POLITIK
10/03/2016 15:32 CET | Aktualisiert 11/03/2016 07:12 CET

Dieser Bürgermeister verschafft Flüchtlingen Arbeit - mit einer außergewöhnlichen Idee

Dieser Bürgermeister hat es geschafft, Flüchtlinge in seiner Stadt zu Arbeit zu verhelfen.
dpa
Dieser Bürgermeister hat es geschafft, Flüchtlinge in seiner Stadt zu Arbeit zu verhelfen.

Richard Arnold ist niemand, der seinen Arbeitsalltag gerne vom Schreibtisch aus bestreitet. Der Bürgermeister der baden-württembergischen 60.000-Einwohner-Stadt Schwäbisch Gmünd zieht auch schon mal durch Kneipen und Cafés, wenn es darum geht, um Helfer für die Landesgartenschau in seiner Stadt zu werben. "Ja, klar, das musch mache“, sagt er der Huffington Post in breitem Schwäbisch.

Auch im Umgang mit Flüchtlingen ist der 55-Jährige einer, der anpackt. Bereits früh brachte ihm das nicht nur Freunde ein. Seine Maßnahme im Sommer 2013, Flüchtlinge ehrenamtlich am Bahnhof arbeiten zu lassen, wurde deutschlandweit von Medien kritisiert: Von "Kolonialismus“ und „Sklavenhalterei“ war zu lesen.

Wer sich aber genauer mit Arnolds Ideen befasst, merkt schnell: Die Kritik war ein Schnellschuss. Denn in Sachen Integration von Flüchtlingen ist die schwäbische Kleinstadt zum Vorbild geworden.

Integration durch Fünf-Punkte-Plan

„Hier herrscht eine große Akzeptanz für die Flüchtlinge“, sagt Arnold. „Sie werden hier als Mensch wahrgenommen, auch weil viele Bürger im direkten Umgang positive Erfahrungen gemacht haben.“

Was macht Arnold anders als andere Bürgermeister, die man immer wieder über steigende Zuwanderungszahlen, wenig Geld und zu große Aufgaben ächzen hört? Was läuft in Schwäbisch Gmünd besser als in anderen Kleinstädten, in denen rechte Tendenzen oft lauter sind als die Willkommensgrüße?

Der Christdemokrat hat einen Fünf-Jahre-Plan, - und der scheint aufzugehen. "Spracherwerb, Schulbildung, Heranführung an den Arbeitsmarkt, dezentrale Unterbringung und Ehrenamt“, spult er textsicher ab.

Besonders der letzte Punkt liegt Arnold am Herzen. Der lautet: Die Flüchtlinge, die nach deutschem Arbeitsrecht oft lange auf eine Arbeitserlaubnis warten müssen, sollen durch ehrenamtliche Arbeit in der Kommune ihre neue Heimat und die Mitmenschen schneller kennenlernen.

So halfen viele der 800 Flüchtlinge, die momentan in Schwäbisch Gmünd leben, bei der Organisation der Landesgartenschau, der Vorbereitung des Stadtjubiläums oder – aktuell – der Inszenierung der Staufersaga für das kommende Stauferfestival mit.

Flüchtlinge in Uniform

Andere engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr: Ein Projekt, auf das Arnold besonders stolz ist: "Das ist Integration pur“, sagt er, nicht ohne hinterherzuschieben: "Da muss sich einer auf den anderen verlassen können, Männer und Frauen.“

Vier Wochen dauert die Grundausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr. Für die Flüchtlinge wurde in Schwäbisch Gmünd ein Heranführungskurs geschaffen: Vier Seminartermine, während derer die Interessenten auf die Ausbildung vorbereitet werden sollen. 40 Flüchtlinge haben sich für die Seminare angemeldet. Alle 40 sind noch dabei. Am zweiten April ist nun die letzte Vorbereitungssitzung.

Im Mai werden dann zehn der Flüchtlinge die Grundausbildung zum Feuerwehrmann beginnen. „Ab Juni haben wir zum ersten Mal Flüchtlinge in unserer Feuerwehr“, sagt Arnold. Dann wird sein Tonfall ernster.

„Was machen wir dann, wenn ihre Aufenthaltsgenehmigung abläuft? Dann haben wir Menschen, die keinen deutschen Pass haben, aber bei einer deutschen Feuerwehr mitarbeiten. Kann man jemanden in einer Feuerwehruniform abschieben?“

Das Thema treibt ihn um. Wenn man sich auf den Weg der Integration mache, brauche man eine Brücke zwischen Flüchtling und Einwanderer, sagt er. "Hier ist ein Spurwechsel nötig."

Arnolds Idee der Einwanderungsampel

Zusammen mit Boris Palmer, dem grünen Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, plädiert er daher für eine "Einwanderungsampel".

Diese sieht eine strikte Trennung zwischen Asyl und Einwanderung vor - aber auch einen einfacheren Übergang: Wer die Zuwanderungskriterien erfüllt, bekommt einen "grünen" Duldungsstatus, wer noch Sprache und Qualifikation erwerben muss, einen "gelben".

In Schwäbisch Gmünd klappt das Heranführen der Flüchtlinge an die schwäbische Gesellschaft jedenfalls schon recht ordentlich. Das zeigt auch ein Fall von dem Arnold gerne berichtet: In Schwäbisch Gmünd gebe es einen nigerianischen Flüchtling, der in seiner Gemeinde im "Liederkranz Weiler in den Bergen" singt. Die Volkslieder könne er schon gut, habe man Arnold versichert.

"Mozart fällt ihm noch schwer", sagt der Oberbürgermeister und lacht. Aber das kann ja noch werden.

Spätestens dann sollte die Ampel ja auf Grün stehen.

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit dem Spendenportal Betterplace.org stellt die Huffington Post spannende Projekte vor, die ihr direkt unterstützen könnt:

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