POLITIK
02/02/2016 03:20 CET | Aktualisiert 21/05/2016 14:30 CEST

"Hart aber fair": So urteilt ein Kriminalist über die Lage in Deutschland

Nach den Übergriffen von Köln wächst die Angst. Sind solche Ereignisse bald an der Tagesordnung? Kann der deutsche Staat uns noch beschützen? Werden wir uns künftig daran gewöhnen müssen, in einer Warteschleife zu hängen, wenn wir "110" wählen?

Oder ist das nur Hysterie, geschürt von rechten Scharfmachern? Das waren die Themen von Frank Plasbergs Sendung "Bürger in Angst, Polizei unter Druck – ist unser Staat zu schwach?".

Der Talk hat eines erschreckend deutlich gemacht: Die Fronten sind in Deutschland verhärtet wie nie. Selbst angesehene Politiker schüren Angst vor Flüchtlingen und Zuwanderern. Es herrscht Untergangsstimmung. Hier sind die Standpunkte der Gäste im Überblick:

Wolfgang Bosbach, CDU-Innenexperte: "Wir müssen wissen, wer in unser Land kommt"

Der CDU-Politiker sagte, auch ihm hätten die Vorfälle als "Papa" zu denken zu geben. Zwei seiner drei Töchter würden einen Selbstverteidigungskurs besuchen. Die Mädchen wollten jetzt nicht mehr nach Köln zum Karneval fahren.

Bosbach sah als eines der Hauptprobleme der Flüchtlingskrise, dass Migranten ohne Ausweisdokumente in das Land gelassen werden: "Wir als Bundesrepublik Deutschland müssen wissen, wer in unser Land kommt."

Er erinnerte in diesem Zusammenhang an den Stand der Ermittlungen zu den sexuellen Übergriffen in Köln: über 1000 Straftaten, davon 40 Prozent Sexual-, 60 Prozent Eigentumsdelikte. Der größte Teil bleibt unaufgeklärt - obwohl inzwischen eine mit 135 Leuten besetzte Sonderkommission ermittelt. Hauptproblem: Die Verdächtigen haben keine Ausweisdokumente.

Rüdiger Thust, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Köln: "'Ali Baba und die vierzig Räuber' ist keine Täterbeschreibung"

Thust stelle eine Verunsicherung fest. Das zeige sich daran, dass junge Frauen nachts nicht mehr allein aus dem Haus gingen und dadurch, dass "Portemonnaies nicht mehr in die Gesäßtasche gesteckt werden, sondern nach vorne."

Das führte dann dazu, dass die Bürger der Polizei nicht mehr vertrauen. "Wenn der Bürger nicht mehr von der Polizei bedient werden kann, dann können wir den Laden dichtmachen!" Dann würden sich diese selbst bewaffnen. Er forderte, dass man die Probleme mit Migranten beim Namen nennen darf, ohne dafür in eine "falsche Ecke" gedrängt zu werden.

Viele "Polizeikeller sind jeden Morgen mit acht bis neun Straftätern" mit Migrationshintergrund voll - alle mit einem "absoluten Gewaltpotential und unter Drogeneinfluss". Auch er sieht wie Bosbach das Problem darin, dass die Täter nicht eindeutig identifiziert und damit nicht verfolgt werden können. Als Täterbeschreibung könne schlecht "Ali Baba und die vierzig Räuber" im Verhaftungsprotokoll stehen, so der Kriminalist.

Emitis Pohl, Geschäftsführerin einer Werbeagentur in Köln: "Ich habe mir Pfefferspray besorgt"

Die Mutter zweier Mädchen wurde als "Kölnerin von der Straße" eingeladen. Sie versuchte, ihre Angst in Worte zu fassen. Die Frau, die selbst Migrantin ist, sagte, dass Angst inzwischen zu ihrem Begleiter geworden sei: "Ich habe Angst um meine Töchter, ich habe mir Pfefferspray besorgt, ich halte meine Tasche fest." Sie fordert, dass die Täter von Köln verfolgt werden müssten.

Samy Charchira, Sachverständiger bei der deutschen Islamkonferenz: "Den Tätern eine Perspektive geben"

Der Sozialpädagoge sagte, dass zurzeit eine Pauschalisierung stattfinde: Die Taten einzelner würden einer ganzen Gruppe zugeschrieben. Er wehrt sich gegen diesen Generalverdacht, der sich plötzlich auch gegen Leute wendet, die seit über 60 Jahren in Deutschland leben.

Seit den Vorfällen in Köln jagten Bürgerwehren und Rockerbanden als Ausländer erkennbare Menschen.

Er argumentierte, dass man den Tätern auch eine Perspektive bieten müsse. Sie kämen immer wieder zurück, da sie von der Kleinkriminalität leben.

Ingo Lindemann, Fachanwalt für Strafrecht: "Das "staatliche Gewaltmonopol ist unantastbar"

Der Anwalt, der zwei der Täter von Köln vertritt, sagte, das "echte Problem" sei nicht deren Kultur, sondern die "Unmöglichkeit, die Täter zu identifizieren". Die würden sie verschleiern, um eine Abschiebung zu verhindern: "Weil sie wissen, dass ihre Asylanträge nicht anerkannt werden. Sobald sie ihre Identität preisgeben, sind sie weg! Das wissen die!"

Sie stehlen, begehen Einbrüche, werden verhaftet, und wieder entlassen - doch sie besitzen keine gültigen Papiere, "und deswegen können sie nicht abgeschoben werden!", so Lindemann.

Diebstähle und Wohnungseinbrüche habe es immer schon gegeben, sei es nun durch osteuropäische Einbrecherbanden oder andere Kriminelle. "Dass wir damit leben müssen, bedeutet nicht, dass wir uns auch damit abfinden müssen", warf Bosbach daraufhin verärgert ein.

Eindringlich warnte Lindemann die Bürger davor, auf eigene Faust für Recht und Ordnung sorgen wollen: "Angst ist kein guter Ratgeber". Er sagte, das "staatliche Gewaltmonopol ist unantastbar" und dürfe nicht in die Hände von Privatpersonen gelegt werden.

Der Anwalt die treffendsten Worte das Abends: "Zwischen Wachrütteln und Hysterie liegt nur ein schmaler Grad - und wir sind gerade dabei, diesen zu verlassen."

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