POLITIK
21/02/2016 13:15 CET

„Viele haben Angst!" - Menschen zeigen in Clausnitz Solidarität mit Flüchtlingen

dpa
Teilnehmer der Solidaritätskundgebung in Clausnitz haben Spenden mitgebracht

Ein rechter Mob steht vor einem Bus voller Flüchtlinge, brüllt Parolen und Beleidigungen. Ein Kind wird von einem Polizisten am Hals in eine Unterkunft geschleift. Banner mit ausländerfeindlichen Sprüchen stehen vor einem Heim, in dem Geflüchtete leben: Bilder aus dem sächsischen Clausnitz haben das Ausmaß des Fremdenhass in den vergangenen Tagen erschreckend vor Augen geführt.

Nun gibt es wieder Bilder aus dem Dorf im Osterzgebirge. Sie zeigen die andere Seite von Sachsen: Menschen, die Flüchtlinge willkommen heißen. Menschen, die eine eindeutige Botschaft haben: „Wir akzeptieren Fremdenfeindlichkeit nicht.“

clausnitz

Am Samstagabend haben sich in der Nähe der Flüchtlingsunterkünfte in Clausnitz rund hundert Personen zu einer Solidaritätskundgebung versammelt. Organisiert hat diese der Landesvorstandssprecher der sächsischen Grünen, Jürgen Kasek, zusammen mit der Leipziger Initiative „Kaltlandreisen“.

„Unsere Kundgebung ist gut gelaufen“, sagt der 35-Jährige der Huffington Post. „Wir hatten einen Dolmetscher dabei und konnten mit den Menschen sprechen und hören, was sie zu sagen haben.“

Die Flüchtlinge hätten beispielsweise von ihren Wohnräumen gesprochen und erzählt, dass diese noch leer sind. „Viele haben Angst und trauen sich nicht raus, obwohl sie sich gerne integrieren würden“, sagt Kasek.

Eine Begegnung vom Samstagabend ging dem Rechtsanwalt besonders ans Herz. „Ein Mann aus Chemnitz hat auf einem Video aus Clausnitz eine Flüchtlingsfamilie erkannt, die er in einer Aufnahmeeinrichtung betreut hatte“, sagt Kasek. „Er kam mit zwei Säcken voller Geschenke nach Clausnitz und als ihn der Sohn der Familie sah, rannte er sofort auf ihn zu und umarmte ihn.“

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Der Großteil der Teilnehmer sei für die Kundgebung von außerhalb angereist, berichtet der Organisator. „Das liegt vermutlich daran, dass in Clausnitz und Umgebung eher ältere Menschen wohnen, die wir über Facebook, das wir hauptsächlich zur Organisation genutzt haben, nicht erreicht haben.“

Bewusst versammelten sich die Menschen nicht direkt vor den Unterkünften. „Wir wollten vermeiden, dass die Flüchtlinge wieder eine Menschentraube im Dunkeln sehen und sich an die Anfeindungen von Donnerstag erinnert fühlen“, so Kasek.

Nach dem Dialog mit den Flüchtlingen zieht er eine positive Bilanz. Die Flüchtlinge hätten sich über Geschenke und Spenden gefreut, sagt Kasek. „Wir haben außerdem einen Brief auf arabisch übergeben, in dem wir uns für das Geschehene entschuldigt haben“, so der 35-Jährige.

Die Solidaritätsbekundung vom Samstag sei nur ein Anfang gewesen. „Wir wollen in Zukunft die Zusammenarbeit mit Initiativen vor Ort vertiefen und gemeinsam daran arbeiten, dass die Integration der Flüchtlinge gelingt und Ängste und Vorurteile abgebaut werden“, so Kasek.

Ein Ansatzpunkt sei beispielsweise das Organisieren von Bürgerfesten. „Die Bevölkerung muss Flüchtlinge kennenlernen und feststellen, dass sie Menschen sind, die nach Deutschland kommen, weil in ihrer Heimat schreckliche Bedingungen herrschen“, so der 35-Jährige.

Die Gefahr für Flüchtlinge in Clausnitz schätzt er als real ein. „Ich halte es für möglich, dass rechte Gruppen versuchen könnten Flüchtlinge einzuschüchtern und zu bedrohen“, so Kasek.

Auch am Samstagabend waren die Versammelten kurzzeitig alarmiert: „Wir hatten die Information, dass gegen 21 Uhr eine rechte Gruppe auftauchen will“, so der 35-Jährige. „Wir haben noch abgewartet, aber es ist kein Mob gekommen“, sagt er weiter.

Trotzdem verließen die Solidaritätsbekunder die Umgebung der Flüchtlingsheime erst, nachdem die Polizei versprochen hatte, einen Mannschaftswagen über Nacht dort zu lassen.

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