POLITIK
29/01/2016 13:22 CET

"Diesem Kontrollverlust des Staates dürfen wir nicht länger zuschauen"

Kriminologe Christian Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.
ullstein bild via Getty Images
Kriminologe Christian Pfeiffer ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

Die sexuellen Übergriffe der Kölner Silvesternacht waren Treibstoff für rechtsextreme Parolen - und Taten: In mehreren Städten haben sich Menschen zu Bürgerwehren zusammengeschlossen, meist vor eindeutigem ideologischen Hintergrund.

Einer Düsseldorfer Gruppe etwa schlossen sich mehr als 13.000 Menschen an - bereit anscheinend, dem gewalttätigen Mob der Silvesternacht einen ebensolchen entgegenzusetzen.

Seit der Kölner Gewaltnacht ist die Unsicherheit zu spüren

Wohin führen solche Perversionen bürgerschaftlichen Engagements? Christian Pfeiffer, ehemaliger Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, hält die Bürgerwehren für "absurd", wie in einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte.

Dem instrumentalisierten Unsicherheitsgefühl mancher Bürger setzt er eine klare Ansage entgegen: "Wir haben die sicherste Republik in Deutschland seit dem Jahr 2000." Dass diese Bewegungen trotzdem entstehen, liegt laut Pfeiffer unter anderem daran, dass die Silvesternacht Angst vor Übergriffen geschürt habe.

Verliert der Staat die Kontrolle?

Dadurch sei auch die Nachfrage nach Selbstverteidungswaffen wie Pfefferspray deutlich gestiegen. Das Gefühl, Selbstjustiz üben zu müssen, komme daher, dass "es so einen massiven Kontrollverlust des Staates gegeben hat". Diesem dürfe man "nicht länger zuschauen".

Im Osten setzen sich vor allem rechtsdurchsetzte Bürgerwehren durch. Das sei aber auch schon das einzig besorgniserregende an dieser Entwicklung. Denn zumeist klingen diese nach etwa einem Vierteljahr wieder ab. Wenn es zu Zwischenfällen komme, seien die Nachbarschaftswachen jedoch keine Ent-, sondern eine zusätzliche Belastung.

Der Kriminologe fordert mehr Potential

Die einzig positive Wirkung von Bürgerwehren ist der Rückgang an Einbrüchen. So würden sich Einbrecher durchaus eher von Vierteln, die eine Nachbarschaftswache besitzen, fern halten. Das sei vor allem für Deutschland wichtig, da es trotz allgemeinem Rückgang der Kriminalität eine relative Zunahme an Einbrüchen gibt.

Das Grundproblem liege jedoch auf Seiten des Staates und der Polizei. "Die richtige Antwort auf all die Probleme ist mehr Polizei", sagt Pfeiffer. Nach den Ereignissen in Köln sei den Bürgern geradezu symbolisch vor Augen geführt worden, wie sehr es an Polizeibeamten mangele, die bei Ausschreitungen für Ruhe sorgen.

Die Machtlosigkeit, die der Polizei vorgeworfen wird, sollte nach Ansicht des Kriminologen ein Warnruf für alle Bundesländer sein, mehr Geld in Personal zu investieren.

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