POLITIK
28/01/2016 12:44 CET | Aktualisiert 28/01/2016 13:46 CET

Irre Praktik: Das passiert in einer Schweizer Schule mit Migranten-Kindern

Kinder in einer deutschen Grundschule
dpa
Kinder in einer deutschen Grundschule

Diese Schulordnung sorgt in der Schweiz gerade für reichlich Diskussionen: In der Gemeinde Egerkingen sollen zukünftig Kindergarten- und Schulkinder dafür zahlen, wenn sie auf dem Schulgelände eine andere Sprache als Deutsch sprechen – das hat der Gemeinderat beschlossen.

Was steckt hinter der knallharten Vorschrift? Gemeindepräsidentin Johanna Bartholdi erklärt den Hintergrund im Interview mit der Huffington Post: "In einzelnen Klassen haben bis zu 70 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, insgesamt werden 24 Sprachen gesprochen. Ich habe vermehrt Beschwerden von Eltern darüber bekommen, dass sich Schweizer Kinder ausgegrenzt fühlten." Das solle sich nun ändern.

500-Euro-Sprachkurs für "straffällige" Kinder

Der Gemeinderat um Bartholdi hat deshalb ein Strafsystem für Schüler festgelegt, die in der Schule eine andere Sprache als Deutsch sprechen.

Beim ersten Verstoß der Migranten-Kinder gibt es eine mündliche Verwarnung, dann eine schriftliche an die Eltern und beim dritten Mal müssen die Kinder einen, wie Bartholdi ihn nennt, "Deutsch-/Verhaltenskurs" besuchen – Kostenpunkt: rund 550 Franken, also etwa 500 Euro.

Was ist Gespräch - und was Ausgrenzung?

Rechtlich wird diese Neuerung durch das Schweizer Volksschulgesetz gestützt. Sie müsse allerdings zugeben, dass das Lehrpersonal von dem Vorschlag nicht begeistert gewesen sei, fügt Bartholdi hinzu. An der Entscheidung des Gemeinderats hält sie bisher trotzdem fest.

"Ich vertraue bei der Umsetzung der Strafe darauf, dass das Lehrpersonal situativ unterscheiden kann, ob sich Migranten zum Informationsaustausch auf einer anderen Sprache unterhalten - oder um Schweizer Kinder auszugrenzen", sagt sie.

"Das Gemeinwesen ist kein Selbstbedienungsladen"

Die Strafandrohung hält sie zwar selbst für drastisch, aber notwendig. Kostenlose Kulturangebote seien bisher oftmals nicht genutzt worden. Sie habe das Gefühl, dass viele Eltern das Gemeinwesen als "Selbstbedienungsladen" ansehen. Die drastische Änderung der Schulordnung sei eine Mahnung: "Denkt daran, ihr seid in der Schweiz." Die Sprache sei schließlich auch Teil der Kultur.

Wenn deutschsprachige Kinder sich anzupassen hätten, verliere die Schule ihre integrative Funktion, schlussfolgert Bartholdi im Gespräch mit der Schweizer Zeitung "Oltner Tagblatt".

Hat die Gemeinde das Maß verloren?

Synonyme für integrativ sind laut Duden übrigens unter anderem "kompromissbreit" und "maßvoll". In dem Fall der Entscheidung der Gemeinde stellt sich wohl sowohl die Frage, ob die neue Regelung als maßvoll bezeichnet werden kann - und wo der Kompromiss darin besteht, effektiv Kinder mit Migrationshintergrund für ihren Bilingualismus zu bestrafen.

Bevor die neue Ordnung in Kraft tritt, will der Gemeinderat Informationsabende für alle betroffenen Klassen organisieren. Bartholdi lässt durchblicken, dass sie Gegenwind erwartet - und dass die Änderung eventuell nicht in Stein gemeißelt ist, sondern nur als "Weckruf" dienen könnte.

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