POLITIK
13/03/2016 07:08 CET | Aktualisiert 13/03/2016 07:50 CET

"Bolschewiken-Fressen fotografieren" - So entlarvte sich die AfD im Südwesten bei ihrer Abschlusskundgebung selbst

dpa
AfD-Wahlplakat

  • Die AfD präsentierte sich auf ihrer Abschlusskundgebung als bürgerliche Partei

  • Gegendemonstranten stürmten den Saal

  • In seiner Rede entlarvte sich Wahlkreiskandidat Stefan Räpple selbst

Die AfD wäre so gern eine bürgerliche Partei. Eine, die Dinge beim Namen nennt, die "unangenehme Wahrheiten" ausspricht. Die Handwerkern und Professoren eine ideelle Heimat gibt und deren Programm aus "mehr als einem Thema" besteht.

Doch manchmal genügen einige wenige Augenblicke. Einige harmlose Nadelstiche. Und dann entweicht die Luft aus dem bürgerlichen Selbstbild der AfD wie aus einem geplatzten Luftballon.

Zu beobachten war das auf der Abschlusskundgebung der baden-württembergischen AfD in Offenburg. Gut 500 Menschen waren in eine Sporthalle gekommen, um die Parteivorsitzende Frauke Petry reden zu hören. Vor dem Gelände standen 120 Gegendemonstranten. Es wehten Fahnen der Piratenpartei und der SPD. Überzeugte Christen waren dabei, auch einige Grüne.

Tumultartige Szenen bei AfD-Kundgebung

Etwa zwei Dutzend von ihnen schafften es in den Saal. Wo sie sehr schnell versuchten, die Auftaktrede des örtlichen Wahlkreiskandidaten Stefan Räpple zu stören. Dann ging alles ganz schnell.

"Wir bitten nun die Polizei, die Störer dieser Versammlung nach draußen zu begleiten", sagte Räpple ins Mikrofon. Allein für dieses Statement bekam er Standing Ovations und Jubelrufe.

Leider brauchte die Polizei einige Minuten, um der Lage Herr zu werden. In der Zwischenzeit spielten sich tumultartige Szenen in der Halle ab. Ordner gingen teilweise mit Gewalt gegen die meist jugendlichen Demonstranten vor. Eine junge Frau wurde von einem wütenden, breitschultrigen Mann umgerempelt, zwischen einem anderen Demonstranten und einem AfD-Anhänger kam es fast zu einer Schlägerei.

"Bolschewiken-Fressen fotografieren"

Doch auch diejenigen, die nicht handgreiflich wurden, zeigten sich wenig zimperlich. "Jetzt will ich mal ein paar Bolschewiken-Fressen fotografieren!", rief ein Herr mit ergrautem Haarkranz und hielt seine Kamera hoch. Zwei Stuhlreihen weiter gab ihm einer der wenigen älteren Demonstranten Kontra.

"Ihre feine Partei, erinnert sie das hier nicht an 1933?", ätzte der Mann in die Runde. "Ihr macht mit der identitären Bewegung gemeinsame Sache. Sie kennen doch die identitäre Bewegung, oder?", und natürlich hatte der "Bolschewiken"-Fotograf die Anspielung auf die rechtsextreme Gruppe verstanden. Das machte ihn jedoch nur noch wütender.

Gut 20 Minuten brauchte die Polizei, um den hinteren Teil der Halle zu räumen.

Was dann folgte, war jedoch nur in Teilen geeignet, um den Anspruch der AfD auf Bürgerlichkeit zu rechtfertigen.

Räpple etwa beklagte sich darüber, dass manche Antifa-Demonstranten bei öffentlichen Kundgebungen Plakate hochhielten wie "Deutschland, du miese Scheiße!" Das sei schlechter Stil.

Dass führende AfD-Politiker wie Alexander Gauland jedoch mit der Pegida-Bewegung sympathisieren, wo regelmäßig von Demonstranten die Hinrichtung der Bundesregierung gefordert wird, das ließ Räpple der Bequemlichkeit halber unter den Tisch fallen.

Konfuse Äußerungen zu Waffeneinsatz an deutschen Grenzen

Auch seine Ausführungen zu den Äußerungen von Frauke Petry und Beatrix Storch über den Waffeneinsatz an deutschen Grenzen wirkten konfus.

Einerseits geht seiner Meinung nach aus dem Gesetzt zum "unmittelbaren Zwang" hervor, dass Grenzpolizisten mit Waffen ausgerüstet werden müssen (die sie freilich im Rahmen der ebenfalls im Gesetz festgeschriebenen Verhältnismäßigkeit nicht gegen unbewaffnete Zivilisten einsetzen dürften).

Andererseits sagte er: "Ich will nicht, dass auf Flüchtlinge geschossen wird, und das ist auch gut so!" Bezeichnenderweise erhielt er dafür nur lauen Applaus.

Zum Schluss raunte er vom Podium, dass Deutschland nur "eine halbe Demokratie" sei. Der Grund: Es gebe zu wenig Bürgerbeteiligung.

Eine andere Sache jedoch zeigte dieser Abend auch: Die AfD ist keineswegs mehr die "Ein-Themen-Partei", für die sie viele Kritiker gerne halten würden. Das war in der Gründungsphase ein durchaus nicht unberechtigter Vorwurf: Damals schlug die AfD sehr viel Profit aus der Euro-Krise – ein Programm hatte die Partei jedoch lange Zeit nicht, zumindest keines, das diesen Namen verdient gehabt hätte.

In Offenburg machte die AfD-Führung klar, dass sie die Wähler mit ganz unterschiedlichen Themen ansprechen will. Marcus Pretzell, der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende, hielt einen rhetorisch bisweilen brillanten Vortrag zum Thema Bürgerrechte.

Wähler dort abholen, wo sie sich fürchten

Einige Momente lang hätte man glauben können, dass Pretzell mit seiner Kritik an der NSA und den Datenskandalen der Vergangenheit ein linker Bürgerrechtsaktivist wäre.

Aber womöglich zeigte er damit vor allem, wie gefährlich es von Seiten der Regierung Merkel war, die NSA-Affäre totschweigen zu wollen. Die dabei entstandenen Scherben sammeln nun Männer wie Pretzell auf und fügen sie in ihr krudes Weltbild-Mosaik ein.

Denn eigentlich geht es Pretzell darum, seine Wähler dort abzuholen, wo sie stehen und sich fürchten. Mit all ihren Zweifeln am Staat und dessen Handeln.

Das gilt selbst dann, wenn Pretzell durchaus berechtigte Kritik äußert. Natürlich kann man gegen eine Obergrenze für Bargeldgeschäfte sein. Daraus dann aber gleich die große Verschwörungstheorie mit einer geplanten Enteignung der Sparer durch die nach Schwefel stinkende Europäische Zentralbank zu stricken, das ist und bleibt das Metier der AfD und ihrer Stammwähler.

"Was glauben Sie was passiert, wenn der Erdogan es den Kurden richtig ungemütlich macht?"

Schließlich schwadronierte Pretzell noch über die Verhandlungen von Angela Merkel mit der Türkei über eine mögliche Lösung der Flüchtlingskrise. Unklar bliebt dabei, ob er a) dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan Pläne für einen Völkermord an den Kurden unterstellte, b) er ihm Pläne für eine "Umsiedlung" der Kurden nach Deutschland unterjubeln wollte, oder schließlich c) beides.

Im Wortlaut sagte Pretzell: "Visafreiheit für die Türkei und auch die Kurden. Was glauben sie, was passiert, wenn der (Erdogan, d.R.) es den Kurden richtig ungemütlich macht? Dann hat er genau das, was er braucht. Den Druck bekommt er hin, aber er kann nicht entweichen. Dann macht Erdogan am Ende nichts anderes als ethnische Säuberungen in Ost-Anatolien."

Da hatte Pretzell übrigens schon sein rhetorisches Pulver verschossen.

Schwache Rede von Frauke Petry

Die abschließende Rede von Frauke Petry war übrigens die schwächste des Abends. Sie sprach zur Familienpolitik, lästerte über Gender-Mainstreaming und wünschte sich, dass bald auch vermehrt Großeltern AfD wählen würden – weil sie Angst um ihre Enkelinnen hätten.

Ein bräsiger und manchmal ins Narkotische abdriftender 45-Minuten-Vortrag, an dessen Ende viele Zuhörer vorzeitig gehen wollten, ohne die noch angesetzte Fragerunde abzuwarten.

Während Petrys Rede schritt ein breitschultriger Ordner mit Quarzhandschuhen die Reihen ab. Bei Petrys Lebensgefährten Pretzell waren noch einige als Gäste getarnte Gegendemonstranten aktiv gewesen, die Pretzell an unpassenden Stellen Beifall gegeben hatten. Doch die verhielten sich nun still. Es hätte nicht gelohnt, den Moment der Selbstentlarvung noch übermäßig zu stören.

Denn oft genug braucht die AfD gar keine Gegendemo, um schlecht auszusehen. Das gesprochene Wort reicht.

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