POLITIK
04/03/2016 16:35 CET

Einst war er der erste Syrer im All. Heute ist er auf der Flucht

RT

In Deutschland wird seit Monaten darüber diskutiert, wie gut syrische Kriegsflüchtlinge ausgebildet sind. Die einen freuen sich über „Fachkräfte“, die anderen fürchten sich davor, dass die Bundesrepublik von Analphabeten überrannt wird. Dazwischen gibt es wenig Spielraum für Zwischentöne.

Doch die Geschichte von Mohammed Faris zeigt uns, dass wir zweimal nachdenken sollten, bevor wir pauschal über „die Flüchtlinge“ urteilen.

Wenn eine Gesellschaft wie die in Syrien komplett zerbricht, sind beinahe alle Gesellschaftsschichten im gleichen Maße davon betroffen. Selbst ein Kosmonaut kann dann zum Flüchtling werden.

Der erste Syrer im All

Faris war der erste Syrer im All. Er flog 1987 mit einer sowjetischen Kapsel zur Raumstation „Mir“. Heute lebt er im Istanbuler Stadtteil Fatih, der mittlerweile als „Klein-Syrien“ bekannt ist, weil hier Tausende syrische Kriegsflüchtlinge leben.

Dem britischen „Guardian“ gab Faris nun ein längeres Interview.

Faris kannte Syriens Präsident Bashar al-Assad persönlich. Er hatte ihn gleich nach dessen Amtsantritt im Jahr 2000 getroffen. „Genau wie sein Vater war er ein Feind der Gesellschaft“, sagt Faris.

Der 64-Jährige hatte Zugang zu den höchsten staatlichen Zirkeln des Landes. Faris war ein Flieger-Ass gewesen und wurde als Kosmonaut zum Nationalhelden.

Syrien pflegte enge Beziehungen zur Sowjetunion

Im Jahr 1985 wurde er als einer von 60 syrischen Kandidaten ausgewählt, um im „Sternenstädtchen“ nahe Moskau die Ausbildung zum Kosmonauten zu durchlaufen. Syrien unterhielt zu dieser Zeit – in Damaskus herrschte damals noch Hafiz al-Assad, der Vater des heutigen Präsidenten Bashar al-Assad – sehr enge Beziehungen zu den Staaten des Warschauer Paktes.

Mitte der 1980-er Jahre etwa half die ostdeutsche Staatssicherheit beim Aufbau eines Inlandsgeheimdienstes, mit denen beide Assads jahrzehntelang ihr Volk drangsalierten. Die syrische Armee wurde zu großen Teilen mit schwerem militärischen Gerät aus sowjetischer Produktion ausgerüstet. Noch heute kämpfen die staatlichen syrischen Streitkräfte mit Panzern des Typs T-56 und T-72.

In dieser Zeit war es für Syrien ebenfalls möglich, einen Kandidaten im sowjetischen Raumfahrtprogramm zu platzieren.

Die Sowjets wollten, dass Faris fliegt

Faris schaffte es in die Auswahl der letzten vier Kandidaten. Eigentlich stand er nur pro Forma auf der Liste. Zwei der Kandidaten waren Alawiten, so wie Staatspräsident al-Assad, ein weiterer war Angehöriger der Drusen-Minderheit. Faris selbst aber gehörte der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit an, die zu diesem Zeitpunkt kaum politischen Einfluss hatte.

Doch ein Kandidat fiel bei der medizinischen Prüfung durch, ein anderer bei der fachlichen. Die Sowjets hielten Faris für den geeigneteren Kandidaten und überstimmten die syrische Führung.

Im Juli 1987 flog Faris zur „Mir“. „Diese sieben Tage und 23 Stunden haben mein Leben verändert“, sagte Mohammed Faris dem „Guardian“. Es gab Live-Schaltungen von der Raumstation in das Büro von Hafiz al-Assad.

"Die Assads dachten, sie seien Götter"

Nach seiner Rückkehr fragte Faris den Präsidenten Hafiz al-Assad, ob Syrien nicht ein nationales Raumfahrtforschungsinstitut gründen sollte. Doch dessen Antwort hieß nein. „Er wollte seine Bürger ungebildet und zerstritten halten“, sagt Faris heute. „So halten sich Diktatoren an der Macht. Allein nur der Gedanke, dass ein solches Institut den Menschen eine Vision geben könnte, war gefährlich.“

Faris wurde Chef der Luftwaffen-Akademie und leitete die Ausbildung für junge Jet-Piloten. Viele von ihnen sind heute noch im Einsatz und fliegen Angriffe auf die Stellungen der Aufständischen. „Sie haben eine Gehirnwäsche bekommen“, sagt Faris heute bitter.

Als im Jahr 2011 die Proteste begannen, stand Faris den Demonstranten offen gegenüber. „Sie waren einzig und allein friedlich, über Monate“, sagt er. Er selbst marschierte in Damaskus bei Protestzügen mit und unterstützte friedliche Reformen. Außerdem versuchte er, die Angelegenheit im Präsidentenpalast zur Sprache zu bringen: „Aber die Assads dachten, dass sie Götter wären.“

Ein Traum blieb ihm

Ein Jahr später floh er mit seiner Familie in die Türkei.

Nun lebt Faris in bescheidenen Verhältnissen in Istanbul. Er ist 1987 mit dem Orden „Held der Sowjetunion“ ausgezeichnet worden. Und heute muss der zusehen, wie Wladimir Putins Truppen Aleppo in Schutt und Asche bomben.

„Wenn ich einen Traum habe, dann diesen“, sagt Faris. „Dass ich eines Tages in meinem Heimatland in meinem Garten sitzen und meinen Kindern beim Spielen zusehen kann. Ohne Angst vor den Bomben zu haben.“

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