LIFESTYLE
02/02/2016 06:17 CET | Aktualisiert 02/02/2016 07:32 CET

Was alle wissen sollten, die Karneval in Köln lächerlich finden

Eigentlich kann ich es auch nicht erklären. Zumindest nicht einfach so. Ich kann nur das tun, was man in Köln gemeinhin macht, wenn einer neu ist und erstmal nichts versteht: Einhaken und sanft in die Seite drücken. Zum Losschunkeln.

Wir schunkeln also. Rechts neben dir eine Unternehmensberaterin, links neben dir ein Frisör. Das weißt du aber nicht. Für dich sind sie einfach das Einhorn und der Gartenzwerg.

Es ist heiß und stickig, du kannst kaum bis zur Theke sehen, so viele Schornsteinfeger, Eisbären, Geißböcke auf einem Haufen hast du noch nie gesehen. Köpfe wippen, Hände klatschen. Über allem kreisen runde Behälter mit Kölsch-Gläsern.

Es riecht nach Schweiß, nach aufgeplatztem Staniol, das aus den Luftschlangen quillt. Es riecht nach billiger Kleidung aus China, nach Bier. Dir macht das alles nichts aus.

karneval

Du schunkelst weiter, du kannst gar nicht anders. Die Boxen über dir dröhnen. Und dann fällt dir plötzlich auf, dass alle die ganze Zeit mitsingen. Alle. Du versuchst, den Text zu verstehen und dann grölt dir der Geißbock auf einmal ins Ohr: “Jo, jo, jo, mer sin immer noch do…” und weiter “weil ma su schnell nit kapott jeht / und weil die Sonn immer widder op jeht.”

Die Biene hinter dir (das bin ich) verdrückt ein paar Tränchen. Waldo, D’Artagnan und zwei Ringelshirts nehmen sie in den Arm.

Karneval: Schunkeln, nicht aufhören

Du schunkelst immer noch und merkst auf einmal: Du gehörst dazu. Du findest es zwar immer noch bizarr, aber das Einhorn sieht so nett aus. Flirtet es etwa mit dir? Und das Bier schmeckt. Es schmeckt richtig gut. Aus diesen praktischen, kleinen Gläsern. Und außerdem grölst auch du schon. Aus vollem Herzen: “Jo jo joooooo….”.

Und jetzt verstehst du vielleicht, was ich so schlecht erklären kann. Denn du erlebst gerade das, was der Philosoph Alain Baidou beschreibt, wenn er vom “Theater der Liebe” spricht. Auch wenn er dabei, sicherlich, nicht den Kölner Karneval im Sinn hatte.

Karneval: Ein Theater der Liebe?

Karneval: Hier treffen ganz unterschiedliche Menschen aufeinander und setzen gemeinsam etwas in Gang, ein Ereignis, einen Urknall. Vielleicht sogar: Eine Art, die Welt zu sehen. Nicht mehr nur du allein, sondern ganz viele mit dir. Denn wir stehen alle gemeinsam auf dieser Bühne, sehen die Welt auf einmal durch bunte Brillen, durch Bier, durch Bützjer. Ein Blick, der sich lohnt. Denn er entlastet uns. Wenn auch nur für kurze Zeit.

Auf dieser Bühne singen wir aber auch gemeinsam. Lieder, die sagen “Lasst uns offen sein”, “lasst uns feiern, auch wenn es gerade schwer ist”. Vergiss deine Sorgen, wenigstens jetzt gerade und nimm endlich deinen Nachbarn in den Arm.

Und das meine ich: So gesehen ist Karneval nicht lächerlich. Sondern etwas ganz Ernstes. Und er hat mehr mit der Liebe - zu sich, zu den Nachbarn - zu tun, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Würde Baidou vielleicht auch so sehen.

“Herzlich Willkommen in der Stadt met K”

Basti Campmann und Flo Peil von der Kölner Band “Kasalla” können dieses Phänomen vielleicht nochmal anders erklären. Denn sie sind es, die auf dieser Bühne heftig mitmischen. Mit Liedern wie “Alle Jläser huh” und “Dausend Levve” geben sie dem Karneval eine Stimme, ein Gefühl, einen Rhythmus.

honigkuchenpferd und kasalla

Diese und unzählige andere Lieder sind es, die besingen, was den Karneval und das jecke “Jeföhl” (nicht zu verwechseln mit dem einfachen “Gefühl”) ausmachen. Es sind Lieder, es sind Geschichten, die alle Menschen ansprechen. Es sind kleine Geschichten. Vom Büdchenbesitzer an der Ecke, der alten Frau auf dem Fensterbrett, den Kindern auf dem Spielplatz. Geschichten, die man sonst vielleicht nicht sieht. Geschichten, in denen sich aber jeder wiederfinden kann. Mit ein bisschen Liebe.

Karneval. Karneval ist nicht lächerlich. Karneval ist nicht dumpf.

Zumindest nicht nur. Denn Karneval kann mehr.

Denn Karneval, wie Basti meint, ist der ultimative Gleichmacher. Wer im Karneval durch Köln zieht, merkt nämlich schnell: “Irgendwie sehen alle gleich bescheuert aus”, wie Flo so schön sagt.

An der Theke steht ein Schornsteinferger neben einer Krankenschwester, Superman schwoft mit einer Biene. Alle sind blöd verkleidet, man kommt mit allen ins Gespräch. Unterschiede spielen eigentlich keine Rolle. Im Gegenteil, denn es werden Gemeinsamkeiten gefeiert: “Mir sin Kölsche, us Kölle am Rhing.” Jeder, wirklich jeder, ist damit gemeint. Das weißt du mittlerweile auch, denn du schunkelst immer noch.

Ganz ähnlich sieht das auch Myriam Chebabi, eine Karnevalsgröße der “Immi-Sitzung” in Köln. Die Kölsch-Brasilianerin ruft laut “Aber Hallo!” als ich sie frage, ob die Deutschen mehr Karneval feiern sollten, “Am Besten 365 Tage im Jahr”, lacht sie.

Warum, was macht der Karneval genau? “Die Stadt entspannt sich”, meint Myriam. “Die Deutschen sind so politisch korrekt. Das ist zwar toll, aber es wird manchmal einfach zu anstrengend. Man muss auch mal unkorrekt sein. Denn was gibt es Tolleres, als alles in Frage stellen zu dürfen?”

Und was würde sie den Deutschen gerne mitgeben, so aus kölscher Perspektive? Myriam überlegt kurz und sagt dann entschlossen: “Et hätt noch immer jot jejange.” Es ist noch immer gut gegangen. Ja, das bräuchten wir wohl mehr. Alle zusammen.

Vill Spaß, leev Jecke!

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