ELTERN
10/03/2016 07:13 CET | Aktualisiert 07/12/2016 03:32 CET

Elternabend für Fortgeschrittene

Paul Thomas via Getty Images
STUDENTS & TEACHER IN CLASSROOM

THE BLOG

Elternabend.

Der erste der Klasse 1b. Angesetzt um 19.00 Uhr. Der Klassenraum ist schon gut gefüllt, als ich eintrete. Eifrige Mütter umringen die Lehrerin, bestürmen sie mit Fragen. Andere betrachten gerührt getuschte Bilder an der Wand. Endlich klatscht die Lehrerin, Typ Mutter Beimer für Arme, in ihre fetten beringten Hände und fordert uns auf, Platz zu nehmen.

Mit größter Mühe quetschen wir uns auf die winzigen Stühlchen. Langatmig erklärt die Lehrerin Unwichtiges. Unterschiedliche Parfümwolken versetzen mich in eine Art Trance. Die Mamis haben sich schön gemacht für diesen Abend. Frau will ja einen guten Eindruck hinterlassen. Einige machen sich Notizen. Ich langweile mich.

Fasziniert beobachte ich die Lehrerin. Ein Speichelfaden zieht sich zwischen ihren Lippen in die Länge, wenn sie spricht. Mit einer Mischung aus Faszination und Ekel gelingt es mir nicht, meinen Blick von ihr zu wenden.

In der Zwischenzeit diskutieren die Mamis. Sie teilen sich in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe kämpft verbissen um Sitzbälle für eine gesunde Haltung, die andere Gruppe will lieber backen. Die erste Gruppe wettert gegen Süßigkeiten, die zweite will immer noch backen.

Einig sind sie darüber, dass die Klasse schöner werden muss. Ich bin inzwischen einer Ohnmacht nahe und zähle im Geiste die Sekunden. Ausserdem will ich eine rauchen. Ich wette mit mir selbst. Wenn der Speichelfaden der Lehrerin innerhalb der nächsten 10 Minuten reißt, dann darf ich eine rauchen gehen. Wenn nicht, muss ich einen Beitrag zu der Diskussion leisten.

Diese ist inzwischen bei Gewalt im Fernsehen angelangt. Tom und Jerry stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Gebannt starre ich auf den Mund der Lehrerin. Da, sie lacht ... nein, wieder nicht. Das Ding will einfach nicht reißen. Das Teil ist zäh.

Die Zeit verrinnt und die Lehrerin hat den Mund geschlossen. Tückisch, als wollte er mich ärgern, ruht der Speichelfaden zwischen den Lippen der dicken Pädagogin. Da, endlich ... sie äußert sich darüber, ob die Kinder stilles Wasser trinken sollen, oder ob man auch Saft mitgeben darf. Doch sie wird unterbrochen, von der Übermami, die sich beklagt, dass es keine aktive Pause gibt.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass meine Zeit vorüber ist. Ich habe den Kampf gegen Speichelfaden und Zeit verloren. Seufzend falle ich der Übermami ins Wort.

"Mein Kind mag kein stilles Wasser. Sitzbälle in einer Klasse sind idiotisch. Die Kinder sollen malen und basteln und ihre Klasse selbst verschönern. Tom und Jerry backen keine Terroristen. Und jetzt geh ich eine rauchen."

Selten habe ich mich so gut gefühlt wie nach meinem Abgang aus der Klasse. Mit weit geöffnetem Mund und gerissenem Speichelfaden starrt mich die Lehrerin an. Ein später Sieg, wie ich befriedigt feststelle.

P.S. In meiner Abwesenheit haben sie mir die gerechte Strafe aufgebrummt und wählten mich zur Elternsprecherin.

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