POLITIK
04/02/2016 16:03 CET

Putins falsches Spiel: Wie Russland den Westen hinters Licht geführt hat

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Ernsthaft: Haben die Länder des Westens jemals geglaubt, dass man mit Russlands autokratischem Herrscher Wladimir Putin über den Krieg in Syrien verhandeln könnte?

Haben sie tatsächlich gehofft, dass Putin sie als gleichwertige Gesprächspartner akzeptieren würde, nachdem er in bester Western-Manier seine Truppen in das Bürgerkriegsland geschickt hatte?

Und warum hätte man Putin noch vertrauen sollen, nachdem er die Welt schon zweimal belogen hatte: Nämlich mit den Behauptungen, dass es ihm vornehmlich um die Bekämpfung des Islamischen Staates ginge und dass er die Zahl der zivilen Opfer so gering wie möglich halten wolle?

Der Westen war naiv

Die Antwort auf diese Fragen ist bitter: Ja, der Westen hat darauf vertraut, dass Putin im Grunde ein Vernunftmensch ist. Und dass auch ihm am Ende viel daran gelegen sein könnte, das Morden im Nahen Osten zu beenden – wenn man ihn nur treffend locken würde. Das war nicht nur eine Fehlannahme, sondern auch hoffnungslos naiv.

Das wird nun klar, nachdem die Friedensgespräche zum Syrien-Krieg offiziell ausgesetzt wurden. Der Sprecher des amerikanischen Außenministers John Kerry warf Russland vor, nicht gegen den Islamischen Staat zu kämpfen, sondern "fast ausschließlich" gegen die syrische Opposition. Was für eine Überraschung. Man will sich gar nicht vorstellen, dass das US-Außenministerium es mit diesem Satz wirklich ernst meinte.

Wie schon vor dem Minsk II-Abkommen versuchte die russische Armee offenbar, noch einmal kurz vor dem Beginn von diplomatischen Gesprächen militärische Fakten zu schaffen. Damals war es die Eroberung der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe. Heute ist es die bevorstehende Einkesselung von Aleppo.

Russland tötet in Syrien mehr Zivilisten als das Assad-Regime

In beiden Fällen zeigt sich, dass es Russland eigentlich gar nicht um Frieden oder Gespräche geht. Sondern allenfalls darum, die militärisch eroberte Machtstellung am Grünen Tisch zu verteidigen.

Und wieder einmal ist es Putin gelungen, den Westen am Nasenring durch die Manege zu führen. So wie bei der Invasion der Krim. Wie bei der Eskalation des Konflikts in der Ostukraine. Und wie bei der plötzlichen Intervention Russlands in Syrien.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Statistik haben russische Soldaten im Januar mehr Zivilisten umgebracht (679) als die Schergen des Assad-Regimes (516). Und siebenmal so viele wie die Terroristen des Islamischen Staates (98).

Einsatz von Aerosolbomben

Entgegen aller Ankündigungen tut die russische Armee derzeit alles dafür, um die Macht von Diktator Bashar Al-Assad abzusichern. Dazu gehört auch, dass russische Kampfjets jene Geländegewinne ermöglicht haben, die nun zu einer Einkesselung von West-Aleppo führen könnten.

Die Jets werfen Streubomben ab. Dafür gibt es mittlerweile eine Fülle von Belegen.

Ebenso belegt ist der Einsatz von Raketenwerfern des Typs "Buratino". Das an eine Stalinorgel erinnernde Kettenfahrzeug schießt Aerosol-Gefechtsköpfe ab. Damit lassen sich nicht nur Gegenstände entzünden, sondern auch die Atemluft. Opfer von Buratino-Angriffen verbrennen meist qualvoll von innen, weil sie die Flammen buchstäblich einatmen.

Stets machen die Länder des Westens dabei den gleichen Fehler: Sie glauben, dass Putin im Grunde genauso denkt wie sie. Russland-Kenner wie die Journalist Boris Reitschuster warnen immer wieder davor, das eigene westliche Weltbild auf die Sicht des russischen Präsidenten zu übertragen. Doch so wirklich scheint das immer noch nicht im Westen angekommen zu sein.

Unfassbar, wie die so genannte Friedensbewegung in Deutschland etwa noch im Winter 2014/15 für Putin Partei ergriff und vor einem Angriffskrieg der Nato gegen Russland warnte. Die reichlich idealistische Annahme dahinter: Eigentlich wolle Putin doch auch nur den Frieden. Zu dieser Zeit hatten seine Soldaten schon Tausende Menschen in der Ostukraine getötet.

Dumm und weltfremd

Und genauso falsch ist es zu glauben, dass man nach bereits erfolgter Intervention in Syrien mit Putin gleichberechtigt über den Frieden in diesem Land reden könnte.

Wenn wir ehrlich zu uns selbst wären, gäbe es zwei Möglichkeiten: Erstens, zu akzeptieren, dass Putin mit seiner Intervention sämtlichen Friedensbemühungen des Westens zunichte gemacht hat und seine Bedingungen zu akzeptieren. Zweitens, Mittel zu ergreifen, um den Vormarsch von Assads Truppen zu stoppen. Dazu könnten etwa auch Waffenlieferungen an die Opposition gehören.

Aber darüber zu jammern, dass Putin sein eigenes Spiel in Syrien treibt: Das ist nicht nur dumm, sondern auch ziemlich weltfremd.

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