WIRTSCHAFT
27/01/2016 11:58 CET | Aktualisiert 30/01/2016 06:59 CET

Warum dieser Mann seinen Besitz abgab - und glücklicher ist

privat
Joachim Klöckner

"Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck“. Wer Radio hört, kennt das Lied der Band Silbermond sicher. Es erzählt vom Loslassen, vom Freisein, vom Aufgeben materieller Dinge.

Viele dürften das Lied mitsummen, während sie im Auto sitzen. Vielleicht sind sie auf dem Weg zu Ikea, weil sie unbedingt einen neuen TV-Schrank für ihren Flachbildfernseher brauchen. Oder sie fahren zum nächsten Supermarkt, weil die Shampoo-Vorteilspackung lockt. Je günstiger, desto besser.

Joachim Klöckner war auch ein klassischer Durchschnitts-Konsument. Jahrzehntelang. In seiner Wohnung standen Dinge, die er eigentlich nie benutzte. Er kaufte schnelle Autos, obwohl er keine mehr brauchte.

Bis er sich irgendwann entschied, ein anderes Leben zu führen. Ein Leben frei von Konsum.

Heute besitzt der 66-Jährige nur noch 50 Gegenstände. Oder ein paar mehr – je nach dem, ob er seine Socken einzeln oder doppelt zählt. Sein kompletter Besitz passt in einen Rucksack. Der steht in der Ecke seines kleinen Berliner Zimmers, auf einem Pappdeckel. Ansonsten ist der komplette Raum leer – bis auf eine Hängematte in der Mitte des Zimmers, in der er schläft.

Klöckner ist ein Minimalist. Jemand, der sich der Konsumwelt entsagt und sich auf die nötigsten Gegenstände reduziert hat.

joachim klöckner


Vorreiter des modernen Minimalismus ist der Amerikaner Kelly Sutton, der mit seinem Blog "The Cult of Less“ (dt.: "Der Kult des Wenigen“) berühmt wurde. Viele Minimalisten versuchen, ihren ganzen Besitz auf maximal 100 Gegenstände zu beschränken – nur solche, die sie wirklich brauchen. Sie wollen so ein glücklicheres Leben führen.

Bei Klöckner hat das mit der gesteigerten Lebensqualität geklappt: "Heute geht es mir viel besser, weil ich mich auf wesentliche Dinge konzentriere: Zeit mit anderen Menschen verbringen und die Ruhe, mit mir selbst zu sein“, erklärt Klöckner mit sanfter Stimme.

Er lacht viel, während er von seinem alten Leben erzählt. Früher lebte in einem vollgestopften Haus, fuhr Porsche und sammelte hunderte Pokale, die er als Rallyefahrer gewonnen hatte.

Schicksalsschläge haben mich angetrieben, auszumisten.

Die Entscheidung, sich von allem Konsum zu befreien, war bei Klöckner ein schleichender Prozess. "Einerseits haben Umzüge dabei geholfen, sich von unnützen Dingen zu befreien. Andererseits erlebte ich auch Schicksalsschläge, die mich antrieben, mich neu zu ordnen – und richtig auszumisten.“

Der Wunsch, sich zu reduzieren, wird bei vielen Menschen immer stärker. Dabei geht es nicht nur darum, die eigenen vier Wände leerzuräumen. Es geht auch darum, sich selbst zu besinnen. Auf eine entscheidende Frage: Was brauche ich eigentlich wirklich zum Glücklichsein?

Dass immer mehr Menschen daran zweifeln, ihr persönliches Glück aus Konsum zu generieren, ist nicht verwunderlich. Wir haben uns eine Welt geschaffen, in der wir alles besitzen können, was wir wollen, so viel wir wollen – jederzeit und an jedem Ort.

Spotify lässt uns unter 30 Millionen Liedern wählen, im Supermarkt gibt es Dutzende verschiedene Joghurtsorten und bei Netflix gibt es jeden Tag neue Serien und Filme, für die wir Jahre bräuchten, um sie alle zu sehen.

"Zu viel Besitz und zunehmende Komplexität, also immer mehr Wahlmöglichkeiten als der Einzelne überhaupt auswählen kann, führt bei vielen Menschen zu Stress“, sagt Bernd Vonhoff, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Soziologinnen und Soziologen im Gespräch mit der Huffington Post.

Außerdem hilft übermäßiger Konsum dabei, sich abzulenken – von Frust, Liebeskummer oder anderen Problemen, die uns plagen. Konsum ist nur noch simple Ersatzbefriedigung. "Wir kaufen auch deshalb so viel, um uns Statussymbole anzuschaffen. Wir wollen über unseren Besitz von anderen anerkannt werden“, erklärt Minimalist Klöckner.

Glück bedeutet, die Wahl zu haben.

Auch Sandra Hylla kennt dieses Gefühl. In ihrem Blog „Ganzichselbst“ lässt die Dresdnerin andere an ihrem Entrümplungsprozess teilhaben: "Ich bin zur Minimalistin geworden, habe mit dem Entrümpeln angefangen, weil ich die Kontrolle über mein Leben zurück haben wollte und mich all der Ballast erdrückt hat“, sagt sie.

Klöckner hat diese Kontrolle vor über 20 Jahren wiedererlangt – so lange lebt er jetzt schon als Minimalist. Und er ist glücklich. So glücklich, wie er inmitten seines früheren Gerümpels nie war. "Glück ist für mich, die Wahl zu haben. Bevor ich etwas kaufe, frage ich mich: Brauche ich das wirklich? Nein zu sagen, macht mich glücklich“, erklärt der 66-Jährige.

Deshalb reicht ihm auch eine kleine Rente zum Leben. Klöckner braucht nicht viel: Geld gibt er vor allem für Essen aus, weil er selbst nicht kocht. Um sein Zimmer zu bezahlen, verdient er sich als Coach ein paar Euro dazu, indem er Menschen bei der Selbstfindung unterstützt. So hat er sich einen einfachen Alltag geschaffen, der ihm Zeit für die wichtigen Menschen im Leben lässt - und der ihn komplett ausfüllt.

Statt Spotify und Starbucks ausgewählte Platten und schwarzen Kaffee.

Vielen Minimalisten geht es aber nicht nur um das eigene Seelenheil. Es treibt sie an, ein Zeichen gegen die verschwenderische moderne Gesellschaft zu setzen: "Bei einigen Menschen kann als zusätzlicher Aspekt eine Form von Protest gegen verschwenderische Tendenzen in einigen Bereichen unserer Gesellschaft eine Erklärung sein“, sagt Soziologe Vonhoff.

Damit ist minimalistisches Leben ein Trend mit Potenzial: „Ich gehe stark davon aus, dass Minimalismus in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen wird“, sagt Sascha Friesike von der Universität Würzburg, der sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzt.

"Viele Menschen sagen sich, dass sie auf diesen Rummel keine Lust mehr haben. Statt Spotify und Starbucks hören sie wieder ein paar ausgewählte Platten oder Radio und trinken einen schwarzen Kaffee.“

Klöckner hat zudem einen Tipp für die Menschen, die weniger konsumieren wollen – aber sich nicht trauen, den ersten Schritt zu machen. "Alles, was wir ein Jahr nicht gebraucht haben, sollten wir sofort verkaufen, wegschmeißen oder verschenken.“

Und das dürfte bei fast allen von uns realistischerweise ziemlich viel sein.

Auch auf HuffPost:

Video:Psychologen enthüllen: Wenn Sie auf diese neun Dinge verzichten, werden Sie sofort erfolgreich

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.