POLITIK
05/03/2016 12:01 CET | Aktualisiert 05/03/2016 12:26 CET

"Zufall, Leichtsinn, Provokation": Warum Putin bald einen neuen Krieg in Europa führen könnte

Mikhail Metzel via Getty Images
Dieser Konflikt könnte bald eskalieren

  • Das Verhältnis zwischen der Türkei und Russland hat sich massiv verschlechtert
  • Der Machtkampf spitzt sich in Syrien zu, wo die Mächte aneinandergeraten
  • Experten warnen, dass Russland mit einer Kriegserklärung an die Türkei den Konflikt eskalieren lassen könnte

Ein möglicher Krieg in Europa schien nie näher als im Sommer 2014. Die Bilder russischer Panzer in der Ukraine haben sich tief in das europäische Gedächtnis eingebrannt. Doch 2016 braut sich ein neuer europäischer Konflikt mit Russland zusammen, den viele möglicherweise unterschätzen.

Im November 2015 vergingen nur 17 Sekunden bis zur Eskalation. So lange hatte sich der russische SU-24-Jet über türkischem Luftraum befunden, bevor der Schießbefehl seitens des türkischen Militärs kam.

Dieser Vorfall steht exemplarisch für die Spannung zwischen Russland und der Türkei und ihren Präsidenten Vladimir Putin und Recep Erdoğan. Eine Spannung, die Europa mit ein bisschen Pech in den nächsten Krieg auf europäischem Boden führen könnte.

Die Positionen der beiden Länder könnten nicht gegensätzlicher sein: Der eine unterstützt die syrischen Kurden – der andere beschießt sie. Der eine will Syriens Machthaber Baschar al-Assad an der Macht halten – der andere hätte ihn gerne los.

Und der Machtkampf der beiden Nationen scheint sich aktuell, trotz offizieller Waffenruhe, eher zuzuspitzen, als zu entspannen: Erst Mitte Februar baute Russland seinen Stützpunkt im armenisch-türkischen Grenzgebiet aus.

Machtkampf an der syrisch-türkischen Grenze

Die russische Luftwaffe unterstützt im selben Gebiet syrische Kurden im Kampf um einheitliches Gebiet - genau jene Gruppe, die die türkische Artillerie seit Tagen unter Dauerbeschuss hält.

Dass Erdogan die Möglichkeit eines autonomen Kurdenstaats an der türkischen Grenze um jeden Preis verhindern möchte, demonstrierte der türkische Präsident spätestens in den letzten Monaten.

Seine wiederholten, brutalen Militäroffensiven gegen die verbotene türkische Arbeiterpartei PKK im Südosten der Türkei zeigten seine Entschlossenheit immer wieder auf.

Auf der anderen Seite hält Putin vehement dagegen – nicht nur mit militärischen, sondern auch mit diplomatischen Mitteln: Anfang Februar 2016 eröffneten die autonomen syrischen Kurden erstmals eine Vertretung in Moskau.

Kompromissloses Streben nach Einfluss

Die entgegengesetzte Politik der beiden Nationen bereitet Experten vor allem deshalb Kopfschmerzen, weil beiden eine kompromisslose Persönlichkeit und ein genauso kompromissloses Streben nach Einfluss nachgesagt wird.

Laut eines Berichts des Magazins "Focus" schätzt der unabhängige russische Militärexperte Pawel Felgenhauer das Risiko eines russischtürkischen Krieges in naher Zukunft deshalb auf über 50 Prozent.

Der Sicherheitsexperte Ulrich Kühn vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik schätzt die Lage ähnlich heikel ein, berichtet "Focus" weiter. Er glaube zwar nicht, dass die beiden Länder aktiv eine direkte Konfrontation vorbereiteten, eine Eskalation sei aber durchaus denkbar – trotz offiziellem Waffenstillstand.

Eskalation aus Leichtsinn durchaus möglich

"Im Luftraum über Syrien herrscht Gedränge. Da kann es zu Zusammenstößen kommen - aus Zufall, Leichtsinn oder wegen Provokationen von einer der vielen beteiligten Kriegsparteien", meint der Experte weiterhin.

Auch wenn Putin momentan die Oberhand zu haben scheint, sehen Experten laut "Focus" eine letzte Trumpfkarte in Erdogans Ärmel: Die Passage durch den Bosporus und die Dardanellen bietet Russland Zugang zum Mittelmeer, den die Türkei theoretisch schließen könnte.

Diese Entscheidung würde allerdings einer Kriegserklärung gleichen, heißt es im Bericht weiter. Ein Schritt, den man dem türkischen Präsidenten ohne Rückendeckung der Nato momentan wohl nicht zutraut.

Mit Material von dpa

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