POLITIK
04/03/2016 12:54 CET | Aktualisiert 04/03/2016 15:38 CET

Der Abgrund ist da

Der Abgrund ist da
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Der Abgrund ist da

Heute Morgen habe ich mich seltsam gefühlt. Der Himmel strahlt, die Vögel singen, die Schneeglöckchen blühen. Alles scheint normal. Aber das ist es nicht.

Schon vor Monaten hatte ich Angst davor, dass einige Menschen unser Land an den Abgrund bringen. Inzwischen ist diese Angst wahr geworden.

Der Abgrund ist da. Wir sind mittendrin, im freien Fall. Immer tiefer fallen wir, trudeln, rasen auf den Boden zu. Das Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es nicht mehr. Stattdessen ist es ein fremdes Land, das seine Werte und Tugenden vergessen hat.

Deutschland war anders. Anders als die USA, wo Hollywoodstars und Milliardäre für hohe Ämter kandidieren. Wo ein Kongress-Abgeordneter einen Schneeball zu einer Sitzung mitbringt - um zu beweisen, dass es den Klimawandel nicht gibt.

Mittlerweile ist auch Deutschland Schauplatz für Realsatire geworden. Und alles nur, weil die Deutschen in der Flüchtlingskrise den Verstand verloren haben. Der Schwachsinn ist längst nicht mehr für politische Randgruppen reserviert. Nein, mittlerweile drehen auch die etablierten Parteien durch.

Ein CDU-Landesverband blamiert sich mit der Forderung nach einer Schweinefleischpflicht in Kantinen (die hinterher gar keine gewesen sein will.) Bayerns Ministerpräsident Seehofer kuschelt beim Moskau-Besuch mit Putin und nennt es "sehr nobel", dass der sich nicht in die deutsche Flüchtlingspolitik einmische.

Und wo war Seehofer gleich nach seinem Russland-Trip? Richtig, in Ungarn, wo er den Anti-Demokraten Victor Orban zu seinem Verbündeten machte.

"Wir wollen keine Multi-Kulti-Gesellschaft", verkündet die CSU in schönstem Pegida-Slang. Öffentlich droht sie ihrer Schwesterpartei mit einer Verfassungsklage.

Sogar Sigmar Gabriel ist besorgter Bürger: Er warf Merkel vor, die wahren Kosten der Flüchtlingskrise zu verschweigen und fordert mehr Ehrlichkeit von der Regierung. Randnotiz: Ja, das ist der Sigmar Gabriel, der als Vizekanzler dieses Land mitregiert. Das Ganze hat etwas von schizophrener Selbstzerstörung.

Deutschland war anders. Anders als Ungarn, wo Rechtspopulisten das Land regieren.

Mittlerweile erreicht eine Partei wie die AfD in Deutschland Umfrage-Rekorde von 19 Prozent. Eine Partei, deren Vorsitzende auf Flüchtlinge schießen lassen will. Die ein Abtreibungsverbot fordert und die "Fruchtbarkeitsraten" deutscher Frauen erhöhen will.

Eine Partei, die im Deutschland des 21. Jahrhunderts einen "Tag des Heimatschutzes" plant. Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch steht Gruppen nahe, die Evolutionstheorie vom Lehrplan streichen lassen will. Ist es nicht unglaublich, dass so jemand heute in Deutschland wieder als wählbar gilt?

Deutschland kam mir zwar manchmal ein bisschen langweilig vor, aber ich habe mich hier sicher gefühlt. Es war für mich die Heimat der Vernunft. Die Heimat von Logik und Ingenieurskunst.

Das Land, das in Finanzkrisen standhaft blieb und Helfer in Krisenregionen schickt. Kurz gesagt: Ein Land, das immer eine Lösung findet. Unterdrückung, Kriege, Willkür - das schien weit weg.

Ich erinnere mich an meine Kindheit, als wir in der Schule den Film “Schindlers Liste” sahen und “Abschied von Sidonie” lasen. Ich erinnere mich an die Scham und den Ernst, die über unseren Köpfen hingen. Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass sich ausgerechnet Deutschland wieder radikalisiert.

Deutschland war anders als China, Russland oder Ägypten, wo kritische Journalisten um ihr Leben fürchten müssen. Mittlerweile bekommen Journalisten in unserem Land Morddrohungen.

Ein Kamerateam des MDR wurde auf einer AfD-Demo mit Pfefferspray angegriffen. Bei einer Legida-Versammlung schlugen Demonstranten einer Reporterin ins Gesicht.

Im heutigen Deutschland verbünden sich Ausländerhasser mit Russen, die wiederum von sich behaupten "die echten Deutschen" zu sein.

Sie wollen ihren ängstlichen und vom Schuldkomplex geplagten Brüdern helfen, das Land vor der Asyl-Invasion zu schützen. Dabei scheinen sie zu vergessen, dass sie als Russlanddeutsche selbst von Flüchtlingen abstammen.

Es ist das reinste Chaos.

Wenn man am Donnerstagabend das ZDF einschaltet, kann es schon einmal passieren, dass einem die Fernbedienung aus der Hand fällt. Weil eine Moderatorin wie Maybrit Illner beim Flüchtlingstalk fragt: „Wollen wir schaffen, dass diese eine Million Menschen morgen unsere deutschen Nachbarn sind und nur Mohammed heißen mit Vornamen?"

Ich habe mich in Deutschland wohl getäuscht. Die Vernunft erscheint mir im Nachhinein als Fassade. Wir konnten sie nur so lange aufrechterhalten, weil es keine echten Probleme gab.

Wir können nur hoffen, dass Deutschland nicht so tief fällt wie beim letzten Mal.

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