanzler zu stellen.

2. Womöglich könnte die CSU sogar den Aufstieg der AfD bremsen

Grundsätzlich gilt: Wer ohnehin schon rassistische Vorurteile pflegt, der wählt eher AfD als CSU.

Das musste Horst Seehofer schmerzlich feststellen, als seine Partei trotz heftigster Angriffe auf die "Bulgaren und Rumänen" im Vorfeld der Europawahl 2014 eines der schlechtesten CSU-Ergebnisse bei einer landesweiten Wahl seit Gründung der Bundesrepublik einfuhr.

Dennoch könnte die CSU vor allem außerhalb Bayerns (wo sie selbst nicht an der Landesregierung beteiligt ist) von der Kritik an der Merkel-CDU profitieren. Dort könnte sie jene Wähler für sich gewinnen, die noch Zweifel daran hegen, ob ihnen die AfD nicht vielleicht doch zu radikal ist.

Damit hätte die CSU eine Pufferfunktion zwischen der sich immer sozialdemokratischer gerierenden Kanzlerin und der rechtsradikalen AfD inne. Sie könnte Heimat derer werden, die sich politisch dazwischen positionieren.

3. Unklar ist jedoch, wo Seehofer das Personal herbekommen würde

Aus mathematischer und soziologischer Sicht mag der Zug vielversprechend sein, die CSU bundesweit antreten zu lassen. Aus praktischer Sicht könnte er sich jedoch schnell als Alptraum erweisen.

Wie will es Seehofer beispielsweise schaffen, in Ländern wie dem Saarland oder Bremen eine wählbare Landesliste aufstellen zu lassen? Jahrelang hat Seehofer als bayerischer Ministerpräsident alles dafür getan, um die Bewohner dieser Bundesländer im Zuge der Gespräche über den Länderfinanzausgleich wie verschwenderische Volldeppen dastehen zu lassen. Das dürfte den Aufbau von Parteistrukturen – vorsichtig gesagt – kompliziert werden lassen.

Oder in Schleswig-Holstein, das kulturell ungefähr genauso weit von Bayern entfernt ist wie die Niederlande von Österreich. Oder in Berlin, das in Seehofers Duktus schon immer als das Sündenbabel galt, in dem mit den hart verdienten bayerischen Steuermillionen Konfetti gespielt wird. Oder in Mecklenburg-Vorpommern, wo selbst die CDU nur 5.500 Mitglieder hat und damit in diesem großen Flächenland auf Strukturprobleme stößt.

4. In Bayern selbst droht der CSU die Kernschmelze

Viel wichtiger für das langfristige Überleben der CSU dürfte es deshalb sein, ob sie ihren Status als "bayerische quasi-Staatspartei" sichern kann. Und daran darf man ernste Zweifel hegen, falls die CDU umgekehrt auch in Bayern antritt.

In Altbayern verfügt die CSU zwar über eine gefestigte Machtbasis. Auch in Schwaben dürfte sie kaum nennenswerte Verluste erleiden. In Franken und der Oberpfalz aber, wo immerhin ein Drittel der Bayern leben, ist es mit der Popularität der CSU mitunter schlecht bestellt.

Hier, in den strukturschwachen Regionen des Freistaates, fühlen sich viele Menschen von der Regierung in München alleingelassen.

Hinzu kämen noch die urbanen Ballungsräume im ganzen Land, in denen sehr viele Zugewanderte aus anderen Teilen Deutschlands leben: vor allem München, Ingolstadt und Augsburg. Dort dürfte die CDU ebenfalls punkten.

Zusammengenommen dürfte die absolute Mehrheit für die CSU in unerreichbare Ferne rücken. Mehr noch: Mit den Stimmen der CDU wäre ein Mehrparteienbündnis der bayerischen Opposition möglicherweise mehrheitsfähig.

Damit müsste die CSU nach knapp 60 Jahren die Staatskanzlei in München räumen. Und manch einer wird sich dann wohl im Stillen fragen müssen, ob es das am Ende wert war.

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