POLITIK
29/02/2016 11:05 CET | Aktualisiert 29/02/2016 16:57 CET

Experten fordern ein "Neu-Damaskus": Diese Idee für Flüchtlinge könnte Deutschland völlig verändern

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Deutschland könnte wegen der Flüchtlingskrise bald ganz anders aussehen. Jedenfalls wenn es nach der Politikforscherin Ulrike Guérot und dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse geht. Sie haben eine radikale Vision für Deutschland: Die Flüchtlinge sollen die Städte aus ihrem Heimatland nachbauen.

Unweit von München, Berlin oder Köln soll es also bald Neu-Baghdad, Neu-Damaskus und Neu-Kabul geben. Ihren Vorschlag haben die beiden in Form eines Aufsatzes kürzlich in dem Magazin "Le Monde Diplomatique" präsentiert.

Manch einer mag sich jetzt fragen: Ticken die noch richtig?

Bei genauerem Hinsehen steckt durchaus eine überlegenswerte Idee dahinter. Denn Guérot, die für die Denkfabrik European Democracy Lab in Berlin arbeitet, sieht für die Zukunft noch weit größere Flüchtlingskrisen als die aktuelle. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie:

Allein der Klimawandel führe zu einer gigantischen Verdrängung, weil ganze Staaten unbewohnbar würden. 60 Millionen Menschen seien derzeit auf der Flucht - das sei keine "Flüchtlingsbewegung" mehr, sondern eine "Völkerwanderung". Diese Menschen schnell in die eigene Kultur zu integrieren sei unmöglich. Eine bessere Alternative sei es, wenn sie ihr altes Leben quasi im neuen Land kopieren.

Vorbild sind die USA

Um mit dieser Veränderung fertig zu werden, wolle sie einen Denkanstoß präsentieren.

Als Vorbilder sieht Guérot die USA und andere Staaten, wo sich große Gruppen von Einwanderern eigene Stadtviertel geschaffen haben. So zum Beispiel das Chinatown in San Francisco oder Little Italy in New York. Auch viele Städtenamen in den USA erinnerten an die Gründung durch Einwanderer. New Hannover und New Berlin zum Beispiel.

"Die europäischen Flüchtlinge sind einfach in einer neuen Heimat angekommen und haben dort ihre alte Heimat nachgebaut", sagt die Wissenschaftlerin.

Auch in Deutschland sieht sie Vorbilder. So hätten die Hugenotten, die im 17. Jahrhundert nach Deutschland kamen, ihre Städte nachgebaut, Celle und Bayreuth seien Beispiele. Ähnliches gelte auch für die Sudetendeutschen.

In Neu-Damaskus gäbe es also Teehäuser, Märkte und Moscheen. So wie in der historischen Stadt in Syrien auch.

Die herkömmliche Integration ist gescheitert

Allerdings ist heute die Situation auch eine völlig andere als zur Zeit der Migration in die USA oder bei den Hugenotten. Denn die Menschen kommen nicht aus dem gleichen Kulturkreis, sondern gehören meist einer anderen Religion an.

Und sind nicht migrantisch geprägte Viertel wie Duisburg-Marxloh und Berlin-Neukölln Zeichen für eine gescheiterte Integration? Wuchs der Terror von Paris nicht in den Vorstädten von Paris heran? Stehen sie nicht beispielhaft für Parallelgesellschaften?

Auch diesen Vorwurf hat Guérot schon mitgedacht. Ja, ihre Idee beinhalte tatsächlich Parallelgesellschaften, sagt sie. Aber die schnelle Integration sei völlig illusorisch.

Flüchtlinge bekommen Verantwortung

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte sie: "Ja natürlich wird uns - das sagen Sie ja jetzt auch schon - Irrealismus oder Träumerei vorgeworfen, dass das ja gar nicht möglich ist."

Aber der Gedanke, dass es Flüchtlingen ermöglicht werden muss, sich in Deutschland eine Existenz aufzubauen, ist durchaus bedenkenswert. Eigenverantwortlich. Mit eigenen Mitteln. Bisher sitzen die meisten Flüchtlinge herum, weil sie nicht arbeiten dürfen.

Und mit ihrer Idee ist die Politikforscherin nicht alleine. Der Deutsche Architektentag setzt seine Jahreskonferenz in diesem Jahr unter das Motto "Städte für Flüchtlinge".

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