POLITIK
30/01/2016 17:03 CET | Aktualisiert 30/01/2016 17:17 CET

Wieder ein russischer Jet über der Türkei: Ruft die Nato bald den Ernstfall aus?

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Es ist wieder passiert: Das Nato-Land Türkei hat der russischen Luftwaffe eine erneute Verletzung des Luftraums im Grenzgebiet zu Syrien vorgeworfen. Ein russisches Kampfflugzeug vom Typ Su-34 soll am Freitag über die Grenze geflogen sein und mehrere Warnungen der türkischen Luftabwehr ignoriert haben.

Einen ähnlichen Fall hatte es bereits im November vergangenen Jahres gegeben - mit tödlichem Ausgang: Ein russischer Jet war in den türkischen Luftraum geflogen und wurde abgeschossen - offenbar nach voriger Warnung über Funk. Das Ergebnis war eine Eiszeit zwischen den Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan.

War das Eindringen eine gezielte Provokation?

Nach dem Vorfall hätte in Russlands Luftwaffe eigentlich die höchste Vorsichtsstufe für Flüge nahe der Türkei gelten müssen. Somit stellt sich die Frage, ob die erneute Übertretung - diesmal ohne militärische Gegenwehr - eine gezielte Provokation war.

Kurz danach bestellte das Außenministerium in Ankara den russischen Botschafter ein, wie die Agentur Anadolu am Samstag meldete. Das Verteidigungsministerium in Moskau wies die Anschuldigungen zurück. "Das ist Propaganda ohne Beweise", sagte Generalmajor Igor Konaschenkow der Agentur Interfax zufolge. Die Nato forderte Russland zur Deeskalation auf.

"Gefährliches Verhalten"

Diese Aufforderung ging wohl an den exakt richtigen Empfänger. Denn derzeit ist es nicht weltfremd, zu vermuten, dass der Flug über die Grenze ein gezielter Nadelstich gegen den Nachbarn war, in einem Gebiet, das Russland aktiv militärisch bearbeitet: Russische Kampfflugzeuge fliegen in Syrien Luftschläge gegen den Islamischen Staat. In der Nähe ereignete sich der Vorfall.

Die Türkei kann hinsichtlich der künftigen Vormacht in Syrien ein Konkurrent für Russland sein. Die Spannungen sind groß. "Ich forderte Russland auf, sich verantwortungsbewusst zu verhalten und den Luftraum der Nato voll zu achten", teilte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Samstag mit.

Kommt es zum Bündnisfall?

Stoltenberg schloss sich der Darstellung Ankaras zu der Luftraumverletzung an und erklärte: "Frühere Zwischenfälle haben gezeigt, wie gefährlich solches Verhalten ist."

Der Fall Russland-Türkei, das zeigen die Äußerungen der Beteiligten, ist ein Fall Nato. Gibt Russland weiter den Gefährder, könnte es im schlimmsten denkbaren Szenario dazu kommen, dass der Militärbund - mit seinem Mitglied Türkei - den Bündnisfall ausruft und sich als von Moskau militärisch angegriffen betrachtet.

Putins Drohgebärden passen zum Planspiel der Nato

Es ist ein Szenario, das nicht aus der Luft gegriffen ist. Wie die "Welt am Sonntag" berichtet, werden die Nato-Verteidigungsminister auf einer Geheimsitzung in Brüssel Mitte Februar einen Angriff aus dem Osten auf das westliche Verteidigungsbündnis simulieren. Dann spielen sie in der Theorie durch, was bei einem Angriff geschehen könnte - es könnte auch ein Angriff Russlands sein.

Präsident Putin scheint sich seinerseits auf Ähnliches vorbereitet zu haben: Zu Beginn des Jahres bezeichnete er die Nato als "Bedrohung für die nationale Sicherheit" und wies darauf hin, dass das Land an seinem umfangreichen Atomwaffenarsenal festhalte.

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