POLITIK
25/02/2016 10:02 CET | Aktualisiert 25/02/2016 10:25 CET

Neue Studie: Junge Pegida-Anhänger "nennenswert" radikaler als vor einem Jahr

Getty
Neue Studie: Pegida ist angeblich nicht viel radikaler als vor einem Jahr

Pegida ist mittlerweile zu einem Synonym für Fremdenfeindlichkeit geworden - und die Bewegung wird in Teilen immer radikaler. Das besagt eine Studie des Dresdner Politikwissenschaftlers Werner Patzelt, die an diesem Donnerstag vorgestellt wurde.

Die beunruhigende Feststellung: Größere Radikalität stellten die Forscher im Vergleich zum Januar 2015 bei jungen Pegida-Demonstranten fest. Sie sei "nennenswert“ gestiegen. Das Internet habe die Mobilisierung dieser Anhänger begünstigt. „Es hat sich ein Denk- und Empfindungszusammenhang herausgebildet, von dem aus sich bruchlos auf rechtsradikale Positionen gelangen lässt, falls man sein Denken und Reden nicht diszipliniert", heißt es in der Mitteilung zur Studie.

Erstaunliche Einschätzung

Diese Einschätzung erstaunt - denn in den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Schlagzeilen über Vor- und Ausfälle während der Demonstrationen gegeben. Mitte Oktober etwa hatten Demonstranten einen Galgen für Kanzlerin Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel mit sich herumgetragen.

Und wer Frontfrau Tatjana Festerling bei ihren Reden lauscht, hört aggressivste Rhetorik gegenüber allen, die anderer Meinung sind als Pegida - etwa gegen "Muslim-Merkel".

Datengrundlage ist eine Befragung - keine unabhängige Einschätzung

Eine Erklärung für dieses Studienergebnis ist die Methodik. Die Forscher haben Pegida-Anhänger nach ihrem Selbstbild befragt. Im Januar, April und Mai 2015 sowie im Januar 2015.

29 Prozent der Befragten verorten sich selbst als „rechts der Mitte“ – etwa so viele wie vor einem Jahr auch. Patzelt vermutet, dass der Anteil der wirklich rechten Pegida-Anhänger in der Realität höher liegt – denn Rechtsradikale hätten die Befragung eher als gemäßigtere Demonstranten verweigert.

Einen Rechtsruck sieht Patzelt aber eben dennoch nicht belegt, denn die Bereitschaft, sich befragen zu lassen, sei vermutlich gleich geblieben und damit seien die Ergebnisse vergleichbar. Außerdem lehnten weiterhin grob 75 Prozent der Befragten nach eigener Auskunft die Anwesenheit von Rechtsradikalen bei den Demos ab.

Die Ergebnisse liefern damit einen Hinweis darauf, wie sich die Pegida bzw. ihr Selbstbild geändert hat - sagt aber nichts darüber aus, wie rechts die Gruppe de facto ist.

Aufschlussreicher sind da schon die Antworten auf konkrete Fragen:

Wie stehen die Pegida-Leute zu Demokratie und Wahlen?

Pegida-Demonstranten seien überwiegend keine Demokratie-Gegner, hätten aber ihrer „bundesrepublikanischen Gestalt innerlich gekündigt“. Der Anteil derjenigen, die unzufrieden mit der Demokratie sind, sei innerhalb eines Jahres von 75 auf 70 Prozent gesunken.

Dennoch wollten mehr Pegida-Anhänger als noch vor einem Jahr zur Wahl gehen. Und 82 Prozent von ihnen wollten ihr Kreuz bei der AfD machen. "Wir sollten begreifen, dass Pegida und AfD dasselbe sind", sagte er bei der Präsentation der Studie.

Die AfD allerdings ist schlicht eine rechte Partei. Das sagt viel über die Pegida-Anhänger.

Was halten Pegida-Anhänger von (muslimischen) Flüchtlingen?

Ebenso deutlich ist die Antwort der Demonstranten auf die nächste konkrete Frage. Denn Flüchtlinge wollen nun wesentlich weniger der Demonstranten aufnehmen als noch vor einem Jahr: 51 statt damals 73 Prozent.

Wie der Name der Pegida – Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes – vermuten lässt, sehen die Demonstranten den Islam überaus kritisch. „Es hat die Selbstverständlichkeit zugenommen, sich klar xenophob und islamophob zu äußern“, sagt Patzelt.

Kritik an Patzelt

Es ist bereits die dritte Studie zu Pegida, die Patzelt publiziert, er zählt damit zu den wenigen und gefragten Experten in Deutschland. Allerdings werfen ihm Kritiker vor, die Bewegung zu verharmlosen oder sogar Sympathie zu hegen.

Patzelt war der Erste in Deutschland gewesen, der sich wissenschaftlich mit der Frage beschäftigt hatte, welche Leute zur Pegida gehen. Seine bisherigen Einschätzungen sieht er nun bestätigt:

Wer geht zu den Pegida-Demos?

Pegida-Demonstranten seien „typischerweise Männer aus Dresden und Umgebung, verheiratet, älter, konfessionslos, (früher) berufstätig, gute (praxisorientierte) Bildung, durchschnittliches bis unterdurchschnittliches Einkommen.“

Wie tickt ein typischer Pegida-Anhänger?

„Typische Pegidianer sympathisieren mit Russland, stehen den USA skeptisch gegenüber, sind globalisierungskritisch und halten Deutschland für sozial ungerecht.“

Patzelt unterscheidet fünf Gruppen unter den Anhängern:

  • Rechtsradikale: 19 Prozent, darunter etwa 5 Prozent Rechtsextremisten
  • islamophobe Zuwanderungskritiker: 19 Prozent
  • kulturkonservative Zuwanderungskritiker: 31 Prozent
  • gutwillige Zuwanderungskritiker: 23 Prozent
  • bundesdeutscher Mainstream: 8 Prozent

Dresdner Politologe sicher: Pegida-Anhänger sind gar nicht rassistisch

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.