LIFE
06/03/2016 09:54 CET | Aktualisiert 07/03/2016 14:15 CET

Als Beth diese Fotos bei Facebook postete, verlor sie 103 Freunde

Nadia Mascot

THE BLOG

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Ich möchte, dass Sie etwas tun. Ich möchte, dass Sie sich ein Foto ansehen. Und ich möchte, dass Sie mir sagen, was Sie sehen.

Bevor Sie aber weiter runter scrollen, möchte ich Sie vorwarnen: Es ist das Foto einer nackten Frau. Ja, einer nackten Frau. Sind Sie immer noch bereit, sich das Foto anzusehen?

Ich möchte Ihnen noch etwas über die nackte Frau, die Sie gleich sehen werden, erzählen: Sie ist eine Kämpferin. Sie kämpft gegen Brustkrebs. Der Körper, den Sie gleich betrachten werden, ist übersät mit Narben. Sie werden sehen, dass unter dem roten Kleid eine weitere Geschichte verborgen ist.

Diese Woche atmete die Australierin Beth Whaanga, Mutter von vier Kindern, einmal tief durch, und dann wagte sie etwas. Nein, sie wagte nicht nur etwas. „Wagen" wird dem, was sie tat, gar nicht gerecht. Beth hat es zugelassen, sich vollkommen verwundbar zu zeigen. Was sie tat, war außergewöhnlich, unglaublich mutig, tapfer und großherzig. Und hätte ich ein Wörterbuch, dann würde ich hier noch 1000 weitere Wörter nennen.

Beth hat ihre Kleidung abgelegt und ließ sich von ihrer langjährigen Freundin Nadia Mascot, einer Fotografin, für das Projekt Under The Red Dress (Unter dem roten Kleid) fotografieren. Sie möchte andere Frauen über Brustkrebs aufklären.

Sie möchte aussprechen, wie die Operationen den Körper und die Art und Weise, wie man sich selbst wahrnimmt, verändern. Ob es nun die Frau ist, die Sie bei der Schule sehen, eine Arbeitskollegin aus einer anderen Abteilung - es ist möglich, dass ihr Körper unter ihrer Kleidung genauso aussieht.

Es ist möglich, dass ihre Körper eine Geschichte erzählen, die ihre äußeren Erscheinungen Lügen straft.

Wie lautet die Geschichte von Beth? Letztes Jahr, an ihrem 32. Geburtstag, bekam sie die Diagnose Brustkrebs. Später wurde ihr gesagt, dass sie das BRCA2-Gen in sich trägt. Im November ließ sie sich daher beide Brüste amputieren und die Gebärmutter entfernen. Und das ist die Geschichte, die ihr Körper erzählt...

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Das hier hat Beth auf Facebook geschrieben, als sie dort die Bilder für ihre Freunde hochlud:

„WARNUNG: Diese Bilder sind konfrontierend und zeigen entblößte Brüste. Sie sollen in keiner Weise sexuell sein. Dieses Projekt hat sich die Brustkrebsaufklärung zum Ziel gesetzt. Wenn Sie diese Bilder als anstößig empfinden, dann verbergen Sie die Bilder in ihrem Feed.

Jeden Tag laufen wir an Menschen vorbei. Diese Individuen erscheinen uns normal, aber unter ihrer Kleidung erzählt ihr Körper manchmal eine ganz andere Geschichte. Nadia Mascot und ich wollen weitere Menschen finden, die sich an unserem Projekt beteiligen möchten. Wir möchten zeigen, dass Krebs jeden betrifft. Ob alt oder jung, das spielt keine Rolle. Selbstuntersuchung ist lebenswichtig. Es kann auch Sie treffen."

Und das schrieb Nadia:

„In meiner eigenen Arbeit als Fotografin verspürte ich den Durst, eine Bilderwelt mit mehr Bedeutung zu teilen, die ein bestimmtes Ziel verfolgte. Den Anlass dazu gaben meine eigenen gesundheitlichen Probleme. Ich möchte mit meinem Talent Menschen helfen. Beth' Reise, beginnend mit ihrer Diagnose und den Operationen, hat mich berührt, und ich wollte meinen eigenen Teil dazu beitragen. Als wir die Fotos machten, kam mir der Gedanke, dass das hier noch nicht alles sein sollte. Jeden Tag laufen wir an Menschen auf der Straße vorbei und sehen doch nur ihre Hülle. Das, was sie der Welt gerne zeigen, das, womit sie sich wohlfühlen. Under The Red Dress ist ein Projekt, das auch die stummen Geschichten erzählen will. Geschichten, die nicht nur gerne erzählt, sondern auch gehört werden. Jeder wird gerne daran erinnert, dass die Person nebenan auch nur ein Mensch ist".

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Diese Fotos sind es also, die ich mir jetzt eine Stunde lang angesehen habe. Fotos eines Körpers, der eine beidseitige Brustamputation ertragen hat. Eine Brustrekonstruktion. Eine Nabelrekonstruktion. Die Entfernung der Gebärmutter. Schnelle Gewichtsabnahme. Anhaltender Haarverlust.

Das ist es, was ich betrachte - und doch sehe ich etwas ganz anderes.

In jedem dieser Bilder sehe ich eine starke Frau. Entschlossen. Nervenstark. Eine Kämpferin. Ich sehe eine Mutter. Eine Schwägerin. Eine Ehefrau. Eine Tochter. Eine beste Freundin. Ich sehe eine Frau, die schön ist, nicht trotz ihrer Narben, sondern aufgrund ihrer Narben. Eine Frau, die darauf vorbereitet ist, mit ihrer eigenen Verwundbarkeit anderen Frauen zu helfen. Um sie daran zu erinnern, die Selbstuntersuchung nicht zu vernachlässigen. Ein Bewusstsein für Brustkrebs zu entwickeln. Um dabei zu helfen, einen Dialog über die tückische Krankheit Brustkrebs zu führen.

Das sehe ich, wenn ich die Nacktfotos von Beth Whaanga betrachte. Aber nicht jeder sieht das. Einige Freunde von Beth haben es nicht gesehen.

Tatsächlich haben 103 Personen Beth sofort aus ihrer Freundesliste gestrichen, als sie die Fotos auf Facebook postete. Manche empfanden die Fotos als unangebracht oder sogar pornografisch.

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Als ich das hörte, war ich zunächst einmal verdutzt. Und dann wütend. Aber ich verstehe das schon. Es ist beängstigend. Beunruhigend. Befremdlich. Und vielleicht geht es einigen von Ihnen jetzt beim Lesen genauso. Vielleicht kennen Sie jemanden, der sich den gleichen Operationen unterzogen hat. Vielleicht liegt Brustkrebs bei Ihnen in der Familie. Vielleicht ist bei Ihnen die Vorsorgeuntersuchung schon überfällig. Oder Sie haben kürzlich einen Knoten gefunden und wollen nicht weiter darüber nachdenken. Vielleicht wollen Sie verdammt nochmal nicht immer an Brustkrebs erinnert werden. Und wegzuschauen ist nun einmal das Einfachste. Den Blick abwenden. Die Frau, die diese konfrontierenden Fotos gepostet hat ganz einfach aus der Freundesliste streichen. Ich verstehe das schon.

Aber ich bitte Sie, Beth noch einmal anzusehen.

Brustkrebs ist die am häufigsten diagnostizierte Krebsart bei Frauen in Australien und Großbritannien.

Sehen Sie Beth noch einmal an.

Eine von acht Frauen wird in ihrem Leben die Diagnose Brustkrebs bekommen.

Ich bitte Sie, sich die Bilder noch einmal anzusehen.

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Denn Beth braucht unsere Unterstützung. Sie muss sich nicht dafür schämen, etwas so Mutiges und Tapferes zu tun. Dafür, etwas zu tun, das anderen helfen soll, Leben zu retten.

Und Beth, ich habe eine Botschaft für dich: Wenn dadurch, dass du diese Fotos bei Facebook geteilt hast, ein Leben gerettet wurde, wenn nur eine Frau ihre Brust nach Knoten abtastet oder zur Mammografie geht oder ihren Arzt auf einen kleinen Knoten anspricht, den sie letzten Monat in ihrer Brust gefunden hat, weil du diese Fotos hast machen lassen und sie mit der Welt geteilt hast... dann bist du mehr als nur mutig. Für mich bist du eine Heldin.

Alle Fotos von Nadia Mascot

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

Im HUFFPOST Video:

Nackt und ehrlich: Frau fotografiert sich an verlassenen Orten

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