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03/02/2016 09:38 CET | Aktualisiert 03/02/2016 13:45 CET

Kinder als Versuchskaninchen - Pharmakonzerne testeten offenbar ihre Medikamente jahrelang in deutschen Heimen

Majid Saeedi
Ein Heimkind dient als "Versuchskaninchen" (Symbolbild)

Es sind schwere Vorwürfe, die das ZDF nun gegen deutsche Pharmakonzerne erhebt. Nach Recherchen von "Frontal21" wurden in den 1950er und 1960er Jahren von Pharmafirmen wie Merk oder die Troponwerke Köln Medikamententest an westdeutschen Heimkindern durchgeführt.

An den Jungen und Mädchen einer Kinder- und Jugendpsychiatrie Nahe Hannover sowie einer Vielzahl von Anstalten im Raum Bremen und einem Landeskrankenhauses Düsseldorf seien Neuroleptika getestet worden.

Bleibende gesundheitlichen Schäden

Und das mit offenbar schrecklichen Folgen: Die Betroffen tragen laut "Frontal21" bleibende körperliche Schäden davon.

Herzkreislauferkrankungen und Diabetes bei einer Vielzahl der Heimkinder seien Folgen des jahrelangen Medikamentenmissbrauchs. Von "Frontal 21" zitierten Experten zufolge kann die erzwungene missbräuchliche Einnahme von Neuroleptika im Kindesalter zu einer Verkürzung der Lebenszeit um bis zu 20 Jahren führen.

Zusammenarbeit mit NS-Ärzten

Die auffälligen Parallelen zu den grausamen Medikamenten-Tests der Nationalsozialisten kommen leider nicht von ungefähr. Denn unter den behandelten Ärzten sollen ehemalige NS-Ärzte gewesen sein, unter anderem Hans Heinze und Friedrich Panse.

Beide Mediziner seien Leiter der Medikamenten-Tests an den Heimkindern gewesen und waren beide während der NS-Zeit Gutachter des Euthanasie-Programms T4, in dessen Rahmen mehr als 70.000 geistig und körperlich Behinderte Menschen systematisch getötet wurden.

Die Firma Merk teilte auf Anfrage der Huffington Post mit, zu den fraglichen Vorgängen würden "lediglich einzelne Schriftstücke vorliegen". Die Firma räumte ein, damals Medikamententests in Auftrag gegeben zu haben, die auch an Kinder in psychiatrischen Einrichtungen durchgeführt wurden. Die Gesetzeslage sei zu jener Zeit völlig andere Gesetzeslage hin.

Die Troponwerke Köln, inzwischen im Besitz der Firma Meda, lehnten gegenüber "Frontal 21" eine Stellungnahme dazu ab. Für die Huffington Post war die Firma zunächst nicht erreichbar. Ob das für die dringend nötige Aufklärung der Missbräuche förderlich ist, ist fragwürdig.

Das Grauen im Heim

In den 50er und 60er Jahren wurden Kinder fälschlicherweise als "schwachsinnig" eingestuft und in psychiatrische Anstalten eingewiesen. Dort, aber auch in "normalen Heimen", erwarteten sie physischer und sexueller Missbrauch. Die Kinder seien zusätzlich, um sie ruhig zu stellen, mit Psychopharmika vollgepumpt worden.

Im Abschlussbericht des Runden Tisches aus dem Jahr 2010 heißt es: „Der Medikamenteneinsatz in der Heimerziehung, das Zusammenwirken von Heimerziehung und Psychiatrie und die Beteiligung von Ärzten an solchen Versuchen sind für die 50er und 60er Jahre noch kaum erforscht und bedürfen der weiteren Aufarbeitung.“

Dies scheint nun auf tragische Weise bestätigt zu sein. Was nun folgen muss ist aktive Aufklärung und kein passives Warten auf neue Entdeckungen der Greueltaten.

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