POLITIK
10/03/2016 13:47 CET | Aktualisiert 10/03/2016 13:59 CET

Syrer in der Türkei: "90 Prozent der Flüchtlinge wollen gar nicht nach Europa"

Ein deutsch-türkischer Aktivist will syrische Flüchtlinge davon abhalten, nach Europa zu kommen
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Ein deutsch-türkischer Aktivist will syrische Flüchtlinge davon abhalten, nach Europa zu kommen

  • Zafer Ertam tut das, was die EU und die Türkei immer noch verhandeln

  • In einer türkischen Industriestadt hilft der Aktivist Syrern dabei, ihr Land bald wieder aufbauen zu können

  • Er sagt: "90 Prozent der Flüchtlinge wollen gar nicht nach Europa"

Wenn schon die Politik keine Fakten schaffen kann, dann macht es eben Zafer Ertem. Mit mehreren Münchnern hilft der Deutsch-Türke dort, wo die Flüchtlingskrise angefangen hat.

Vergangenen Oktober, als in Passau die ersten provisorischen Asylunterkünften gebaut wurden, gründete Ertem den Verein "German Alliance for Civilan Assistance". Das Ziel: verhindern, dass Flüchtlinge nach Europa kommen und deswegen ihr Heimatland nicht wieder aufbauen können. Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" erklärte er, wie er das macht.

Arbeitssuche jenseits der offiziellen Flüchtlingscamps

In der türkischen Industriestadt Torbalı, tausend Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, hat Ertem mit seinem Helferteam mit tausenden Syrern gesprochen. Die offizielle Camps der türkischen Hilfsorganisationen liegen weit entfernt. In Torbalı lebten sie in Slums ohne fließend Wasser, berichtet der Deutsch-Österreicher mit türkischen Wurzeln der Zeitung. Sie suchten Arbeit.

"Wenn wir es ihnen hier aber erträglich machen, dann bleiben sie", sagt Ertem. Deswegen bauen er uns sein Team Backöfen, organisieren Mülltonnen und Ölkanister. Der Helfer sagt, was viele nur denken: "Was wir tun, ist eigentlich Aufgabe der Politik."

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Posted by German Alliance for Civilian Assistance e.V. - gemeinnützig on Donnerstag, 10. März 2016


Akribisch notierten die Helfer in einer Tabelle, woher die Menschen kommen, wie lange sie da sind, und wo sie hinwollen, erzählt er im Gespräch mit der "SZ". Rund 1000 Syrer hätten sie bisher befragt. Das Ergebnis: "90 Prozent der Flüchtlinge wollen nicht nach Europa", erklärt Ertem. Dem Helfer zufolge wollen die meisten Menschen einfach nur zurück in ihre Heimat. Sie warteten einfach nur darauf, das Land wieder aufbauen zu können.

"Brüssel interessiert die Flüchtlinge nicht: Sie wollen überleben"

Was beim EU-Sondergipfel mit der Türkei herauskam, das interessierte kaum einen der Flüchtlinge in Torbali, erklärt Ertem. In erster Linie habe sie ein Wunsch in das türkische Hinterland getrieben: "Sie wollen erst einmal überhaupt überleben", sagt der Aktivist der Zeitung. Was Politiker in Brüssel entscheiden, "interessiert die Flüchtlinge hier nicht".

Rund eine halbe Million Flüchtlinge wohnt in den offiziellen Camps der Hilfsorganisationen. Geschätzte zwei Millionen verteilen sich Ertem zufolge auf das Land. Der Grund: Sie suchen Arbeit. "Sie wollen Geld verdienen und sparen, um in Syrien nach dem Krieg wieder anfangen zu können", sagt Ertem.

Brüssel interessiert die Flüchtlinge nicht: Sie wollen überleben

Angesichts der Situation in Torbali könnte der europäisch-türkische Aktionsplan also auch auf mögliche Gegenliebe unter Flüchtlingen in der Türkei stoßen. Doch bleiben konkrete Einzelheiten wie die Zusammenarbeit zwischen Brüssel und Ankara zu Begrenzung des Flüchtlingsstroms aussehen könnten, auch nach dem Sondergipfel am vergangen Montag offen.

Der von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwartete Durchbruch konnten die Politiker nicht erzielen. Länder an der Balkanroute lassen inzwischen keine Flüchtlinge mehr über die Grenze. Nach Slowenien riegelten auch Serbien und Kroatien die Grenzen ab.

Tausende Flüchtlinge hoffen im griechisch-mazedonischen Grenzort Idomeniimmer noch darauf, über die Balkanroute nach Mitteleuropa zu gelangen. Die griechische Regierung möchte die Camps evakuieren, um die Menschen in feste Unterkünfte bringen zu können.

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit dem Spendenportal Betterplace.org stellt die Huffington Post spannende Projekte vor, die ihr direkt unterstützen könnt:


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