WIRTSCHAFT
28/02/2016 10:58 CET | Aktualisiert 27/07/2016 14:31 CEST

An die Eltern, deren Töchter bei Primark einkaufen

THE BLOG

Liebe Eltern,

ich habe eure Töchter beobachtet. Ich habe gesehen, wo sie einkaufen gehen. Ich habe zugeschaut, wie sie sich mit Freundinnen in ein Shopping-Abenteuer stürzen.

Beim Bummel in der Fußgängerzone bin ich ihnen ausgewichen, um sie nicht anzurempeln. Eure Töchter waren zu vergnügt, um zu sehen, dass in der Menschenmasse kaum Platz war für die vielen Tüten, die an ihren Armen baumelten.

Ich habe viele Papiertüten gesehen. Sie hatten einen blauen Schriftzug. Primark stand darauf. Ich habe eure Töchter dabei ertappt, wie sie billig einkaufen gehen. Und ohne Gewissen.

Ich unterstelle ihnen nichts Böses. Wahrscheinlich wissen sie nicht einmal, warum die Mode so unfassbar günstig ist. Aber vielleicht möchten Sie es ihren Töchtern erklären?

Kleidung zum Spottpreis

Primark, das ist jenes Modeunternehmen, das Kleidung zum Spottpreis anbietet. Kleidung, für die eure Töchter ihr Taschengeld ausgeben.

Hier kleiden sie sich von oben bis unten neu ein. 25 Euro, das reicht mitunter schon aus für ein komplettes Outfit. Und wenn es ihnen nicht mehr gefällt, werfen sie es einfach weg - und kommen wieder her. Nach der Schule. In der Mittagspause. Vielleicht auch mal, während der Unterricht noch läuft.

Ich habe viele junge Kundinnen gesehen, die bei Primark einkaufen gehen. Ich habe gesehen, wie sie von Kleiderständer zu Kleiderständer rennen. Wie sie T-Shirts vom Boden aufheben, auf denen andere vor ihnen herumgetrampelt sind. Eure Töchter haben sie in ihre Einkaufstüten gepackt - und gelacht vor Freude. Junge Frauen in rauschhafter Kauflaune.

Ein Trend, den man in den meisten Primark-Filialen beobachten kann. Sieht chic aus, ist billig, will ich haben - so denken eure Töchter. In Wirklichkeit bringen sie sich damit womöglich in Gefahr.

Die Kleidung von Primark steckt voller Chemikalien. Sogar Mitarbeiter beschweren sich über stinkende Ausdünstungen. Experten überprüfen zur Zeit, ob und inwieweit sie gesundheitsschädigend sind.

Es kommt sogar noch schlimmer: Ein Angestellter hat jetzt öffentlich den Vorwurf geäußert, dass Primark wissentlich verschimmelte Ware zum Verkauf angeboten habe. Mehrere Kleidungsteile seien bereits feucht angeliefert worden, sagt er. Trotzdem sei die Ware in den Verkauf gegangen. Kleidung, die vielleicht auch eure Töchter am Körper tragen.

Euren Töchtern scheint das egal zu sein. Ich wundere mich darüber. Ich mache mir Sorgen um sie. Aber ich fange an zu verstehen, warum sie die Risiken ausblenden. Eure Töchter sind selbstbewusste Frauen, die Wert auf ihr Äußeres legen. Ja, zu einem großen Teil definieren sie sich auch über die Mode.

Kleidung zum Austauschen, Kleidung zum Wegwerfen

Wie sehr, das sehe ich manchmal in Cafés. Dort treffen sich eure Töchter nach dem Shoppen mit Freunden. Die Einkaufstüten mit dem blauen Primark-Schriftzug stehen neben ihnen auf der Bank. Oder unter dem Tisch. In den Tüten steckt allerdings nicht mehr das, was sie bei Primark gekauft haben. Die T-Shirts, die sie vom Boden aufgehoben haben, die haben eure Töchter inzwischen übergestreift.

In den Tüten steckt das, was sie noch anhatten, als ihr sie zum Shoppen in der Stadt abgesetzt habt. Wenn eure Töchter aufstehen und gehen, bleiben viele Tüten einfach stehen in den Cafés. Kleidung zum Austauschen, Kleidung zum Wegwerfen.

Mich stimmen die verlassenen Tüten nachdenklich. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es so etwas gibt. Und ich frage mich, ob eure Töchter wissen, was sie dort tun.

Hinter den billigen Klamotten, die es bei Primark zu kaufen gibt, stehen Näherinnen aus Billiglohnländern, die unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften müssen, oft sogar unter Lebensgefahr.

2013 begrub eine eingestürzte Textilfabrik in Bangladesch Tausende Näherinnen unter sich. 1230 Menschen starben, mehrere Hunderte wurden schwer verletzt. Die Schande von Rana Plaza ist bekannt. Hoffentlich.

Worüber aber oft hinweg gesehen wird: Auch in Deutschland sind Beschäftigte bei Primark fragwürdigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. In mehreren Filialen besteht der Verdacht, dass Mitarbeiter systematisch von Videokameras gefilmt und bespitzelt worden sind.

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Hier wimmelt es von Kameras

Vor kurzem habe ich mich mit einem Sicherheitsmann bei Primark unterhalten. Ein lockerer Plausch, er wusste nicht, dass ich Journalist bin. Ich fragte ihn, wie es denn bei Primark so aussehe mit Sicherheitsüberwachung. Er lieferte eine ehrliche wie präzise Antwort: „Hier wimmelt es von Kameras. Wir filzen jeden Winkel. Unten im Büro sitzen die Kollegen an Bildschirmen. Das ist ein Fingerdruck - und wir können jeden rausziehen."

An mehreren Primark-Standorten haben Landesdatenschützer diesbezüglich gravierende Missstände festgestellt. In mindestens einer Filiale laufen auch Untersuchungen, ob Kunden beim Bezahlen ausspioniert worden sein könnten.

Stellt euch vor: Eure Töchter stehen nach ihrem Einkauf bei Primark an der Kasse. Sie zücken ihre EC-Karte, sind dabei, ihr letztes Taschengeld zu opfern - und unten im Keller beobachtet Security-Personal auf Bildschirmen, welche Pin-Nummern eure Töchter ins Kartenlesegerät eingeben. Genau dieser Verdacht wird bei Primark gerade überprüft. So verlautet es aus Datenschützer-Kreisen. Ich hoffe für eure Töchter, ich hoffe für alle anderen Kunden, ich hoffe für Primark, dass er sich niemals bestätigt.

Ich frage mich aber auch, was wäre, wenn eure Töchter davon wüssten. Von all den Videokameras in den Primark-Filialen. Mehr als 120 sollen es alleine am Standort Hannover gewesen sein. Würden sie weiterhin bei Primark einkaufen gehen? Was wäre mit ihrem Gewissen?

Neulich erst habe ich mich wieder gefragt. Was würden eure Töchter wohl zu der Primark-Verkäuferin sagen, der von einem Tag auf den anderen der Nachtzuschlag gestrichen wurde? Die plötzlich auf ein Viertel ihres Gehalts verzichten muss. Die noch mehr schuftet als zuvor, weil die Belegschaft gekürzt, Kollegen im großen Stil entlassen werden. In Hannover. In Dortmund. In Saarbrücken. Anderswo.

Arbeiten bei Primark kann krank machen. Das bestätigen Mitarbeiter. Das belegen die Krankenstatistiken in den einzelnen Filialen. In Hannover lag sie zuletzt angeblich zwischen 10 und 15 Prozent. An anderen Standorten soll sie noch höher sein.

Die Mitarbeiter schämen sich

Primark-Mitarbeiter sind häufig krank, weil sie unter Druck gesetzt werden. Weil sie Angst vor Vorgesetzten haben. Angst haben, ihren Job zu verlieren. Einige Mitarbeiter begeben sich deshalb sogar in psychische Behandlung. Und sie schämen sich.

Als ich sie so sah, eure Töchter, Rücken an Rücken mit einer Verkäuferin in den schmalen Verkaufsreihen bei Primark, da habe ich versucht mir auszumalen, wie wohl so ein Gespräch aussehen könnte zwischen ihnen. Welche Position eure Töchter einnehmen würden. Ob sie Mitleid hätten mit der Verkäuferin.

Ich kann mir keine Mädchen, pardon: jungen selbstbewussten Frauen vorstellen, die einfach wegschauen, die so tun, als sei nichts gewesen, wenn andere Frauen schikaniert werden. Täusche ich mich da?

Ich habe gehofft, eine eurer Töchter würde die Verkäuferin ansprechen. Auf die Vorwürfe, die seit Monaten in den Medien sind. Viele Kundinnen sind einfach an ihr vorbei gegangen. Nur eine hat mit ihr geredet - allerdings nicht so wie erhofft. „Können Sie das Zeug hier auf dem Boden nicht mal wegräumen", hat sie die Verkäuferin gefragt.

Ich habe diesem Mädchen in diesem Moment eines gewünscht: Einen Erwachsenen, der mit ihm spricht. Über Primark. Über Kleidung. Über Bezahlung. Alle Hintergründe.

Ich selbst habe es nicht getan. Weil es mir nicht zusteht, einem Mädchen vorzuschreiben, wo es einkaufen soll. Bei wem es einkaufen soll.

Weil ich mir darüber im Klaren bin, dass eine junge Frau kaum etwas auf die besserwisserischen Worte eines Fremden geben würde. Weil ich weiß, dass die Kleidung von anderen Modemarken wohl kaum besseren Ursprungs und von besserer Qualität ist als die von Primark.

Und doch nehme ich mir heraus, mir etwas zu wünschen: Eltern, die mit ihren Kindern sprechen. Sie aufklären über Kleidung. Über Mode. Über Qualität. Über Bezahlung. Über Primark. Über alle Hintergründe.

Nicht aus Besserwisserei. Nur aus Fürsorge. Ist das zuviel verlangt?

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