POLITIK
04/02/2016 10:14 CET | Aktualisiert 04/02/2016 10:35 CET

Ehemaliger Wehrmachtssoldat warnt: Deutschland zeigt erschreckende Parallelen zur Nazizeit

Pegida-Demonstration
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Pegida-Demonstration

Die Flüchtlingskrise heizt die Stimmung in Deutschland gefährlich an. Beinahe täglich gibt es Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, jeden Montag tönen rassistische Parolen aus unseren Großstädten - und vor wenigen Tagen forderte AfD-Chefin Frauke Petry, dass künftig auf Geflüchtete an den Grenzen geschossen wird.

Der 91-jährige Lokalhistoriker und ehemalige Pfarrer Albert Sting aus dem schwäbischen Ludwigsburg beobachtet die Eskalation mit großer Sorge – und schlägt nun Alarm. Auf der Website des Arbeitskreises der Ludwigsburger Synagoge, die 1938 nach der Reichskristallnacht abbrannte, ruft er die Bürger seiner Gemeinde zu Vorsicht auf.

Denn: Sting, der sich auch als Lokalhistoriker einen Namen gemacht hat, sieht in Deutschland gerade klare Parallelen zu den Anfängen des Dritten Reichs.

Damals wie heute sei Angst vor der Zukunft die Ursache für den Hass gegen eine bestimmte Gruppe. Früher seien es die Juden gewesen, heute die Flüchtlinge. Und Hass zu schüren, sei schon immer viel leichter gewesen, als Hoffnungen zu vermitteln, fügt der Historiker im Interview mit der Lokalzeitung "Bietigheimer Zeitung" hinzu.

"Es beginnt immer mit Kleinigkeiten"

Die Stimmung gegen Geflüchtete heute erinnert den 91-Jährigen an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Als Schüler kam er täglich an den Trümmern der abgebrannten jüdischen Synagoge vorbei. "Damals sagten die Nazis 'die Juden sind unser Unglück'" – und heute würden Flüchtlinge als eine ähnliche Bedrohung gesehen, erklärt Sting.

Die Untätigkeit vieler Menschen gegen den Hass sieht er als große Gefahr. Denn als die jüdische Synagoge 1938 brannte, hätten viele einfach zugesehen. Menschen, die selbst nicht alle judenfeindlich waren, aber trotzdem untätig blieben. Eine verhältnismäßig kleine Gruppe, die bereit war Zukunftsangst in Hass und Gewalt umzuwandeln, konnte so die Macht an sich reißen, folgert er.

Sting rät den Deutschen deshalb zu Achtsamkeit: "Es beginnt immer mit Kleinigkeiten, so dass erst einmal kaum einer etwas bemerkt", warnt er. "Diese Kleinigkeiten tragen den Kern zu größeren Aktionen".

Je näher 'das Problem' ist, desto geringer die Angst

Auch wenn der 91-Jährige die aktuellen Ereignisse mit großer Sorge beobachtet, hofft er doch, dass die Menschen aus der Vergangenheit gelernt haben: "Ich bin überzeugt, am Ende stehen Hunderte von Menschen gegen die kleine Gruppe auf, die Angst hat und Häuser anzündet."

Auch die deutsche Nachkriegsgeschichte macht ihm Mut: Als Beispiel nennt er die Flüchtlinge aus dem Osten, die heute einfach nur noch Mitbürger seien. Auch damals wäre man den Flüchtlingen skeptisch gegenüber gestanden, doch die Angst wäre weggewesen, sobald man sich kennengelernt habe: "Wenn das Problem aus der Zukunft in die Gegenwart tritt, dann ist meist auch die Angst weg", sagt Sting. Dann könne man auch an Lösungen möglicher Konflikte arbeiten.

"Wir müssen das Denken, dass Fremde Unglück bringen, völlig verwerfen", meint der 91-Jährige. Seine Worte machen deutlich: Es wäre fatal, die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte zu unterschätzen - denn das könnte ein erster Schritt sein, dass sich Geschichte wiederholt.

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