POLITIK
11/02/2016 17:54 CET | Aktualisiert 11/02/2016 17:57 CET

So sähe Deutschland aus, wenn das Bargeld abgeschafft wäre

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Zahlen ohne Bargeld? In Skandinavien wird schon länger über die komplette Digitalisierung des Zahlungsverkehrs diskutiert. Und spätestens seit vergangener Woche hat die Debatte auch Deutschland erreicht. Das Bundesfinanzministerium möchte Bargeldgeschäfte über 5.000 Euro verbieten, um damit Schwarzgeldgeschäften entgegen zu wirken. Kritiker sehen darin den Einstieg in den Ausstieg vom Bargeld.

Doch wie sähe unser Land aus, wenn es kein Bargeld mehr gäbe? Hätte dieser Schritt wirklich nur Vorteile für alle Seiten?

Die Huffington Post zeigt in einem fiktiven Szenario, wie der Ausstieg aus dem Bargeld laufen könnte - und welche Risiken damit verbunden wären.

1. Januar 2020

Deutschland schafft das Bargeld ab. Vom 1. Januar 2020 an werden alle Münzen und Banknoten – genau 18 Jahre nach ihrer Einführung – wieder aus dem Verkehr gezogen.

Finanzminister Wolfgang Schäuble beschwichtigt: „Das ist ja keine vollkommen neue Erfahrung. Der Euro war ja schon von 1999 bis 2001 nur als so genannte ‚Buchwährung’ existent. Die Umstellung wird weitaus problemloser verlaufen, als sich das viele vorstellen.“

Tatsächlich erhoffen sich viele Wirtschaftsunternehmen davon Profite. Bargeldloser Geldverkehr sei schneller und weniger personalintensiv. Aber auch in der Korruptionsbekämpfung und in der Bekämpfung der organisierten Kriminalität soll bargeldloser Zahlungsverkehr von Vorteil sein.

3. März 2020

Eine erste Supermarktkette gibt bekannt, die Hälfte der Kassen auf Selbstbezahlung umzustellen. Nach der Abschaffung des Bargeldes gebe es keinen rationalen Grund mehr, warum Geldgeschäfte von einem Menschen beaufsichtigt werden müssen.

Das Modell hat Erfolg. Für die Unternehmen zumindest. Binnen zwei Jahren verlieren bundesweit zehntausende Kassierer und Kassiererinnen ihren Job. Die Digitalisierung des Geldverkehrs hat ihre Arbeitsplätze vernichtet.

7. September 2020

In Wesel werden die ehemaligen RAF-Terroristen Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg festgenommen. Das Trio hatte versucht, eine Sparkassenfiliale zu überfallen - wohl vor allem deshalb, um die eigene Altersversorgung im Untergrund zu sichern.

Nach Angaben des Schalterpersonals war es der 66-jährige Staub, der als erster völlig entgeistert feststellte, dass in deutschen Banken kein Bargeld mehr gelagert wird. Bei dem Versuch, die Schließfächer aufzubrechen, wurden Staub, Klette und Garweg schließlich gefasst.

12. Januar 2021

Verschiedene Datenschützer warnen, dass die nun gesammelten Datenmengen schon jetzt weit mehr Rückschlüsse auf das Persönlichkeitsprofil der Bürger zuließen als alles, was früher an Datenspuren hinterlassen wurde.

Der wichtigste Grund dafür: Mit dem Wegfall des Bargelds sei der letzte Rest von Privatsphäre im Wirtschaftsleben verschwunden. Jeder Kunde sei vollständig „gläsern“ geworden.

23. Februar 2022

Das Bundeskriminalamt meldet einen drastischen Rückgang bei den Fällen von Korruption im öffentlichen Dienst. Seitdem es nicht mehr möglich ist, die Gewogenheit von Beamten diskret mit Bargeld zu erkaufen, suchen Kriminelle nach neuen Mitteln der Vorteilsgewährung.

Die Buchung von Reisen auf den Namen des betreffenden Beamten erwies sich dabei als Flop. Denn im Rahmen von laufenden Ermittlungsverfahren können solche Bestechungsversuche anhand eines Abgleichs Kontobewegungen mit den Urlaubsdaten zurückverfolgt werden.

Im Trend sind dagegen exzessive Vergnügungstouren in großen Städten nach dem Vorbild einer großen Versicherungsgruppe. Diese „Ergo-Geschäfte“ sind jedoch aus sexualmoralischen Gründen nicht jedermanns Sache.

19. Juli 2022

Krankenkassen bieten großzügige Rabatte für Kunden an, die ihnen Einblick auf ihre Kontodaten gewähren. Zehntausende „Gesundheitsbewusste“ machen mit, um ihrer Krankenkasse auf diesem Wege „zu beweisen“, dass sie nicht rauchen, nicht trinken und sich vornehmlich von Bio-Kost ernähren.

Wer dagegen übermäßig Genussmittel konsumiert, muss den Standard-Beitrag zahlen. Und der steigt pro Jahr um etwa zehn Prozent.

Auch die Banken selbst wittern das große Geschäft mit den Daten. Sie wären jetzt in der Lage, ganze „Existenz-Datensätze“ zu verkaufen. In Berlin und Brüssel wird von einer regen Tätigkeit von Finanzlobbyisten berichtet, die beim Wegfall der bisherigen Datenschutzrichtlinien die Schaffung von mehreren Hunderttausend Jobs in Aussicht stellen.

Mit Erfolg.

1. Januar 2024

Das neue deutsche Datenschutzrecht tritt in Kraft. Banken können nun mit Geldgeschenken dafür werben, dass Kunden sich bereit erklären, ihre Datensätze zur Vermarktung freizugeben.

Die Geldinstitute versprechen ihren Kunden „personalisierte Werbung“ und „Konsumkomfort“. Was jedoch eines Tages einmal mit den einmal erfassten Daten passieren könnte, das kann zu diesem Zeitpunkt kaum jemand abschätzen. Denn von nun an sind die Daten in der Welt. Und niemand kann sie mehr zurückholen.

Schnell werden Fälle bekannt, in denen Banken eine Gesetzeslücke ausnutzen und bereits bestehende Datensätze aus der Zeit bis 2024 auch ohne die Zustimmung der Kunden verkaufen.

18. Oktober 2025

Bei der Bundestagswahl zeichnet sich ein Erdrutschsieg für die rechtspopulistische Partei „Vereintes Vaterland“ (VV) ab. Sie erringt 38 Prozent der Wählerstimmen und kann zusammen mit der CSU eine Koalition bilden.

Sofort beginnt das „VV“ nach polnischem und ungarischem Vorbild, die Verwaltung von Beamten zu säubern, die nicht in das politische Konzept der neuen Regierung passen. Manche gehen freiwillig. Andere muss man zur Kündigung zwingen.

Dabei benutzt das „VV“ die bei den Banken aufgelaufenen Zahlungsdaten. Jeder Bordellbesuch, jeder Einkauf in Sexshops und jedes auch nur ansatzweise dem Drogenkauf verdächtige Geldgeschäft wird dabei vom „VV“ gegen ihre Widersacher eingesetzt. Nur in Bayern werden erstaunlich wenig Beamte ausgetauscht.

19. Dezember 2025

Wie aus Regierungskreisen bekannt wurde, denkt die Regierungskoalition über die Einführung von „Asylhelfer-Listen“ nach. Demzufolge müssten Menschen, die der Flüchtlingshilfe verdächtige Einkäufe erledigten, künftig mit stärkerer Überwachung durch die Sicherheitsorgane rechnen. Bundeskanzler Kevin Heer warnt schon länger vor „linksradikalen Umtrieben im Milieu der Asylantenfreunde“.

Mittlerweile gelten Länder wie die Türkei und Georgien als beliebte Auswandererziele. Dort gibt es den Bargeldverkehr noch und damit auch die Freiheit, die viele Deutsche nun vermissen, wo sie nicht mehr existiert.

3. März 2026

Der „Stern“ veröffentlicht eine Reportage über eine neue Untergrundbewegung: Zehntausende Deutsche haben sich zu modernen Tauschringen zusammengeschlossen, in denen wieder mit einer Privatwährung in bar gezahlt werden kann. Schnell gewinnt diese „Alternativwirtschaft“ an Popularität.

In den Szenebezirken von Berlin und Hamburg gilt es bald als schick, in bar zu zahlen. Geldscheine und Münzen haben plötzlich etwas Konspiratives. Sie stehen für Weltgewandtheit, bewusstes Leben und Freiheitsliebe.

Wer hätte das im Jahr 2016 gedacht, als sich die junge digitale Avantgarde auf Twitter darüber beschwerte, wenn man den Caffè Latte am Bahnhof nicht mit der Kreditkarte zahlen konnte?

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