POLITIK
26/01/2016 07:44 CET | Aktualisiert 26/01/2016 11:25 CET

Die Medien behandeln Trump als den Quartalsirren - ein fataler Fehler

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Die Medien behandeln Trump als den Quartalsirren - ein fataler Fehler

In einer Zeit, in der die Medien Präsidentschaftskandidaten eigentlich dringend auf Herz und Nieren prüfen sollten, lassen Journalisten Donald Trump Narrenfreiheit. Das kritisierte die Historikerin Doris Kearns Goodwin in einem Interview mit der Huffington Post.

Trump setzt seinen Ruhm um des Ruhmes Willen ein, er nutzt auf populistische Art Angst, Hass und Ressentiments aus. Er hat die Gabe, Streit anzuzetteln und konzentriert sich als Maulheld auf den sogenannten "Horse Race" - jenen Journalismus, der nicht auf die einzelnen Kandidaten schaut, sondern nur auf den Konkurrenzkampf zwischen ihnen.

Das alles ermöglicht es ihm, die Schwachstellen und schlechten Angewohnheiten aller Medien im Kampf um Leser und Auflage zu nutzen und auszunutzen.

Trump, der Maulheld

Das Ergebnis ist, laut Goodwin, dass Trump sich so einer gründlichen Überprüfung seiner Vergangenheit, seines Charakters, seines Unternehmens und seiner Eignung – wenn man davon überhaupt sprechen kann – für das Amt des Präsidenten entzieht.

In der guten alten Zeit, über die Goodwin schreibt, wäre es Aufgabe der Parteivorsitzenden gewesen, Trump auf seine Eignung zu überprüfen und womöglich auszuschließen.

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Doris Kearns Goodwin. Foto: Getty

Aber der Terminus „Parteivorsitzender“ ist heutzutage ein Widerspruch in sich. Es sind die Wähler, die die Präsidentschaftskandidaten in Gremien und Vorwahlen küren. Das mache die demokratische Rolle der Mainstream-Medien nur noch wichtiger, hat Goodwin beobachtet.

Riesige Verantwortung der Medien

„Wir Medienmenschen sind die Hauptinformanten, die die Menschen über die Qualitäten eines Kandidaten aufklären. Wir sind es, die den Wählern erklären, wer diese Kandidaten sind und wofür sie stehen“, sagt Goodwin, eine Gewinnerin des Pulitzer-Preises, deren Bücher über Lincoln, Roosevelt und Lyndon B. Johnson auch Studien über deren Umgang mit der Presse enthalten. „Die Verantwortung ist riesengroß.“

Wird die Presse der Verantwortung im Fall Trump gerecht? „Nein, das glaube ich nicht“, sagte Goodwin.

Jeder Kandidat hat es mit den gleichen medialen und institutionellen Trends zu tun. So etwa die Besessenheit von Umfragewerten und Konflikten, eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne der meisten neuen Konsumenten sowie die Zahlenversessenheit und das Usermarketing in den weitverzweigten sozialen Medien.

Aber niemand nutzt diese Trends so zynisch und erfolgreich wie Trump. So umgeht er, dass die Medien in richtig unter die Lupe nehmen. Stattdessen prüfen die Medien Trump voller Verblendung.

Verblendung

„Jeden Tag ist er eine neue Story, die auf ihre Weise brillant ist“, führt Goodwin aus. „Wir sehen ihn in einer Debatte, wie er einen Gegner niederbrüllt oder sich über ihn lustig macht oder etwas vollkommen Unmögliches von sich gibt.“

Die Fokussierung auf Konflikte nagelt die Aufmerksamkeit auf das aktuelle Geschehen fest. Und mit dem ständigen Gerede über Umfragen und seine Chancen lenkt Trump den Fokus außerdem auf die Zukunft seiner Kampagne - die natürlich nicht genau vorhersehbar ist, über die es sich aber trefflich spekulieren lässt.

„Es stellt sich die Frage: Wie wird er sich machen?“, sagt Goodwin. „Und weiter: Wie konnte es dazu kommen? Heiliger Strohsack, er führt die Umfragen an! Er könnte tatsächlich gewinnen!“

Fakten spielen keine Rolle

Mit dem Verweilen auf der glitzernden Gegenwart und dem Fokus auf der unbekannten Zukunft, die so viel Unterhaltungswert bereithält, radiert Trump jeden Geschichtssinn aus – Fakten, die Kontext und Glaubwürdigkeit für sein Leben und seine Taten liefern könnten.

„Er lässt dir einfach keine Zeit, auch mal einen Blick in seine Vergangenheit zu werfen“, erläutert Goodwin.

„Was wissen wir zu diesem Zeitpunkt über seinen Modus Operandi als Unternehmer? Wissen wir, wie er seine Angestellten behandelt? Wissen wir, was für eine Führungsperson er war, als er sein Unternehmen aufgebaut hat? Also, ich weiß nicht, wie die Antworten auf diese Fragen lauten.“

Trump, der Rollenspieler

„Ich weiß nur, dass die Vergangenheit Trumps derzeit in den Medien keine Rolle spielt, wenn es darum geht, uns zu erklären, wer dieser Typ eigentlich ist.“

Für keine andere Person des öffentlichen Lebens besteht zurzeit eine größere Dringlichkeit für eine gründliche investigative Überprüfung, sagte Goodwin. Aber das macht man am besten mit langen, komplexen Werken der Printmedien – und dafür fehlt den meisten Menschen heute die Geduld.

Goodwin hat sich bei ihrer Arbeit mit den Skandalreportern des späten 19. Jahrhunderts befasst und schätzt sowohl deren Methoden - sie arbeiteten auch mal zwei Jahre an einer investigativen Reportage über eine Öl-Firma – als auch die Geld ihrer reformorientierten Leser.

Das Ende der Geduld

„Das Problem heute ist zum einen, gute Quellen aufzuspüren. Und dann würde womöglich eine lange und wirklich komplexe Geschichte dabei herauskommen. Bei der Aufmerksamkeitsspanne der Menschen heutzutage, wer würde sich wirklich die Zeit nehmen, so eine Geschichte zu lesen?“

„Und trotzdem muss ich sagen, dass die Printmedien immer noch am besten dazu in der Lage sind, eine komplizierte Geschichte zu erzählen. Nicht nur aufgrund der Länge, sondern aufgrund der Art und Weise, wie Sätze wirken.“

Laut Goodwin hat Trump eine weitere Taktik, um eine traditionelle Prüfung durch die Presse zu vermeiden. In seiner Rolle als prominente Marke verkauft Trump keine Bewegung oder eine spezielle Agenda. Nicht einmal seine eigene Erfolgsbilanz.

Trump ist keine Bewegung. Welcher Bewegung hat er je angehört?

Er verkauft seine Bühnenpersönlichkeit – und damit verbunden auch die Vorstellung, dass seine Unterstützer es ihm gleichtun könnten, wenn sie ihn nur wählen. Es ist die materialistische Version eines religiösen Aufrufes: das Wohlstandsevangelium von Norman Vincent Peale und Reverend Ike. Wie die Vorstellung, sich in Beyoncé zu verwandeln, wenn man nur ihren Lippenstift kauft.

„Es ist die Vorstellung, dass er „der EINE“ ist und dass jeder es ihm GLEICH TUN kann. „Man sucht immer nach einer Führungspersönlichkeit, die das eigene Leben beeinflussen könnte. Das ergibt schon irgendwie Sinn. Aber irgendwie ist es auch kompletter Blödsinn.“

Trump ist einfach Trump

Die Medien verstärken die mutmaßliche Macht Trumps noch, indem sie Popularität mit Einfluss und das Vertrauen der Wähler in ein richtiges Programm mit Fan-Kult verschmelzen.

„Bernie Sanders ist eine Bewegung. Trump ist keine Bewegung. War Trump je Teil einer Bewegung? Welcher Bewegung gehört er jetzt an?“

„Trump ist Trump. Er sagt ,Ich bin da und irgendwie werde ich die Dinge schon richten.’

„Wir wissen genug über Führung, um zu sehen, dass das nicht stimmt.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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