POLITIK
15/03/2016 12:45 CET | Aktualisiert 16/03/2016 04:16 CET

"Extremismus der Mitte": Eine neue Studie zeigt, dass der Hass auf die Armen salonfähig geworden ist

  • Deutschland sucht nach Antworten für den Rechtsruck

  • Etablierte Parteien geben der Flüchtlingskrise die Schuld

  • Der wahre Grund betrifft uns alle, denn wir haben jeden Tag damit zu tun

Deutschland ringt nach Antworten auf das Erdbeben der Rechten. Die AfD-Wähler sind Ausländerfeinde, wollen Flüchtlinge erschießen, sind "besserverdienende NPD-Wähler", toben die angekratzten Volksparteien in deutschen Polit-Talkshows. Entschärft sich die Flüchtlingskrise, so sagen viele, stirbt die AfD. Basta.

Eine Studie des Leipziger Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung sagt etwas anderes. Der wahre Grund für den Vormarsch der Rechten ist viel besorgniserregender. Er betrifft uns alle. Denn wir haben jeden Tag mit ihm zu tun.

Europas Rechtspopulisten ernähren sich nicht vom Tellerrand der Gesellschaft

Rund 4300 Haushalte haben die Leipziger Wissenschaftler unter der Leitung des Politologen Oliver Decker im Zuge der sogenannten "Mitte-Studie" befragt. Grundlage für die Politikwissenschaftler ist eine Annahme, die sich vom üblichen Bild des sozial abgehängten Rechtsextremisten unterscheidet.

In der Geschichte befeuerten meist Wirtschaftskrisen rechts- aber auch linksextreme Einstellungen damaliger Arbeiter-Millieus, so die gängige Erklärung. Die Studie offenbart: Parteien, wie die britische Ukip, die Goldene Morgenröte aus Griechenland, aber auch die rechtspopulistische Alternative für Deutschland ernähren sich nicht vom Tellerrand der Gesellschaft. Sondern von einem "Extremismus der Mitte".

Warum herrscht heute eine "Panik im Mittelstand"?

Der Soziologe Theodor Geiger spricht hier von einer "Panik im Mittelstand". Schon im Deutschland der 30er-Jahre keimte der Faschismus in dem Milieu auf, das dem Extremismus zunächst unverdächtig war, heißt es weiter in der Studie. Mit einem Unterschied: Anders als zu dieser Zeit, ist die deutsche Wirtschaft heute stabil.

Unter diesem Vorzeichen befragten die Politologen Menschen aus West-und Ostdeutschland, wie stark sie eine Diktatur befürworten würden. Sie erhoben Faktoren, wie Ausländerfeindlichkeit und die Verharmlosung der NS-Zeit. Das Ergebnis ist erstaunlich.

In Ostdeutschland ist die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen eigentlich gesunken

"Der Anteil derjenigen, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben, ist in ganz Deutschland klar zurückgegangen", bewerten die Leipziger das Ergebnis. Waren es im Jahr 2002 noch 9,7 Prozent, sank der Anteil auf 5,6 Prozent im Jahr 2014. Am stärksten ist die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen in Ostdeutschland gesunken. Hier, so schreiben die Politologen, "erreichen sie 2014 zum Teil die niedrigsten Werte seit Beginn der Messungen".

Wie lässt sich dann erklären, dass jeder Vierte im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt die AfD gewählt hat - eine Partei, die einen Schießbefehl gegen Flüchtlinge befürwortet?

Die Antwort der Politologen: Während die Ausländerfeindlichkeit insgesamt abgenommen hat, hat der Hass auf bestimmte Gruppen von Migrantinnen und Migranten zugenommen - insbesondere auf Menschen, die in Armut kommen. Das gilt für die Wähler der AfD. Aber auch für die Wählerschaft der großen Parteien SPD und CDU, also den Volksparteien der "Mitte".

Verstoß gegen unsere oberste Autorität: Die Märkte

Deutsche hätten weniger Vorbehalte gegen britische Bürger oder polnische Ärzte, weil sie "Deutschland einen Ertrag bringen oder kulturell nahe stehen." Asylsuchende, vor allem muslimische, werden dagegen als Bedrohung der obersten Autorität unseres Kulturkreises wahrgenommen: Der Ökonomie.

Nach Ansicht des Leipziger Rechtsextremismusforschers Oliver Decker ist die starke Wirtschaft für das Nachkriegsdeutschland zu einer Art Religionsersatz geworden. Die Autorität der Ökonomie erfülle mehrere psychologische Funktionen: "Erstens wirkt sie als narzisstische Plombe, zweitens ist sie an die Stelle der personellen Autorität getreten."

Asylsuchenden werden zur Ersatz-Zielscheibe

Sobald sich Mitbürger nicht "erfolgreich" dieser Autorität unterordnen, schürt das Aggressionen, lautet die Erklärung der Studie. Normalerweise sollten sie sich diese gegen die Ökonomie richten. Doch werden Asylsuchende, Muslime und Muslima, aber auch Sinti und Roma zur Ersatz-Zielscheibe. Flüchtlinge werden also zum Sündenbock für die Zwangsmühlen des "ökonomischen Primats".

Aus Sicht der Leipziger Wissenschaftler steht das auch im Zusammenhang mit einer wachsenden Islamfeindlichkeit. Demnach würde "die Zwangsstruktur der kapitalistischen Gesellschaft in direktem Zusammenhang mit einer religiösen Sehnsucht stehen", erklären die Politologen unter Berufung auf die Ansichten Max Webers. Ähnlich zum Antisemitismus sei auch die Islamfeindschaft Ausdruck einer "schlecht vollzogenen Säkularisierung" in Europa.

Vereinfacht gesagt: Während Muslime zu Allah beten, sind Europa nur noch die Märkte heilig. Insgeheim könnten viele den Islam also nur deshalb hassen, weil sie sich auch für ihr Leben einen göttlichen Sinn zurückwünschen.

Rechtsextreme kommen mit persönlichen Problemen nicht klar

Darüber hinaus brachte die Studie auch Faktoren ans Licht, die direkt mit der Persönlichkeit verbunden sind. Oft stehe hinter einer rechtsextremen Einstellung das Gefühl der Befragten, keinen Einfluss auf relevante politische Entscheidungen zu haben, und "im Leben auf sich selbst gestellt zu sein."

Menschen, die sich von extremen antidemokratischen Parteien locken ließen, zeigten dabei eine Gemeinsamkeit: Sie haben Schwierigkeiten "mit belastenden Lebensereignissen umzugehen."

Verstörend: Zwar ist häusliche Gewalt bei der Erziehung im Vergleich zu früheren Zeiten seltener geworden. "Mit der Abnahme körperlicher Gewalt in der Kindheit, nimmt bei der Mehrzahl der Menschen aber das Gefühl der Überforderung zu", attestiert die Studie.

Und mit dem Gefühl der persönlichen Überforderung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, einer rechtspopulistischen Partei wie der AfD in die Arme zu laufen.

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