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29/01/2016 14:00 CET | Aktualisiert 29/01/2016 18:02 CET

EM-Wunder geht weiter: Deutsche Handballer im Finale

Fäth während der Handball-EM 2016
EPA/MACIEJ KULCZYNSKI
Fäth während der Handball-EM 2016

Jetzt greifen Deutschlands neue Handball-Helden bei der EM nach Gold. Nach dem 34:33-Krimi mit Verlängerung gegen Norwegen steht das junge Team von Bundestrainer Dagur Sigurdsson im Finale der Europameisterschaft in Polen und ist nur noch einen Sieg vom ersten Titel seit dem WM-Triumph 2007 entfernt.

Matchwinner für die DHB-Auswahl war am Freitagabend vor rund 7500 Zuschauern in Krakau neben dem zehnfachen Torschützen Tobias Reichmann Nachrücker Kai Häfner, der kurz vor Schluss das Siegtor erzielte. Damit ist schon jetzt die direkte Qualifikation für die WM 2017 in Frankreich perfekt, beim Titelgewinn wäre auch das Olympia-Ticket gelöst.

Den Live-Stream zum Halbfinale Deutschland gegen Norwegen gibt es am Freitag hier.

Vorab wurde vermutet: Die Norweger bauen auf eine "knallharte Verteidigung". Das kündigte Bundesliga-Legionär Joakim Hykkerud vom TSV Hannover Burgdorf vor der Partie an. "Sie sind ein bisschen wie wir", sagte der Kreisläufer über den Halbfinal-Kontrahenten: "Sie haben sich in der Meisterschaft hochgespielt. Sie sind körperlich knallhart, und ein bisschen schmutzig." Das deutsche Spiel sei aber mehr von den einzelnen Stars abhängig als das norwegische, meinte Hykkerud.

Im ersten Halbfinale der neuformierten deutschen Mannschaft, die mit einem Altersschnitt von 24,6 Jahren eher wie einer verstärkte Junioren-Auswahl die EM bestritt, blieb sie ihrer Linie treu. Vor allem der coole Siebenmeter-Schütze Reichmann und der erneut starke Keeper Andreas Wolff hielten die Norweger in Schach.

Dank einer Zwei-Mann-Überzahl konnte sich der WM-Siebte zur Mitte der ersten Hälfte bis auf 9:5 absetzen. Grundlage dafür war eine exzellente Deckung, in der Abwehrriese Finn Lemke und die Zwei-Meter-Männer neben ihm Schwerstarbeit verrichteten.

Die Norweger bewiesen aber, dass sie nicht umsonst erstmals in der Geschichte ihres Verbandes im Halbfinale standen. Nervenstark hielten sie Anschluss. Allerdings verpasste es die DHB-Sieben auch durch einige leichtfertig vergebene Chancen, den klaren Vorsprung zu wahren. 14:13 hieß es zur Pause. "Es fühlt sich so an, dass wir höher führen müssten. Wir müssen noch etwas cleverer sein", sagte der verletzte Kapitän Steffen Weinhold dem ZDF.

In Hälfte zwei machte sich die DHB-Auswahl jedoch das Leben weiter durch leichte Ballverlutse schwer. So konnten die Norweger sogar in Unterzahl mit 17:16 in Führung gehen. In dieser Phase wirkte die Sigurdsson-Schützlinge plötzlich gehemmt in ihren Aktionen und taten sich schwer im Angriff. Beim Stand von 17:19 drohte der deutschen Mannschaft die Partie kurz zu entgleiten.

Aber auch die Norweger konnten lange nicht an ihre bemerkenswerten Leistungen der vergangenen Tage anknüpfen und verpassten es, sich entscheidend abzusetzen. Sogar eine 27:25-Führung genügte nicht, Rune Dahmke rettete die deutsche Mannschaft mit einem Treffer acht Sekunden vor Schluss in die Verlängerung.

Und dort zeigte das DHB-Team dann erneut seine Willensstärke erkämpfte sich die Führung und gab diesen Vorteil nicht mehr her. Häfner machte mit seinem Treffer in allerletzter Minute alles klar.

Wichtige deutsche Nationalspieler

Aber was meint er damit? Die Handball-Nationalmannschaft besteht bei der Europameisterschaft in Polen aus 16 Spielern. Steffen Weinhold und Christian Dissinger sind verletzt. Doch auf einige der verschworenen Gemeinschaft von Bundestrainer Dagur Sigurdsson kommt es im Halbfinale gegen Norwegen besonders an:

  • Dagur Sigurdsson: Gemeinsam mit seinen Co-Trainern Alexander Haase und Axel Kromer tüftelt er für jedes Spiel eine spezielle Taktik aus. Als früherer Spielmacher in Islands Nationalmannschaft kann er das Spiel lesen wie kaum anderer. So hat er auch in brenzligen Situationen immer eine Lösung für sein Team parat.
  • Steffen Fäth: Der Rückraumspieler ist Spielmacher und Vollstrecker in Personalunion. Ihm kommt zugute, dass er in Wetzlar von einem der Besten seines Fachs lernen konnte: Ivano Balic. Der zweimalige Welthandballer aus Kroatien hatte Fäth in Wetzlar unter seine Fittiche genommen und ihm eine große Perspektive attestiert.
  • Martin Strobel: Der 29-Jährige verkörpert den Spielmacher alter Schule, der mehr seine Nebenspieler einsetzt als selbst aus dem Rückraum den Torerfolg zu suchen. Neben Torhüter Carsten Lichtlein ist er der einzige Spieler im Team mit vorheriger EM-Erfahrung. War 2006 Junioren-Europameister und kam 2007 nach der Heim-WM als potenzieller Nachfolger von Markus Baur in die Nationalmannschaft
  • Tobias Reichmann: Der "Mann ohne Nerven" in der deutschen Mannschaft. Der Rechtsaußen hat in den bisherigen sechs Spielen 19 seiner 20 Siebenmeter verwandelt. Und das, obwohl er im Verein nie Siebenmeter wirft. Sein Markenzeichen: Er springt beim Torwurf ungewöhnlich hoch und weit in den Kreis. Der 27-jährige Linkshänder spielt bei KS Vive Kielce in Polen und ist einziger Auslandsprofi im Team.
  • Carsten Lichtlein - Dauerbrenner, Frohnatur, Siebenmeterkiller: Mit 35 Jahren, mehr als 200 Länderspielen und als einziger im Team verbliebener Weltmeister von 2007 ist er das Urgestein der Mannschaft. Er ist die Nummer 1 der EM bei den gehaltenen Siebenmetern - vier von neun hat er entschärft. Motto: "Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her."
  • Finn Lemke: Mit seinen 2,10 Metern ist der Magdeburger der längste Spieler der EM. Im Laufe des Turniers ist er in die Rolle des Abwehrchefs hineingewachsen und füllt sie erstklassig aus - mit gerade einmal 23 Jahren. Trotz seiner Größe ist er schnell auf den Beinen und beweglich. Durch ein spezielles Programm, das er nach dem Aufstehen als Frühsport betreibt, hat er seine Körperstabilität und Athletik verbessert.
  • Teamgeist: Getreu des Mottos von Alexandre Dumas' Musketieren "Einer für alle, alle für einen" steht in der Nationalmannschaft jeder Spieler für den anderen ein. Es gibt keine Egoismen. Die Mannschaft ist der Star.

Norwegens Trainer Christian Berge räumt ein: Die DHB-Auswahl zu schlagen, sei "eine gewaltige Aufgabe". Sein Team erreichte ebenso überraschend die Vorschlussrunde wie die deutsche Mannschaft von Coach Dagur Sigurdsson. Die Norweger hatten in der entscheidenden Partie Olympiasieger, Welt- und Europameister Frankreich bezwungen. "Jetzt muss sich der Glücksrausch nach dem Frankreich-Spiel gelegt haben", sagte Berge dem Rundfunk-Sender NRK.

Mit dpa-Material

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