POLITIK
08/03/2016 15:08 CET | Aktualisiert 08/03/2016 17:58 CET

Fälschen, Lügen und Tricksen: Wie die AfD mit Medienmanipulationen Stimmung macht

dpa

  • Mit Medien-Fälschungen macht die AfD politische Stimmung

  • Petry ruft Mitglieder zu öffentlichen Provokationen auf

  • Forscher nennt Verhältnis der AfD zu Medien "schizophren"

Sie schimpfen auf die "Lügenpresse" (wahlweise auch "Pinocchio-Presse") und werfen Journalisten Fälschung vor - dabei betreiben sie selber plumpe Medienmanipulation: Verantwortliche der AfD Nürnberg haben eine Überschrift der Münchner "Abendzeitung" ("AZ") gefälscht.

Es geht um einen versuchten Anschlag im Münchner Stadtteil Milbertshofen. Jugendliche wollten dort vergangene Woche einen Brandanschlag auf eine künftige Flüchtlingsunterkunft verüben. Nach Informationen der "AZ" engagiert sich ein Verwandter von einem der Jugendlichen in der Flüchtlingshilfe. Das Blatt titelte: "Jugendliche wollten Flüchtlingsheim in Brand stecken".

AfD Nürnberg manipuliert die Überschrift

Flüchtlingshilfe? Für die AfD offenbar Reizwort genug, um gegen angeblich linke Täter zu hetzen. Bei Facebook teilte der Nürnberger Landesverband die "AZ"-Meldung und änderte kurzerhand die Überschrift. Anstelle der Original-Zeile ist dort jetzt zu lesen: "Polizei erwischt Linksextreme bei Brandstiftung in Asylbewerberheim". Inzwischen wurde der Artikel über 1300 Mal geteilt.

Die seltsame Begründung der AfD-Ortsgruppe: "Warum teilt man in diesem Artikel den Menschen mit, was die Täter nicht sind, aber benennt nicht klar, was sie sind?", schreiben die Verantwortlichen unter ihrem geteilten Artikel.

Immer wieder hatte es zuletzt Berichte über das seltsame Verhältnis der AfD zu den Medien gegeben.

So zitiert das Medienportal "kress.de" aus einer internen Anweisung von Petry an die Parteimitglieder, nach der die Parteichefin von "differenzierten und sachlich formulierten" Aussagen abrät. Um die teils hetzerischen Botschaften der AfD unters Volk zu bringen, empfiehlt Petry: "Um sich medial Gehör zu verschaffen, sind daher pointierte, teilweise provokante Aussagen unerlässlich".

Wer hat hier eigentlich ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Die AfD wirft der Presse also Manipulation vor - will aber gleichzeitig selbst nicht sachlich sein. Es drängt sich die Frage auf: Wer hat hier eigentlich ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Klar ist: Die Partei nutzt die Medien, um im großen Stil zu provozieren. Erst hinterher, wenn die politische Bombe schon geplatzt ist, werfen sie Journalisten Fälschung vor.

"Von der Schusswaffe Gebrauch machen"

So wie im Februar, als Petry in einem Interview mit dem "Mannheimer Morgen" sagte, Polizisten müssten "notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen", um illegale Grenzübertritte von Flüchtlingen zu verhindern.

Nach einem Proteststurm erklärte sie später, sie sei "verkürzt und völlig sinnentstellt" wiedergegeben worden. Der "Mannheimer Morgen" wies dies entschieden zurück. "Es ist billiger Populismus der AfD-Chefin, sich auf Kosten der Medien aus der Schusslinie ziehen zu wollen", kritisierte der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, damals.

"Petry hat die Aussage umgeschrieben"

Am selben Tag bekräftigte Petry ihre Aussage sogar noch einmal im Interview mit der "Rhein-Zeitung". Der Gebrauch von Schusswaffen gegen Flüchtlinge sei "Ultima Ratio", sagte sie. Christian Lindner, Chefredakteur des Koblenzer Blattes, warf der AfD-Chefin hinterher eine Verdrehung der Tatsachen vor. Petry habe die Passage bei der Autorisierung umgeschrieben.

Petry habe plötzlich nicht mehr vom "Einsatz der Waffe" gesprochen, sondern von der Verantwortung der Grenzbeamten und dem "Grundsatz der Verhältnismäßigkeit", schrieb Lindner in einem Begleittext zum Interview.

Waffengewalt und Flüchtlinge in einem Satz - das dürfte vielen abgehängten Deutschen gefallen haben. Das Kalkül der AfD ist klar: Hetzen, Provozieren, Verfälschen - um anschließend auf das nächste Umfragehoch anzustoßen.

"Das ist schizophren"

"Das Verhältnis der AfD zu den Medien kann man schon schizophren nennen", sagte zuletzt der Koblenzer Medienwissenschaftler Sascha Michel. Einerseits schimpfe sie über die "Lügenpresse", "Pinocchio-Presse" oder "Lange-Nasen-Presse". Andererseits böten sich die führenden AfD-Vertreter immer wieder der Presse für Interviews an.

Wir sehr die AfD auf die ach so verhassten Medien angewiesen ist, zeigte sich übrigens im vergangenen November. Damals bezeichnete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ("FAS") die Melange aus AfD und Pegida als eine "neue völkische Bewegung" - und warnte vor dem "Nukleus einer Bürgerkriegspartei".

Die Kritik der konservativen "FAS" traf die AfD damals schwer. Bei Twitter schrieb Petry plötzlich von "linksfaschistischer Propaganda in der FAZ" - und von, wie könnte es anders sein, "Hetzjournalismus auf niedrigstem Niveau".

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