POLITIK
18/02/2016 13:58 CET

An die Linken, die dämlich genug sind, um alle Nazis für Proleten zu halten

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Liebe linke Bildungsbürger!

Vielleicht bin ich einer von euch. Vielleicht auch nicht. Ich habe ein positiv besetztes Menschenbild, trete für Gleichheit ein und glaube an gesellschaftlichen Fortschritt. So wie die meisten von euch auch.

Aber es gibt Momente, ich denen ich mich für die Latrinenparolen schäme, die selbst den Klügsten unter euch wie ein plötzlicher Unfall passieren.

Dann habe ich Zweifel, was an euch überhaupt fortschrittlich ist. Worin euer Gleichheitsbegriff besteht. Und was ihr eigentlich für ein Menschenbild habt, wenn ihr abends mal allein zu Hause seid.

Ich rede von dem kruden Glauben, der seit mehr als einem Jahr in linken Kreisen wie eine politisch inspirierte Popkultur gedeiht: Dass die „Rechten“ (vulgo: „Nazis“) generell unterbelichtet seien. Dämlich. Feist. Stumpf. Verblödet. Genetisch degeneriert.

Den passenden Soundtrack dazu liefern Satireportale wie die NDR-Sendung "extra3".

Ist doch eine beruhigende Vorstellung für euch, dass diese Leute ein zappendusteres und vor allem ziemlich leeres Oberstübchen haben, oder?

Wer es an dieser Stelle gern ein bisschen wissenschaftlicher hat, greift auf Studien zurück, die Konservativen und Rechten einen ziemlich beschränkten Horizont bescheinigen.

So wie diese jüngst bei den „Blogrebellen“ verbreitete Untersuchung der Ohio State University.

Wählen Kinder mit höheren IQ später links?

Zitat: „Klar, wir wissen alle, dass man keiner Studie trauen soll, die man nicht selbst gefälscht hat. Doch amerikanische Forscher der Ohio State University haben 16.000 Personen analysiert und kommen zu dem Schluss, dass Kinder mit hohem IQ und entsprechender Förderung, als Erwachsene eher zu ökologischen und sozialistischen politischen Anschauungen neigen. Der Grund: Komplexe Ideen bedürfen eines höheren IQs und Selbstbewusstseins.“

Da lacht das Herz des fortschrittlichen Großstädters.

Und wisst ihr auch warum? Weil ihr euch sicher sein könnt, dass ihr anders seid. Besser gebildet. Besser verdienend. Kurz: besser.

Und spätestens an dieser Stelle wird die Sache hässlich.

Auch Nazis haben Menschenrechte

Natürlich muss man Nazis für ihre menschenverachtenden Positionen in die Pflicht nehmen. Wo man sie mit Kritik und der Kraft der Aufklärung entlarven kann, muss man das tun.

Aber auch Nazis sind Menschen. Sie haben Rechte wie alle anderen auch. Und dazu gehört unter anderem der grundgesetzlich verbürgte Anspruch auf die Unverletzlichkeit der Menschenwürde. Es ist falsch, Nazis zu diskriminieren. Schon wegen der falschen Selbstgewissheit, die daraus entsteht.

Wir verachten die Armen

Auf den Punkt gebracht hat das vor einigen Monaten eine wirklich hörenswerte Radioreportage des Bayerischen Rundfunks mit dem Titel „Prolls, Assis und Schmarotzer – warum wir die Armen verachten“ von Sebastian Dörfler und Julia Fritzsche.

Darin beschreiben die Autoren, wie sich über Jahre hinweg das Bild des unterbelichteten rechten Schlägers in der öffentlichen Debatte verfestigte. „Die Verachtung der Armen findet sich eben auch in Teilen der Linken“, so Dörfler und Fritzsche. Da ist dann nicht von den ‚faulen Arbeitslosen’ die Rede, sondern von den ‚Nazi-Prolls’.“

Das historisch wohl anschaulichste Beispiel dafür ist jenes Bild, das während der Nazi-Krawalle in Rostock-Lichtenhagen aufgenommen wurde. Wie es in der Reportage zutreffend heißt, hängt dieses Bild „leider“ noch in sehr vielen deutschen Wohngemeinschaften als Poster.

Zu sehen ist ein Mann, der sich in einem einzigen Augenblick seiner politischen und seiner persönlichen Würde entäußert. Die vollgepisste Turnhose und das versiffte Deutschland-Trikot sind Chiffren für alles, was linke Bildungsbürger nie darstellen wollen. Der Hitlergruß schließlich löst die Hemmungen bei vielen Betrachtern: Diesen Mann kann man ganz offensiv verachten – es wird sogar gesellschaftlich belohnt.

„Auf eine Verurteilung des Pegida-Pöbels oder von rechten Aufmärschen vor ostdeutschen Asylbewerberheimen können sich viele Menschen einigen“, heißt es in der Reportage des Bayerischen Rundfunks. „Doch wer im ostdeutschen Proll den Standardrassisten sieht, der sieht über den Rassismus der Parteien und Anzugträger viel zu häufig hinweg.“

Und noch eine Gefahr lauert im Bild des Nazi-Prolls: Wenn wir nur fest genug daran glauben, dass wir den Rechten nicht nur moralisch überlegen sind, nehmen wir sie am Ende womöglich nicht mehr ernst.

Zwei Zahlen: In Deutschland hat es im vergangenen Jahr mehr als 1.000 Übergriffe auf Asylbewerberheime gegeben. Und in Sachsen-Anhalt kommt die AfD derzeit in Umfragen auf 17 Prozent.

Wie dumm muss man eigentlich sein, um in diesen Zeiten immer noch mit einem Gefühl der Überlegenheit über die rechte Gefahr zu lachen?

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