POLITIK
10/03/2016 10:17 CET | Aktualisiert 10/03/2016 11:09 CET

An den Supermarkt, der neuerdings Pfefferspray zum Schnäppchenpreis anbietet

dpa

Lieber Edeka-Markt von nebenan!

Manchmal erkenne ich dieses Deutschland nicht wieder, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Dieses Jahr 2016 hat bei mir bisher ein ungutes Gefühl hinterlassen. Und ich meine das gar nicht unbedingt mit Blick auf die Nachrichten im Fernsehen oder im Netz. Oft sind es die kleinen Dinge im Alltag, die mir eine Ahnung davon geben, wie sehr sich das Land gerade verändert.

Gestern war ich kurz vor Ladenschluss noch bei euch, liebe Mitarbeiter des Edeka-Markts in Berlin-Moabit, um ein paar Kartoffeln bei euch zu kaufen. Doch schon am Eingang entdeckte ich diesen Aufsteller hier:

pfefferspray

(Credit: Sebastian Christ/HuffPost)

Es ist der gleiche Ort, an dem zu anderen Jahreszeiten für geräucherte Forellen oder Beelitzer Spargel geworben wird. Nun kann man also auch Pfefferspray bei euch kaufen. Klar, natürlich „zur Tierabwehr“. Schreibt ihr extra noch dabei. Das ist ungefähr so, als ob ihr in der Spirituosenabteilung ein Schild aufstellen würdet: „Zur Desinfektion“.

Wir wissen doch alle, worum es eigentlich geht.

Seit Monaten boomt in Deutschland der Absatz von Abwehrwaffen. Pfeffersprays gehören dazu, aber zum Beispiel auch Gaspistolen. Offenbar haben die Menschen Angst vor Gewalt. Nach den Silvester-Übergriffen von Köln soll die Nachfrage nochmals sprunghaft angestiegen sein.

Gut ablesen kann man das an der Zahl der neu beantragten „kleinen Waffenscheine“. Allein zwischen November 2015 und Ende Januar 2016 wurden über 20.000 dieser Lizenzen beantragt, die das führen von Gaspistolen in der Öffentlichkeit erlauben.

Nun muss man wissen, lieber Edeka von nebenan: In unserer Nachbarschaft befindet sich das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), die zentrale Anlaufstelle für Flüchtlinge in Berlin. Ein Ort, an dem durch Behördenwillkür tausendfaches Leid entstanden ist.

Im Januar, als die Temperaturen in Moabit zum Teil unter minus zehn Grad lagen, zogen abends immer wieder junge Männer durch die Straßen. Sie mussten sich die Nacht über vor dem Lageso bei klirrender Kälte anstellen, um am nächsten Morgen einen vorteilhaften Platz in der Schlange erwischen zu können. Nur so hatten sie – trotz Terminzusage – einen Chance, ihren Asylantrag zu stellen.

Ich erinnere mich, wie ich einen von diesen Männern auf der Straße angesprochen habe. Direkt gegenüber von Dir, mein lieber Edeka von nebenan. Und er mir dann auf Englisch erklärte, um was es ihm ginge: Eine warme Mahlzeit, damit er die Nacht überleben könne.

Kann es also sein, mein lieber Edeka von nebenan, dass Du gerade mit der Angst der Alteingesessenen vor diesen hungernden und frierenden Menschen den großen Reibach machen willst? Allein nur, weil jetzt "Fremde" durch unsere Straßen ziehen?

Wenn es nur nach den Fakten ginge, so könnte ich meine Nachbarn beruhigen. Seit Jahren schon sinkt die Zahl der Fälle von Raub und Körperverletzung in Berlin. Im Jahr 2015 lag die Zahl der „Rohheitsdelikte“ um 15 Prozent niedriger als noch 2007 – und das, obwohl Berlin in dieser Zeit gut 300.000 Bürger hinzugewonnen hat. Die Zahl der Raubüberfälle ist sogar binnen vier Jahren um gut 20 Prozent zurückgegangen.

Auch die Zahl der Straftaten „gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ ist vergangenes Jahr in Berlin um gut zehn Prozent gesunken.

Aber es geht ja eigentlich gar nicht um die Fakten. Sondern um ein Gefühl: Dass die Welt dort draußen gefährlicher wird. Und dass man sich schützen muss. Vor wem auch immer.

Mein lieber Edeka von nebenan: Ich habe mir wegen der Flüchtlinge zu keinem Zeitpunkt Sorgen gemacht. Was mir aber tatsächlich Kopfzerbrechen bereitet, das ist die Art und Weise, wie Millionen Deutsche derzeit am Rad drehen.

Wie sich nach rechts taumelnde Angstbürger und Angstbürgerinnen in Revolutions- und Bürgerkriegsfantasien hineinfiebern und vor ihrem inneren Gruselkino das gesamte Land in Flammen aufgehen lassen.

In den Herzen von so manchen Mitbürgern sieht es derart finster aus, dass die im Öl gemalten Höllen-Fantasien von Hieronymus Bosch dagegen wie liebliche Aquarellbilder aussehen.

Und ausgerechnet diese Menschen willst Du, mein lieber Edeka, nun den Weg zum nächsten Armyshop ersparen – wo sie wenigstens noch eine vernünftige Beratung bekämen? Zwischen Kuchen und Klöpsen willst Du die Aufrüstung dieser Republik vorantreiben? Damit sie mit "Tierabwehrspray" gegen Menschen vorgehen können?

Wenn ich das so sehe, dann merke ich, was derzeit wirklich gefährlich in diesem Land ist: Unser Hang dafür, sämtliche zivilisatorische Werte über Bord zu schmeißen. Damit es daheim noch ein wenig länger kuschelig ist.

Eines Tages wird sich das bitter rächen.

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