POLITIK
10/02/2016 16:58 CET | Aktualisiert 10/02/2016 17:34 CET

Kaputtgespartes Bahnnetz - Experte warnt vor weiteren Zugunglücken

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Es war eines der schwersten Bahnunglücke der vergangenen Jahre. Mindestens zehn Menschen starben, als gestern nicht weit von Bad Aibling entfernt, zwei Züge frontal zusammenprallten. Der Nachrichtenagentur dpa zufolge soll ein fataler Fehler eines Stellwerk-Mitarbeiters die Ursache für den Horror-Crash gewesen sein.

War der Mitarbeiter schlicht überlastet? „Im Netzbereich sind seit der Privatisierung zu viele Mitarbeiter abgebaut worden“, sagt Karl-Peter Naumann, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn, im Gespräch mit der Huffington Post. Zudem seien viele Stellwerke geschlossen worden.

Für ihn ist klar: „Unabhängig vom Fall in Bad Aibling führt Personalmangel natürlich zu Fehlern und Nachlässigkeiten.“

Der Staat müsse deshalb dringend mehr Mittel für das Gleisnetz und die Sicherheit bereitstellen, sonst könnten weitere Zugunglücke die Folge sein. „Wenn dies nicht geschieht, darf sich niemand darüber wundern, dass auch in Zukunft Dinge passieren, die so nicht passieren dürfen“, warnt der Fahrgastvertreter.

Laut einer Studie investierte Deutschland 2013 so wenig Geld in den Schienenverkehr wie fast kein anderes europäisches Land. 51 Euro pro Einwohner habe sich die Bundesrepublik ihr Eisenbahnnetz damals jährlich kosten lassen. Zum Vergleich: In der Schweiz war die Summe sieben Mal höher.

Selbst das klamme Italien investierte damals je Einwohner 79 Euro pro Jahr. Seither hat die Bundesregierung die Mittel lediglich minimal aufgestockt.

Nicht nur das Netz wurde so kaputt gespart. „Die Arbeitsbelastung hat durch den Sparkurs in den vergangenen beiden Jahrzehnten zugenommen. Das kann natürlich auch Folgen für die Sicherheit haben“, sagt auch ein lokaler Bahn-Gewerkschafter, der sich namentlich nicht zitieren lassen will.

Eine Sprecherin der Gewerkschaft der Lokführer (GdL) sagt auf Anfrage: Investitionen in das Schienennetz in Deutschland sind in den letzten Jahren nicht so erfolgt, wie es hätte sein müssen.“ Es seien Gleise abgebaut, Weichen entfernt und ganze Ausweich-Bahnhöfe wegrationalisiert worden. Dennoch sei „die Bahn das sicherste Verkehrsmittel“, so die GDL-Funktionärin.

Tatsächlich ist das Risiko, bei einer Zugfahrt zu verunglücken weit geringer als etwa bei einer Bus- oder Autofahrt. Doch unabhängig von Unfällen hat der Sparkurs für Bahnkunden oft fatale Folgen.

Pro Bahn warnt, dass auch der normale Ablauf des Zugverkehrs durch einen Personal- oder Gleismangel mitunter gefährdet sei. Tatsächlich fielen etwa in Mainz 2013 wegen Personalproblemen im dortigen Stellwerk über längere Zeit hinweg zahlreiche Züge aus, auch der Regionalverkehr lief nur eingeschränkt.

Die Deutsche Bahn (DB) will sich auf Anfrage nicht zu den Ursachen des Unglücks von Bad Aibling äußern. Erst müssten die Untersuchungen der Behörden abgewartet werden, sagt eine DB-Sprecherin. Der ehemalige Staatskonzern weist den Vorwurf, man habe zu viele Stellen abgebaut, auf Anfrage zurück. Im vergangenen Jahr habe die DB Netz AG sogar Stellen geschaffen.

Auch im Vergleich zu Ende der Nuller-Jahre ist die Job-Zahl in der Netzsparte stabil geblieben. Unstrittig ist jedoch, dass nach der Privatisierung des deutschen Bahnverkehrs in den 90er Jahren dort eine große Zahl an Stellen verloren ging. Auch wurde eine immense Zahl an Gleis-Kilometern stillgelegt.

Und das hat massive Folgen – selbst für Kunden privater Bahnanbieter. Denn in Deutschland müssen die mit der DB konkurrierenden Verkehrsunternehmen, die Strecken von der DB Netz AG mieten. So soll eine Benachteiligung der Konkurrenten vermieden werden.

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