POLITIK
14/03/2016 00:58 CET | Aktualisiert 21/05/2016 12:02 CEST

Zwei Talkshows zeigten den Realitätsverlust der Großen Koalition

Ursula von der Leyen bei "Anne Will"
ARD Mediathek
Ursula von der Leyen bei "Anne Will"

Mit gleich zwei Talkshows versuchten die Öffentlich-Rechtlichen, die Wahlen aufzubereiten. Maybrit Illner, die sonst am Donnerstag sendet, trat gegen Anne Will an, die auf ihrem gewohnten Platz sendete. Beide Sendungen ähnelten sich überraschend - und zeigten einen besorgniserregenden Realitätsverlust in der Großen Koalition.

Die Moderatorinnen traten mit fast gleichlautenden Titeln an - man beachte die Setzung von Fragezeichen und Gedankenstrichen: "Die Richtungswahl – Abrechnung mit Merkels Flüchtlingspolitik?" fragte Will und "Wahlen im Land – Quittung für Berlin?" titelte Illner.

Realititätsverlust bei der CDU

Und auch die Gästelisten ähnelten sich. Will hatte als AfD-Vertretung Beatrix von Storch, (Illner: Frauke Petry), Ralf Stegner von der SPD provozierte die AfD Frau zuverlässig mit NPD-Vergleichen (bei Illner übernahm diese Rolle Thomas Oppermann).

Als Kanzlerinnen-Verteidiger war Ursula von der Leyen eingeladen (Illner: Peter Tauber). Robert Habeck vertrat die siegreichen Grünen (Illner: Karin Göring-Eckhardt) und als außenstehender politischer Beobachter war der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter im Studio (Illner: "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo).

Bei den Parteien der Großen Koalition schienen die Wahlergebnisse noch nicht richtig verarbeitet worden zu sein. Die CDU verliert die Mehrheit in zwei sicher geglaubten Bundesländern, die AfD zieht mit zweistelligen Ergebnissen in alle drei Landtage ein und wird sogar zweitstärkste Partei in Sachsen-Anhalt - aber Ursula von der Leyen ficht dies nicht an.

Auf die Frage, ob mit den Ergebnissen vor allem in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz die CDU für die Politik der Kanzlerin abgestraft worden sei, antwortete die Verteidigungsministerin bei "Anne Will" ungerührt: "Nein, definitiv nicht." Man müsse die Ergebnisse "differenziert" sehen, es habe Wanderungen aus allen Parteien zur AfD gegeben.

Die aktuellen Entwicklungen der Wahlen in den Newsblogs:

Sie liest aus den Ergebnissen sogar eine "breite Zustimmung zu einer eu-ro-päischen Lösung der Flüchtlingsfrage". Im Zweiten, bei "Maybrit Illner", versuchen eben diese Nummer auch CDU-General Peter Tauber ("Licht und Schatten" oder "gut vorangekommen") und SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann ("gemischtes Wahlergebnis").

Di Lorenzo platzt der Kragen

Bis "Zeit"-Chef Giovanni di Lorenzo bei "Will" der Kragen platzt: "Jeder versucht sich hier etwas herauszugreifen, was ihn noch zum Wahlsieger machen könnte." Die Parteien der Großen Koalition hätten aber vielmehr "eine Quittung" bekommen und deshalb solle man sich bloß nicht "selbstgefällig zurücklehnen". Gerade die SPD, einst stolze Partei, sei "in einer bemitleidenswerten Rolle".

Die Menschen, die jetzt AfD gewählt hätten, stellten manche Fragen zu Recht. Und wenngleich er sich wünscht, dass es in Zukunft wieder weniger Populisten geben würde, mahnt er die großen Parteien, "endlich die Bürger abzuholen".

Allein, das passierte nicht. Beide Talkshows verliefen auch nach einem ähnlichen Schema. Da sitzen drei oder vier Politiker, die sich einig sind über die AfD – und so fällt es den anwesenden AfD-Politikern leicht, sich als "Opfer der politischen Klasse" in Szene zu setzen.

"AfD ist eine NPD für Besserverdienende"

Recht schnell redete man nicht mehr über die Wahlen oder über die Politisierung der Gesellschaft, sondern nur noch: über die AfD, was natürlich Beatrix von Storch entgegen kam. "Die Menschen erkennen die Arroganz der Macht", sagte sie zu den Wahlen. Stegner redete sich gewohnt in Rage, Habeck nannte die AfD eine "NPD für Besserverdienende".

Bei "Illner" wird die Sendung schnell zu dem erwartbaren Geplänkel zwischen einer gewohnt schnippisch-empörten Frauke Petry und den etablierten Politikern: "Sie wollten es doch hören", raunzt Petry die Grüne Göring-Eckardt an. "Dann hören Sie auch zu!"

Umgekehrt adressiert Peter Tauber an Petry: "Wenn Sie zuhören, dann lernen Sie, das ist das Prinzip der Pädagogik!" Petry fragt darauf mit aller Ironie in der Stimme: "Und das können Sie?"

Aus den beiden Sendungen lässt sich ein besorgniserregendes Resümee ziehen: Die "Quittung", von der Di Lorenzo sprach, scheint bei der Großen Koalition nicht angekommen zu sein.

Da sitzen Politiker, die glauben, dass Nazi-Vergleiche ausreichend wären, um sich mit der AfD auseinanderzusetzen. Die noch nicht realisiert haben, dass Deutschland gerade einen einschneidenden Wandel durchmacht. Die glauben, die AfD sei noch immer ein Rand-Phänomen, das irgendwann wieder von selbst verschwinden wird.

Doch das wird wohl nicht passieren.