POLITIK
23/02/2016 06:16 CET | Aktualisiert 23/02/2016 10:27 CET

Wenn wir nicht aufpassen, wachen wir morgen im Vierten Reich auf

ASSOCIATED PRESS
Wenn wir nicht aufpassen, wachen wir morgen im Vierten Reich auf

Manchmal wache ich morgens auf, und schon nach dem ersten Blick auf mein Smartphone überkommt mich ein Zweifel, ob dieses Deutschland noch ganz bei Verstand ist.

Meldungen aus der deutschen Provinz.

In Nauen, einige Kilometer vom ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen entfernt, finden Bewohner Zettel mit Anleitungen zum Bombenbau im Briefkasten. Verbunden damit der Aufruf zum „absoluten Widerstand“ gegen die „Invasion der Ausländer“.

Acht Bürger meldeten den Vorfall bei der Polizei. Und ich frage mich unwillkürlich, wie viele brave Kleinstadtbewohner den Zettel stillschweigend in den Schubladen ihrer Schreibtische verschwinden ließen, in der Erwartung, irgendwann dafür eine Verwendung zu finden.

Rassisten als Vorbilder für Kinder

In der sächsischen Stadt Bautzen brennt unterdessen ein Haus, das schon in wenigen Tagen als Asylbewerberheim dienen soll. Wahrscheinlich war es Brandstiftung.

Und während die Feuerwehr versucht, die Flammen einzudämmen, stehen betrunkene Schaulustige daneben und feiern den Anschlag mit lautem Gejohle. Mehr noch: Sie animieren Kinder, mit ihnen gegen die „Kanaken“ zu pöbeln. So wie die Großen. Sind Rassisten heute wirklich Vorbilder für die nächste Generation? Und herrscht in diesem Land wieder jene Pogromstimmung, die einst das schlimmste Kapitel der deutschen Geschichte einläutete?

Dazu die Nachrichten aus Clausnitz im Erzgebirge, wo das Landratsamt tatsächlich ein Mitglied der rechtsradikalen AfD damit beauftragt hat, ein Flüchtlingsheim zu leiten. Ist das alles Zufall? Oder hat das System?

Für "Wehret den Anfängen" ist es zu spät

Früher hätte ich wohl geschrieben: „Da gerät etwas ins Rutschen“. Aber die Sache ist ernster geworden. Deutschland droht gerade ein weiteres Mal, die falsche Ausfahrt auf dem Highway der Geschichte zu nehmen.

Nicht nur, dass die Angst vor dem Zustrom der „Fremden“ mehrheitsfähig geworden ist und der Hass auf sie aus der Nische einer Fünfprozent-Minderheit hinausgewachsen ist. Es blühen auch wieder die Vorurteile gegen Angehörige einer religiösen Minderheit. Sich „islamkritisch“ zu geben ist mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert. Über alle Parteigrenzen hinweg. Fragen Sie mal Alice Schwarzer.

„Wehret den Anfängen, das käme schon zu spät – wehret dem Mittendrin“, schrieb der Publizist Sascha Lobo kürzlich auf Facebook. Er hat unbedingt Recht damit.

Wir glaubten, immun gegen Rattenfängerei zu sein

Ich erinnere mich an meine Schulzeit in den 90er-Jahren. Wir haben im Unterricht alle wichtigen Bücher der politischen Auflärungsliteratur gelesen. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ oder „Das Tagebuch der Anne Frank“.

Nachdem wir schließlich auch „Die Welle“ im Deutschunterricht besprochen hatten, meldete sich eine Mitschülerin und bot unserem Lehrer an, dass wir dieses Experiment doch mal nachspielen könnten. Sie wollte ihm beweisen, dass wir es heute besser wissen. Dass wir Widerstand leisten würden, wenn uns jemand mit falschem Gemeinschaftsgefühl besoffen machte.

In unserem jugendlichen Übermut hatten wir damals keinen Begriff dafür, wie eine Gesellschaft in den Abgrund der Menschenverachtung fallen kann. Wir dachten wohl, dass Hass etwas sei, das einem Land irgendwann übergestülpt wird. Von Politikern, die falsche Versprechen machen und so ein Volk verführen. Und wenn man sich dagegen nur tapfer genug wehrt, dann schafft man es auch, diese dunklen Kräfte zu besiegen.

Hass überfällt die Gesellschaft von innen heraus

Aber Hass ist nichts, was von oben verordnet wird. Er überfällt eine Gesellschaft von innen heraus. Das ist eine Sache, die ich gerade schmerzhaft lernen muss.

Mittlerweile habe ich gut ein Dutzend meiner Facebook-Freunde verloren, weil die Diskussionen um Asyl, Migration und Islam regelmäßig aus dem Ruder laufen. Alte Freunde fangen auf einmal an, vor einem angeblich bevorstehenden Krieg der deutschen Muslime gegen die Mehrheitsgesellschaft in diesem Land zu warnen. Mit Texten von Verschwörungstheoretiker-Verlagen.

Ich halte das sowohl intellektuell wie auch emotional nicht aus. Gut integrierte Biodeutsche mit Uni-Abschluss und einem bestens bezahlten Job im öffentlichen Dienst sind darunter. Und sie drehen am Rad, wie man das allen Nazi-Klischees zufolge nur von den gesellschaftlich Benachteiligten erwartet hätte. Von Proleten mit Glatze und einer Wartemarke beim Jobcenter in der Tasche.

Es braucht keine Weltwirtschaftskrise, um Hass salonfähig zu machen

Noch so eine falsche Gewissheit aus dem Geschichtsunterricht, die wir aus dem Erwachsenenleben mitgenommen haben: Dass ein radikaler Rechtsruck der Gesellschaft nur mit Hilfe einer Weltwirtschaftskrise möglich sein würde, die Millionen von verzweifelten Habenichtsen in die Arme der Rattenfänger treibt.

Nein, so einfach ist es nicht.

Die Diskussion um Schweinefleisch in deutschen Kita- und Schulkantinen etwa. Vor zehn Jahren hätte man dafür in Deutschland eine pragmatische Lösung finden können. Mittlerweile blubbert die Hasskotze hoch, wenn man nur darauf hinweist, dass muslimische Kinder wenigstens eine Alternativmahlzeit haben sollten.

Diskussionen, die den Hass triggern

Der Streit nach den Silvester-Übergriffen in Köln. Wie automatisch redeten wir plötzlich über die Integration von Flüchtlingen. Obwohl es nach derzeitigem Stand der Ermittlungen sehr unwahrscheinlich ist, dass syrische, irakische und afghanische Kriegsflüchtlinge das Gros der Täter stellten.

Immer wieder diese Debatten, die den Hass im Inneren der Gesellschaft triggern. Und das funktioniert nur, weil es diesen Hass auch tatsächlich gibt.

Bis weit in die bürgerliche Mitte ist das fremdenfeindliche Gedankengut schon vorgedrungen. Die Autoren Liane Bednarz und Christoph Giesa haben dazu bereits im vergangenen Jahr eine sehr lesenswerte Analyse vorgelegt. "Wir haben in Clausnitz und auch in Bautzen erlebt, dass jetzt eine Stimmung entstanden ist, wo – in Anführungsstrichen – 'besorgte Bürger' sich trauen, das, was sie vorher vielleicht nur gedacht haben, in die Tat umzusetzen", sagte Bednarz am Montag dem "Deutschlandradio". "Ereignisse wie die in Clausnitz, sprich diese Busblockaden, werden seit geraumer Zeit in Medien der sogenannten Neuen Rechten diskutiert und auch angestoßen, und das sind Medien, die diese Leute lesen und sich dann jetzt offensichtlich auf den Weg auch machen, das Gedankengut in die Tag umzusetzen."

Es gibt in Deutschland mittlerweile auch wieder „rechte Intellektuelle“, deren Worte zwar nicht klug, aber für sich genommen intelligent und gefährlich klingen. Wenn man etwa Marc Jongen zuhört, AfD-Mitglied und Schüler des bundesdeutschen Großintellektuellen Peter Sloterdijk, dann kann man es mit der Angst bekommen. Es gibt wieder Menschen in Deutschland, die dem Hass ein bildungsbürgerliches Gesicht geben.

Auswandern ist keine Lösung

Manche meiner Freunde raten mir, dass ich die Kirche doch besser im Dorf lassen solle. Die AfD komme schließlich bundesweit auf nicht mehr als zwölf Prozent der Stimmen. Wir hätten das schon im Griff, irgendwie.

Haben wir nicht. Im komplizierten parlamentarischen System der Bundesrepublik mit seinen mittlerweile sieben Parteien, die Aussicht auf den Einzug in den nächsten Bundestag haben, kann die AfD mit einem Stimmanteil von knapp über 20 Prozent sämtliche Mehrheitsbildungsprozesse blockieren. Und die einzigen, die von allen Folgeereignissen profitieren würden, wären die Rechtsradikalen in Deutschland.

Zukunftsmusik? Das werden wir bei den Landtagswahlen am 13. März sehen. In Sachsen-Anhalt etwa nähert sich die AfD schon der 20-Prozent-Marke. In Ihrem dortigen Wahlprogramm spielt die AfD unter anderem die Bedeutung des Holocausts herunter.

Neulich habe ich mit Freunden darüber geredet, wie es wäre, wenn wir auswandern würden. Kanada? Amerika? Irland? Wir verwarfen den Gedanken. Es würde sich wie Davonlaufen anfühlen.

Noch ist es nicht zu spät. Denn wenn wir vor der Menschenverachtung in diesem Land kapitulieren würden, hätten diejenigen, denen wir es am wenigsten wünschen würden, schon gewonnen.

Wichtig ist, dass wir endlich aus unserer eigenen Fassungslosigkeit aufwachen. Empört zu sein reicht nicht mehr. Was derzeit passiert ist real, obwohl es uns manchmal wie ein Alptraum vorkommt. Es ist Deutschland im Jahr 2016, und es ist Zeit, Widerstand im Sinne der Menschlichkeit zu leisten. Wir müssen für diese Demokratie kämpfen.

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