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18/02/2016 08:13 CET | Aktualisiert 18/02/2017 06:12 CET

Volvo auf Erfolgskurs: China sei Dank

Endgültig in der Premiumklasse angekommen, der Volvo XC90

Dank eines Imagewandels und einer klugen Modellstrategie befindet sich der Automobilhersteller Volvo auf starkem Expansionskurz. Noch nie wurden so viele Fahrzeuge verkauft wie 2015. In Deutschland sind die Verkaufszahlen auf über 36.000 gestiegen, ein Plus von über 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Dass Volvo außergewöhnlich gute Autos baut, ist nicht mehr nur dem einst angeblich typischen Volvo-Fahrer vom Typ Oberlehrer bekannt. Abgesehen davon, dass dieses Image noch nie in Sichtweite der Wirklichkeit war, hat sich die Kundenbasis tatsächlich erweitert. Die Marke ist jünger geworden und verzeichnet nun ein Durchschnittsalter der Kunden von etwa 50 Jahren. Da dies die neuen 30 sind, wird deutlich, wie sehr die Marke Jugendlichkeit über technologische Besonderheiten vermittelt, die auch das Design, die formale Qualität, Konnektivität und modernen Luxus einschließt.

Alles über Volvo erfahren Sie in "Volvo Typenkunde: Personenwagen ab 1927"

Mit der Abnabelung vom amerikanischen Massenhersteller Ford und dem dort eng gehaltenen finanziellen Spielraum für Entwicklungen hat es das Volvo-Management verstanden, die Marke technisch und qualitativ wieder als schwedisches Premiumprodukt zu positionieren, neue Kundenkreise zu erschließen und die Botschaft von der "Sicherheit aus Schwedenstahl" neu zu beleben - obwohl Schwedenstahl in Sachen Sicherheit kaum noch eine Rolle spielt.

Wie sehr Sicherheit heute nicht mehr nur von einer stahlharten Fahrgastzelle, sondern von vielen elektronischen Helfern abhängt, zeigte uns einmal mehr der Praxistest auf einem Schnee- und Eis bedeckten Testgelände, auf dem risikofreies Driften das rücksichtlose Ausloten fahrdynamischer Traktionssysteme möglich machte. Das Ergebnis vorweg: Volvo ist technologisch nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern in Bezug auf Vernetzung und Assistenz-Elektronik mit an der Spitze der Entwicklung.

Beim Benzinverbrauch jenseits der Realität

Der von uns gefahrene Plug-in Hybrid XC90 T8 Twin Engine mit dem neuen Antrieb der sogenannten Drive-E Generation bietet souveränen Fahrspaß, ohne Abstriche zu machen. Nur die allen Plug-in-Hybriden eigene Schönfärberei beim offiziellen Verbrauch provoziert auch hier lautstarkes Lachen: 2,1 Liter auf 100 Kilometer werden da jenseits jeder Realität angegeben, weil die offiziellen Verbrauchs-Messungen (Start mit voller Batterie und ausgedehntem rein elektrischem Fahren) rechnerisch nun mal zu diesem Ergebnis führen. Aber auch die von uns am Bordcomputer abgelesenen acht bis neun Liter kann man angesichts der Fahrleistungen, der Größe des SUV und seines Gewichts von 2,3 Tonnen als sparsam bezeichnen.

Mit seinen Verbrauchs- und CO2-Werten hat sich dieser Luxus-SUV für das im Herbst letzten Jahres eingeführte E-Kennzeichen qualifiziert. Damit kommt der Fahrer in manchen Städten in den Genuss interessanter Privilegien wie kostenlosem Parken in der Innenstadt oder das Befahren der Busspur. In vielen Kommunen werden erst in diesem Jahr die Regeln für E-Kennzeichen-Autos festgelegt, die den Verkauf dieser Modelle anregen sollen.

Über 40 Kilometer kann der SUV-Riese rein elektrisch fahren, mehr Spaß macht allerdings das unvernünftig "dynamische" Fahren mit dem per Turbolader und Kompressor aufgeladenen 2,0-Liter-Benziner mit 320 PS und dem 87 PS starken Elektromotor. Die entsprechende Agilität liest sich so: von 0 auf 100 km/h in 5,6 Sekunden, was auch dem brachialen System-Drehmoment von 640 Newtonmeter zu verdanken ist. Die Spitze von 230 km/h macht vollends klar, was hier Sache ist.

407 PS Systemleistung sind ein Wort. Dass die 320 PS des Benzinmotors ausschließlich an die Vorderräder fließen und die 87 PS des Elektromotors die Hinterräder antreiben, führt auf spiegelglattem Untergrund zu einem etwas indifferenten Fahrverhalten. Der "unechte" Allradantrieb - viel Leistung vorne, viel weniger hinten - provoziert deutliches Untersteuern, das sich Dank der Elektronik aber gut kontrollieren lässt. Wer einen echten Allradler will, dem stehen der T5 AWD mit 254 PS, der T6 AWD mit 320 PS und der D5 AWD mit 225 Diesel-PS zur Verfügung. "Echter" Allradantrieb deshalb, weil bei den AWD-Modellen der permanente Allradantrieb die Kraft je nach Bedarf elektronisch variabel auf beide Achsen verteilt. Dies kommt zweifellos der Fahrstabilität zugute.

Beeindruckende Sicherheits- und Bremssysteme

Als wir es auf dem Schnee und Eis bedeckten Testgelände einmal übertrieben, registrierte das Sicherheitssystem einen drohenden Unfall und straffte den Sicherheitsgurt mit einer solchen Kraft, dass den Insassen kurz die Luft wegblieb. Im Falle eines Unfalls wären die Verletzungen mit diesem Gurtstraffer deutlich geringer ausgefallen als ohne. Die Sicherheitswirkung des Gurtes wird so vervielfacht, weil der Oberkörper nicht erst in die sogenannte Gurtlose fallen muss, um aufgefangen zu werden.

Apropos Bremsen: Der Kreuzungs-Bremsassistent tritt massiv und automatisch auf die Bremse, wenn der Fahrer beim Abbiegen ein entgegenkommendes Fahrzeug übersieht. Viele tödliche Motorradunfälle sind darauf zurück zu führen, dass ein PKW-Fahrer das entgegenkommende Zweirad übersehen hat. Das System "Run off Road Protection" wird beim Verlassen der Straße aktiviert und beinhaltet mehrere Sicherheitsaktionen: vom Gurtstraffer bis zur Lehnen-Verstellung und zum Zurückfahren der Pedale, um Verletzungen im Fußraum abzumildern.

Sicherheitsfeatures gehören zu jenen Extras, die alle haben, aber nie nutzen wollen. Das Fahrerlebnis lässt sich dagegen unmittelbar wahrnehmen. Und da macht der Plug-in Hybrid XC90 T8 Twin Engine einen sehr guten Eindruck. Vom seidenweich schaltenden Acht-Gang-Automatikgetriebe bis zur (optionalen) adaptiven Luftfederung und der Niveauregulierungs-Automatik, die je nach Beladung immer für die richtige Bodenfreiheit sorgt. Darüber hinaus kann der Fahrer mit der Drive-Mode-Funktion die Fahr- und Federeigenschaften seinen Wünschen entsprechend wählen.

Eine der herausragenden Neuerungen ist die Radikalität, mit der die Innenraum-Gestalter Knöpfe und Schalter eliminiert haben. Auf dem iPad-großen Bildschirm im Hochformat (9,2 Zoll) im Zentrum der Mittelkonsole ist eine Bedienungsoberfläche gelungen, die geradezu begeistert. Unser Kriterium ist immer die Frage: Kann man das System innerhalb kurzer Zeit verstehen und bedienen, ohne eine Anleitung lesen zu müssen. Hier kann man es. Dieser Touchscreen erklärt sich quasi von selbst. Zusammen mit der digitalen Instrumentenanzeige und dem Head-up-Display steht ein intuitives System zur Verfügung, das zu den besten überhaupt gehört. Volvo gehört auf dem Feld der Konnektivität und Bedienbarkeit zweifellos zur Spitze.

Keine Punkte in Flensburg mehr durch Gedankenlosigkeit

Schwer vorstellbar, dass das Bedienen dieser Vielfalt an Einstellmöglichkeiten noch besser auf einem Touchscreen zusammengefasst werden könnte. Hier lassen sich auch Cloud-basierte Apps für Musik-Streaming und Park & Pay steuern, ein System, das die Parkplatzsuche und das Bezahlen im Parkhaus übernehmen kann. "Apple CarPlay" und "Android Auto" integrieren die Oberfläche des Smartphones auf dem großen Bildschirm im Wagen.

Die Liste der Extras lässt kaum einen Wunsch offen: So erweitern die adaptive Abstandsautomatik und der Stau-Assistent das Komfort-Spektrum deutlich. Der Assistent folgt in Kurven wie von Geisterhand gelenkt der Straße und bietet teilautonomes Fahren bis 50 km/h. Die Verkehrszeichen-Erkennung passt die Geschwindigkeit automatisch an, was der Fahrer zwar übersteuern kann, aber das System hilft dabei Flensburger Punkte durch Gedankenlosigkeit zu vermeiden. Vier Kameras ermöglichen eine echte Vogelperspektive auf das Fahrzeug; das ist sehr hilfreich beim Ein- und Ausparken aus vertrackten und engen Parksituationen.

Der Platz im Innenraum mit bis zu sieben Sitzen ist großzügig bemessen. Überhaupt ist das Raumangebot von üppiger Großzügigkeit. Die Sitze sind sauber geformt, bieten Seitenhalt ohne einzuengen und sind trotz straffer Federung sehr komfortabel ausgelegt. Diese Rundum-Qualität zeichnet nicht nur die SUVs von Volvo aus. Wie sehr sich die Schweden bemühen, im Spitzenfeld der Premiumhersteller wahrgenommen zu werden, fällt auf. Die hehren Ziele sind denn auch recht unbescheiden. Volvo will 2020 erreicht haben, was vielen noch als Fantasterei erscheinen mag: Von diesem Zeitpunkt an soll niemand mehr in einem neuen Volvo bei einem Unfall getötet oder schwer verletzt werden.

Technische Daten Volvo XC90 T8 Twin Engine: Fünftüriger SUV +++ Länge: 4.95 Meter +++ Breite: 1,96 Meter +++ Höhe: 1,77 Meter +++ Radstand: 2,98 Meter +++ Leergewicht: 2.343 Kilogramm +++ Tankinhalt: 60 Liter +++ Motoren: 2-Liter-4-Zylinder mit Turbo- und Kompressor +++ Leistung: 320 PS / Elektromotor mit max. Leistung von 87 PS +++ max. Systemleistung: 407 PS bei 5.700 U/min +++ max. System-Drehmoment: 640 Newtonmeter bei 2.200 - 5.400 U/min +++ 0 - 100 km/h: 5,6 Sekunden +++ Höchstgeschwindigkeit: 230 km/h +++ Verbrauch kombiniert: 2,1 Liter Super/100 km +++ CO2-Emission: 49 g/km +++ Preis: ab 79.660 Euro.