POLITIK
29/02/2016 17:29 CET | Aktualisiert 01/03/2016 16:46 CET

Kinderarmut - Deutschlands Generation ohne Zukunft: Warum die Politik endlich handeln muss

dpa

Die Lage ist bestürzend: Fast 20 Prozent aller Mädchen und Jungen unter 18 Jahren in Deutschland sind von Armut betroffen. Vielen von ihnen fehlt es im reichen Deutschland an wichtigen Dingen wie regelmäßigem Mittagessen, warmer Kleidung und Bücher.

Besonders prekär ist die Lage in drei Bundesländern: Am höchsten ist die Kinderarmut in Bremen (33,1 Prozent), gefolgt von Sachsen-Anhalt (28,7 Prozent) und Leipzig (27,0 Prozent), wie eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zuletzt ergeben hatte.

"Die Kinderarmut wird steigen"

Wächst in Deutschland trotz stabiler Wirtschaftslage eine neue Generation ohne Zukunft heran? Experten zeichnen ein düsteres Bild.

"Die Kinderarmut wird steigen - auch bei einer anhaltend guten wirtschaftlichen Lage", sagte Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, der "Rheinischen Post". Die Zahl der Kinder, die in Armut aufwachsen, wird nach einer Prognose des Kinderschutzbundes im Jahr 2030 bei mindestens vier Millionen liegen.

Die Gründe für die steigende Kinderarmut liegen aus Sicht von Hilgers in den steigenden Sozialabgaben und in einem Steuertarif, der nicht ausreichend an die Inflation angepasst werde, sagte er dem Blatt. Dadurch hätten Familien immer weniger Einkommen zur freien Verfügung. Kinderreiche Familien und Alleinerziehende seien laut Hilgers besonders betroffen.

Bis zu 500.000 Flüchtlingskinder, die in Armut leben werden

Zudem würde die Flüchtlingskrise die Zahl der armen Kinder in Deutschland erhöhen, erklärt Hilgers. Der Kinderschutzbund-Präsident geht davon aus, dass zu den rund vier Millionen einheimischen armen Kindern bis zum Jahr 2030 weitere 500.000 Flüchtlingskinder kommen, die dann in Deutschland in Armut leben.

Während in manchen Regionen Süddeutschlands beinahe Vollbeschäftigung herrscht, scheint der Wohlstand also in großen Teilen der Bevölkerung nur teilweise anzukommen.

Wo Armut jungen Menschen die Chance auf ein besseres Leben verbaut, da braucht es vor allem eins: Lösungen.

Eine Idee hatte Hilgers bereits 2014: Eine Grundsicherung für jedes Kind in Deutschland in Höhe von 500 Euro. Nur so lasse sich Kinderarmut dauerhaft verhindern, erklärte Hilgers damals. Zudem unterstützte der Kinderschutzbund den Vorstoß der Linken, Urlaubsgutscheine für sozial Schwache auszugeben und kostenlose Reisen für die Kinder zu ermöglichen.

Ganztagsbetreuung als Schlüssel für den Weg aus der Armut?

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge hingegen sieht eine funktionierende Ganztagsbetreuung als Schlüssel für die Bekämpfung steigender Armut. Das ziehe einen Doppeleffekt nach sich, erklärt Butterwegge. "Einerseits bekommen die Kinder dort bessere Bildungsimpulse und geregelte Mahlzeiten. Andererseits können junge Frauen in Vollzeit arbeiten, um sich aus der Armut herauszuarbeiten", sagte er der Huffington Post.

Darüber hinaus sollte der Staat mehr Geld in Gemeinschaftsschulen investieren, fordert der Kölner Forscher - "damit Kinder nicht schon nach der vierten Klasse aussortiert werden".

Butterwegges Appell: "Immer noch landen Kinder aus 'bildungsfernen' Familien zu häufig auf Haupt- und Förderschulen, während Kinder aus bürgerlichen Verhältnissen aufs Gymnasium geschickt werden."

Der Kölner Forscher sieht zudem Handlungsbedarf bei den Sozialleistungen. Demnach würden viele Familien mit dem Hartz-IV-Regelbedarf nicht über die Runden kommen, mahnt der Forscher an.

Daher sei es sinnvoll, die Regelsätze stärker an die realen Lebenskosten anzupassen, fordert Butterwegge. "Die Lebenskosten sind in den vergangenen Jahren viel schneller gestiegen als die staatliche Unterstützung. Das heißt, dass die Armen so gut wie gar nicht vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert haben."

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