POLITIK
20/02/2016 09:29 CET | Aktualisiert 22/02/2016 11:52 CET

Gruselkabinett in Dauerschleife: Was die AfD wirklich so gefährlich macht

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Natürlich haben wir uns aufgeregt, als Björn Höcke vom “tausendjährigen Deutschland” faselte, als er eine Deutschlandfahne über seine Armlehne bei “Jauch” legte und er den “lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp” als Problem für Europäer identifizierte.

Aber mal ehrlich: Ernstgenommen haben wir ihn nicht. Stattdessen war er für die Redaktionen ein gefundenes Fressen, etwa für die Satiriker der "heute show".

Dort versteht man es, jede Woche aus den peinlichen AfD-Auftritten witzige Clips zu schneiden. Sie zeigen zum Beispiel Partei-Vize Beatrix von Storch, die in Dauerschleife “Deutschland” schreit. Oder "heute show"-Reporter Ralf Kabelka, wie er einem Clownskostüm AfD-Anhänger vorführt.

zdf

AfD: Perfekt für Comedy

Was die AfD abliefert, ist perfekt für Comedy. Anhänger der Partei sind in der Öffentlichkeit wütend, polemisch, diabolisch, laut, unvorhersehbar und unangepasst. Das bringt ihnen viel Aufmerksamkeit in traditionellen Medien und sozialen Netzwerken. Ein Gruselkabinett in Dauerschleife mit einem Schauer wie die Hitler-Dokus, die Nachrichtensender an flauen Nachmittagen zeigen.

Wir lachen, wir schütteln den Kopf, rümpfen die Nase über die AfD. Aber erkennen sie nicht als die Bedrohung, die sie ist.

Angst, Angst, Angst

Die AfD ist die einzige Partei in Deutschland, die exzessiv mit den Emotionen der Bevölkerung spielt. Diese Emotion heißt Angst, und sie beantwortet die AfD mit noch mehr Angst – vor Überfremdung, Invasion, Volksverrätern, Lügenpresse.

Anhänger blasen unaufhörlich ihre rassistischen, populistischen, aufstachelnden Imperative ins Volk. Auf Flüchtlinge an der Grenze schießen, aus Angst, etwas anderes hilft nicht mehr. Hartz-IV-Empfänger zur Zwangsarbeit verpflichten – aus Angst, sie würden nie mehr arbeiten. Die Abtreibung abschaffen – aus Angst, dass Deutsche aussterben. Und Deutsch als Pflichtsprache an Unis einführen, aus Angst, die Sprache sterbe aus.

Angst, Angst, Angst, sie ist tief verankert in der Partei. Ein teuflisches Spiel zwar, aber ein mächtiges, das die AfD zur gefährlichsten Partei dieses Landes macht.

Die AfD wird mit großer Sicherheit am 13. März in drei Landtage einziehen. In Sachsen-Anhalt kommt die Partei gar auf 17 Prozent. Und bundesweit kann sie sich 12 Prozent erhoffen, wenn am kommenden Sonntag Wahlen wären. Eine Partei, die gegen demokratische Werte Stimmung macht, will mit demokratischen Mitteln in die Parlamente einziehen. Das hat zuletzt die NSDAP geschafft, wenn man die NPD im Osten mal ausklammert.

Naiv sind die, die glauben, dass die AfD nur ein Phänomen ist. Die Piraten sind ja schließlich auch fast verschwunden. Nein, die AfD wird nicht einfach vorübergehen wie eine Grippe. Man kann diese Partei nicht aussitzen. Ich befürchte, man kann sie nicht einmal bekämpfen. Die AfD ist stark, weil sie höllische Eigenschaften besitzt, vor denen etablierte Parteien zurückschrecken.

Nazis, das sind die anderen

Die AfD versteht es wie keine andere Partei, die Dummheit einiger in der Bevölkerung schamlos auszunutzen. Die Grenzen notfalls mit Waffengewalt sofort dicht machen. Das System ablösen. Das ist alles Wahnsinn, aber in den Ohren einiger eine wirkliche Alternative zu der langwierigen Lösung der Bundesregierung, die, wenn man ehrlich ist, bislang nichts gelöst hat. Warum noch Zeit verlieren, wenn es auch einfach geht?

Die AfD versteht es auch wie keine andere Partei, Verantwortung abzustreiten. Das Gesicht dieser Verantwortungslosigkeit ist Parteichefin Petry. Sie schafft es, den Grusel in ihrer Partei einfach wegzulächeln. Das Schlimme daran ist, dass man viel zu schnell darauf reinfällt – nach dem Motto: Nazis, das sind die anderen.

Wie etwa neulich bei „Maischberger“. Da konfrontierte SPD-Vize Ralf Stegner AfD-Chefin Frauke Petry mit einem Flyer ihrer Jugendorganisation. Ein Flyer, der dazu aufruft, Spitzenpolitiker zu erschießen.

„Dulden Sie das?“, fragte Maischberger daraufhin Petry. Als Parteichefin hätte sie jetzt die Möglichkeit, sich davon zu distanzieren. Petry sagte aber sinngemäß: Jugend schlägt eben über die Stränge. Und die anderen machen das auch.

Eine verfassungsfeindliche, widerliche Aktion - alles halb so schlimm also. Man soll eine Partei nicht daran messen, wenn einige wenige ausscheren, sagt sie zu solchen Gelegenheiten auch gerne. Ja, herrgott, aber wer das duldet, fördert das, Frau Petry! Das sind immer die Momente, wo man am liebsten den ganzen Mist ihrer Partei vor ihren Füßen abladen würde.

Die glauben das wirklich

Die AfD versteht es, wie keine andere Partei, authentisch zu wirken. Wenn die Anhänger „Wir sind das Volk“ schreien, dann glauben die das wirklich. AfDler sagen nicht, dass die Deutschen sauer sind. Sie sagen, dass SIE sauer sind. Sie gefallen sich in ihrer Protestler-Rolle so sehr, dass sie selbst noch gar nicht verstehen, dass sie auch einmal in die Verantwortung kommen könnten.

Als ich auf dem AfD Parteitag mit einem Parteivorstand sprach, sagte man mir frei heraus: Wir wollen noch gar nicht regieren. Dafür sind wir noch nicht bereit. Ganz ehrlich: Welche Partei stellt sich zur Wahl, inszeniert sich als buchstäbliche Alternative, wenn sie sich selbst dafür nicht bereit sieht?

Die AfD versteht es, wie keine andere Partei, sich als Opfer zu inszenieren. Das wirkt von außen unerträglich weinerlich, schafft aber nach innen Zusammenhalt. Die Medien würden die AfD unfairer und kritischer behandeln als andere Parteien, heißt es. Man ist ja gar nicht rechts. Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Wir gegen die.

Volker Pispers sagte einmal: „Wenn man weiß, wer der Feind ist, hat der Tag Struktur.“ Das trifft denn Korpsgeist in der AfD ganz gut. Es ist übrigens derselbe widerliche Korpsgeist, mit dem Menschen durch die Straßen ziehen und Flüchtlinge angreifen und Heime anzünden.

Es ist schon beängstigend, wozu die AfD unter Petry geworden ist. Noch beängstigender allerdings ist der Gedanke, wozu die AfD unter ihrer Chefin werden könnte.

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