POLITIK
30/01/2016 13:02 CET | Aktualisiert 30/01/2016 13:12 CET

Arzt berichtet aus Flüchtlingslager: "Nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen"

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Die Diskussionen über den Andrang von Flüchtlingen nach Deutschland hören nicht auf. Nicht selten sind dabei Vorurteile und blanke Lügen im Spiel. Umso härter fällt der Einwurf eines Mannes aus, der wirklich weiß, wovon er spricht: Raphaele Lindemann, als Arzt in einem Erstaufnahmelager für Asylbewerber tätig.

In der Einrichtung, die in seinem Bericht auf Facebook nicht näher bezeichnet wird, hat er Dinge gesehen, deren Anblick vielen Menschen wohl schon unzumutbar ist. Es ist die unverwässerte Realität des Flüchtlingsandrangs.

"Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine 'naive rosarote Gutmenschbrille' zu schauen."

Lindemann sieht keineswegs einen Andrang von mehr oder weniger gutsituierten Menschen, die Deutschland des Wohlstands wegen aufsuchen. Ebenso kann er nicht bestätigen, dass nur junge Männer kommen, die ihre Frauen mit der Unbill des Bürgerkriegs allein gelassen haben.

"Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind."

Das niederschmetternde Resümee des Arztes: "Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen." Ein weiteres Beispiel, das er schildert, handelt von einer Frau, deren Beine vollständig verbrannt waren und klaffende, eitrige Wunden aufwiesen. Die Patientin habe "keine Anspruchshaltung" an den Tag gelegt, sondern sei sehr dankbar gewesen.

Zudem räumt Lindemann - das ist offenbar immer noch nötig - mit dem Klischee der Flüchtlinge und ihren Smartphones auf. Es handle sich dabei nicht um Luxusartikel. "Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen", stellt er fest.

Zum einen seien Smartphones auch in den umkämpften Ländern nicht unbekannt und unerschwinglich, zum anderen wollen eben Verwandte und bekannte wissen, wie es den Geflüchteten geht. Ihnen den Besitz von Elektronik vorzuwerfen, sei "weltfremd und obendrein arschig".

Liebe Leute,nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur...

Posted by Raphaele Lindemann on Thursday, January 28, 2016

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