WIRTSCHAFT
02/02/2016 05:19 CET | Aktualisiert 05/02/2016 08:02 CET

Alles leere Versprechen? Das leisten große Firmen wirklich in der Flüchtlingskrise

Viele große Unternehmen engagieren sich in der Flüchtlingskrise und bieten Asylbewerbern Praktika an
dpa
Viele große Unternehmen engagieren sich in der Flüchtlingskrise und bieten Asylbewerbern Praktika an

Jeden Tag machen sich Flüchtlinge auf den Weg nach Europa. Um vor Gewalt, Verfolgung und Krieg zu fliehen, nehmen sie gefährliche Wege auf sich und lassen oft alles zurück. Nach Deutschland kamen 2015 rund eine Million Asylbewerber, dieses Jahr könnten es ebenso viele werden.

Bilder von Helfern, die mit Kleidung, Luftballons und Essen an den Hauptbahnhöfen auf die Flüchtlinge warteten, gingen um die Welt. Und auch Großunternehmen versprachen, einen Beitrag in der Krise zu leisten. Nicht nur um Geld- und Sachleistungen ging es dabei.

Große Firmen wie Daimler, Otto, Siemens und die Deutsche Bahn versprachen auch, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Haben keinen Fachkräftemangel

So sagte etwa Daimler-Chef Dieter Zetsche im September bei der Internationalen Automobilausstellung über Asylbewerber: „Genau solche Menschen suchen wir bei Mercedes.“ Denn: Wer sein ganzes Leben zurücklasse, sei hoch motiviert.

Doch was ist aus dem schönen Satz geworden?

Tatsächlich haben am 9. November 40 Flüchtlinge in Stuttgart ein Praktikum bei Daimler begonnen. Weitere sollen folgen. „Insgesamt wollen wir mit dem Brückenpraktikum mehreren Hundert Teilnehmern einen Weg in den Arbeitsmarkt ebnen“, sagt Daimler-Sprecher Oliver Wihofszki der Huffington Post.

Doch auch wenn Zetsche im September noch von Flüchtlingen schwärmte: Bei Daimler angestellt werden sie außer in Einzelfällen nach ihrem Praktikum nicht. Stattdessen sollen sie weiter vermittelt werden – vorwiegend in kleine Betriebe.

Der Grund: „Wir spüren bei Daimler keinen Fachkräftemangel“, erklärt Wihofszki. „Als großes Unternehmen haben wir es sicher einfacher als viele kleinere und mittlere Betriebe. Deren Bewerbersituation ist anders, und sie spüren den demografischen Wandel deutlich früher und stärker."

Praktika sind nur ein Anfang

Dennoch will das Unternehmen 2016 zusätzlich zu 2000 regulären Ausbildungsplätzen auch 50 nur für Flüchtlinge schaffen.

Auch bei Siemens steht die Flüchtlingskrise auf der Agenda. 164 Asylbewerbern will sich das Unternehmen in diesem Jahr annehmen. 100 sollen über das Jahr verteilt als Praktikanten an verschiedene Standorte kommen. 64 werden an insgesamt vier Förderklassen teilnehmen.

Doch warum trägt ein Weltunternehmen wie Siemens nicht mehr bei? Siemens-Sprecher Michael Friedrich erklärt der Huffington Post, dass Praktika und Förderklassen lediglich ein „Anfang“ sind.

„Wenn die Zahl zu groß wäre und sich niemand richtig kümmern könnte, wäre die Frustrationsgefahr groß“, so Friedrich weiter. Die Organisation von Praktika und Förderklassen brächte außerdem einen „großen organisatorischen Aufwand“ mit sich.

Auch Siemens trainiert Flüchtlinge, um sie auf den Arbeitsalltag vorzubereiten. Eine Übernahme durch den Konzern winkt dennoch auch hier nicht: „Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass ein Flüchtling nach einem Praktikum irgendwann wieder bei Siemens anfängt“, so Friedrich.

Missverständnisse gab es nach einem Interview mit dem Chef der Otto Group, Michael Otto. Der „Welt“ hatte er gesagt: "In Hamburg werden wir in einer Unternehmerinitiative bis Ende Januar 1500 Praktikumsplätze zur Verfügung stellen, Ende März sollen es schon 2500 Stellen sein." Das Unternehmen stellte gegenüber der Huffington Post klar: Nicht die Otto Group bietet 2500 Praktiumsplätze an. „Wir engagieren uns im Rahmen einer Unternehmerinitiative, die von der Handelskammer initiiert wurde.“

Sorgt für ein gutes Gewissen

Auch bei der Deutschen Bahn soll es nach ersten Projekten in Zukunft noch mehr Integrationsangebote für Flüchtlinge geben. „Dafür prüfen wir gerade die notwendigen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen“, sagte ein Bahn-Sprecher der Huffington Post. An den Start gehen sollten demnach unter anderem „Programme im Süden für Berufsgruppen wie Fahrwegpfleger und Gleisbauer“.

Doch warum engagieren sich die Unternehmen überhaupt? Ein Psychologe erklärt: „Die Unternehmen sind Teil eines Kollektivs, in welchem sich der einzelne ohnmächtig fühlt“, so Stephan Grünewald, Gründer des Kölner Rheingold Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen. „In gesellschaftlichen Notlagen möchten sie ihren Mitarbeitern zeigen, dass etwas geschieht - nach dem Motto: Wir kümmern uns. Das sorgt für ein gutes Gewissen.“

Mit Material der dpa

Auch auf HuffPost:

"Dankbarkeit heißt Integration": Müssen Flüchtlinge den Deutschen dankbar sein?

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplat

tform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.