POLITIK
08/02/2016 02:41 CET | Aktualisiert 21/05/2016 14:29 CEST

Lafontaine rechnet mit der Kanzlerin ab: "Merkel hat zu oft allein entschieden - das rächt sich"

Der "Stern"-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges bei "Anne Will"
dpa
Der "Stern"-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges bei "Anne Will"

Endlich mal eine Flüchtlings-Talkshow ohne AfD - das dachte man zu Beginn von Anne Wills Talk unter dem Titel "Merkel im Umfragetief - Kriegt sie noch die Kurve?". 81 Prozent der Deutschen meinen, dass die Bundesregierung die Flüchtlingslage nicht im Griff habe. Wird Merkels Plan aufgehen? Oder wird sie ihren Kurs ändern müssen?

Nach ein paar Minuten begann man, die Rechtspopulisten schon zu vermissen. Der Talk plätscherte dahin, denn alle Gäste schienen in einem übereinzustimmen: die Kanzlerin, die ihre Flüchtlingspolitik als alternativlos bezeichnet, ist es inzwischen selbst.

Das waren die Aussagen der Gäste im Überblick:

Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Stern-Chefredaktion: "Merkel wird nicht zurücktreten"

Die Frage im Titel der Sendung beantwortet der Stern-Redakteur innerhalb der ersten Minuten: "Merkel wird weder gestürzt noch wird sie freiwillig zurücktreten." Es gebe schlicht keine Alternative zu Merkel und ihrer Politik, sagt er. "Ich bin von der Richtigkeit ihrer Politik 100 Prozent überzeugt, aber sie hat die Menschen nicht mitgenommen!" Allerdings sei an Merkels Vorgehen zu bemängeln, dass die Regierung ihre Arbeit dem Bürger schlecht vermittelt habe. Der Bundestag habe zum Beispiel nicht über Merkels Politik abgestimmt. Hier widerspricht die Verteidigungsministerin und verweist auf die vielen Streit-Debatten im Parlament.

Ursula von der Leyen, Bundesverteidigungsministerin: "Merkel hält in Europa den Laden zusammen"

Die Verteidigungsministerin verteidigt die Kanzlerin zäh und ausdauernd. "Merkel hält in Europa den Laden zusammen", findet sie. "Frau Merkel hat alles richtig gemacht“, sagt sie. Der Weg der Kanzlerin sei "anstrengend, aber richtig“. Wenn die Deutschen in Umfragen mosern, würde dies nur zeigen, "dass es vielen nicht schnell genug geht mit Lösungen". Den ewigen Streit in der Koalition und mit der CSU wischte sie mit der Bemerkung "wir leben doch in einer Demokratie" weg.

Als die Moderatorin von der Leyen entlocken will, ob es beim Scheitern von Merkels Plänen doch zu einer Grenzschließung kommen könnte, windet sich von der Leyen minutenlang. Schließlich stellt sie fest, dass Will ihr den Satz "Dann schließt Deutschland die Grenzen" entlocken will. Versöhnlich erklärt sie "Ich verstehe, dass Sie gerne diese Nachricht hätten". Aber keine Antwort ist auch eine Antwort.

Oskar Lafontaine, Die Linke: "Merkel hat zu oft allein entschieden"

Wenigstens etwas Kritik an Merkel kam von dem saarländischen Linken. ´"Es ist Frau Merkel leider nicht gelungen, in Europa eine Zusammenarbeit zu organisieren", krittelte Lafontaine. Die europäischen Partner würden sich von Merkels Politik geradezu überrumpelt fühlen. "Frau Merkel hat zu oft allein entschieden, und das rächt sich jetzt!"

Wie Jörges ist er der Ansicht, die Kanzlerin habe es versäumt, die Bevölkerung offen und aufnahmebereit zu machen - als könne eine Regierungschefin durch Fernsehansprachen ihre Bevölkerung erziehen.

Peter Schneider, Schriftsteller: "'Wir schaffen das' war eine Geste, auf die die Deutschen stolz sein können"

Für jene, die beim Namen Schneider ratlos die Augenbraue hochziehen: Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und Besitzer zahlreicher Literaturpreise - was ihn nach Ansicht von Wills Redaktion offenbar zum Experten für Flüchtlingsfragen macht. Merkels "Wir schaffen das" sei eine großartige Geste gewesen, "auf die wir Deutschen stolz sein können", sagt er.

Schneider lobt Merkels humanitären Akt der Grenzöffnung. Kritisiert gleichzeitig aber, dass sie er versäumt habe, klar zu machen, dass es Grenzen gibt. In diesen Momenten vermisst man etwas das Phrasenschwein vom Sport-1-"Doppelpass". Er bietet allerdings schon einmal an bei Bedarf Merkels Rücktrittsrede zu schreiben – er habe mit so etwas Erfahrung.

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