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26/01/2016 14:48 CET | Aktualisiert 26/01/2016 16:26 CET

"Der IS macht mich wütend": Wie eine Berliner Moschee junge Muslime vom Terror abhalten will

Berlin ist die Hochburg der Salafisten. Sie legen den Islam radikal aus, einige von ihnen schließen sich dem IS an. 680 von ihnen leben in der Hauptstadt.

Vermutlich kennt sie keiner besser als Ender Cetin.

Er ist Vorsitzender der Sehitlik Moschee in Berlin Neukölln. Sie bietet tausend Gläubigen Platz – jeden Freitag kommen Hunderte Gläubige hierher zum Gebet. Die Moschee ist nicht nur die größte Berlins, sie ist mittlerweile auch eine deutschlandweit beachtete Institution geworden.

„Die Radikalen kommen nicht hierher. Aber wir sind die größte Anlaufstelle für Salafismus-Prävention in Berlin“, sagt Cetin.

Er ist ein ruhiger, bedachter Mann Ende 30. Viele Sätze beendet er mit einem Lächeln. Er muss es aushalten, dass sein Glaube in Deutschland gerade für viel Übel verantwortlich gemacht wird. Den Terror in der Welt, die Übergriffe zur Silvesternacht in Köln.

Cetin unternimmt dagegen seinen Teil. Er und sein Team gehen in Schulen und Gefängnisse, um mit Aufsehern, Insassen, Schülern, Lehrern zu reden. Außerdem gibt es eine Beratungsstelle für Jugendliche und Eltern, die das Thema umtreibt.

Ihre Mission ist es, möglichst viele Menschen zu erreichen - und sie davon abzuhalten, sich zu radikalisieren. Sie wissen, dass die Behörden das Thema lange verschlafen haben. Entsprechend wertvoll ist das Wissen, das Cetin und sein Team haben. Viele wissen einfach nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Wir werden gefragt: "Was hälst du vom IS?"

“Die Nachfrage nach unseren Kursen steigt stetig“, sagt Cetin. Man habe zum Beispiel schon über 50 Schulen in Berlin besucht, darunter Grund- und Oberschulen.

"Dort reden wir mit Schülern und Lehrern und erklären den Islam“, sagt Cetin. Die Fragen seien ganz unterschiedlich, - darunter auch: „Was hälst du vom IS? Von Pierre Vogel? Die Leute wollen Orientierung.“

Cetin erreicht auch viele Anfragen von Gefängnissen. Hier findet viel Radikalisierung statt – der Attentäter von Paris etwa, der am Jahrestag von Charlie Hebdo mit einem Schlachtermesser auf Polizisten losging, saß mehrere Male im Gefängnis.

Eine häufige Frage, die ihn erreicht: Wie erkennt man eigentlich, ob jemand radikal ist?

Wenn etwa ein Häftling plötzlich einen Bart trage und fünf Mal am Tag betet, sei das noch lange kein Zeichen von Radikalisierung. „Es kann auch sein, dass er sich spirituell entdeckt hat. Das muss aber noch nichts schlechtes sein“, sagt Cetin.

Und weiter: „Auch Sprüche von Jugendlichen, die falsch und schlecht sind, müssen noch kein Zeichen für Radikalisierung sein. Zum Beispiel der Schimpfbegriff: „Du Jude“. Er ist antisemitisch, aber er hat sich unter den Schülern soweit verbreitet, dass man pauschal sagen: Du bist gefährlich.“

Da gingen bei mir alle Alarmglocken an

Er erzählt von einem Beispiel eines Jugendlichen, der Cetin sofort auffällig war. Das war noch vor dem Terroranschlag von Paris 2014. Aber damals gab es IS auch schon. Der Junge kam in die Moschee und erzählte von einer Erfahrung in einer anderen Moschee.

Dort hätte man ihm plausibel erklärt, warum der Kampf gegen alle anderen überall Geltung haben müsste, auch in Deutschland, da der Islam keine Grenzen kennt. Würde der Islam in einem anderen Land durch eine „Macht“, so sagte der Jugendliche, angegriffen werden, müsste man sich verteidigen, wo immer man mal ist.

Mit Macht, damit meinen gefährdete Jugendliche meistens den Westen, oder Israel.

"Da gingen bei mir alle Alarmglocken an", sagt Cetin.

Wörtlich heißt es tatsächlich im Koran:

„Vertreibt sie, wo von sie euch vertrieben haben. Und tötet sie, wo ihr sie findet.“

Und es nicht selten, dass dieser Vers missinterpretiert werde, so Cetin.

„Wer nur diesen Vers nimmt und sagt, den kann man allgemeingültig anwenden, ist das gefährlich. Wir haben mit dem Jungen gesprochen. Wir haben ihm erklärt, dass dieser Vers eine Erläuterung braucht – und nicht wortwörtlich genommen werden soll.“

Denn wichtig seien die Sätze, die davor und danach stehen. Und dann wird deutlich, dass es sich hierbei nicht um einen generellen Aufruf zum Töten handelt. Es gehe viel mehr darum, sich im Falle eines Angriffs verteidigen zu dürfen. Auch das mag martialisch klingen, ist aber eine ganz andere Interpretation als von radikalen Islamisten herangezogen.

Cetin und seine Kollegen redeten mit dem Jungen. Er kam noch einige Male in die Moschee – was ein gutes Zeichen ist. Manche kommen nach den Präventions-Gesprächen gar nicht mehr.

Der IS macht mich wütend

Die Erfahrung zeige auch, dass radikale Tendenzen meist aus einem bestimmten Milieu kommen. Diese Jugendliche würden etwa von Rattenfänger hören, dass sie keine Zukunftsperspektive in ihrem Land haben, da es sie nicht annehme, wie sie sind.

„Diese Jugendlichen kommen zu 90 Prozent aus einem Milieu, das kein Job hat. Und viele kommen aus kaputten Familien. Ihnen fehlt die Vaterrolle. Das muss nicht bedeuten, dass es keinen Vater gibt. Es kann auch bedeuten, dass er den ganzen Tag zu Hause sitzt und nichts macht, sondern sich über das Leben aufregt. Es sind immer dieselben Schemen.“

Schemen, die auch im Terror enden können. Für Cetin ist das ein sensibles Thema. Wenn man ihn darauf anspricht, holt er kurz inne - und sagt dann:

„IS macht mich wütend. Sie töten im Namen des Islam. Sie suggerieren, als wäre das verpflichtend für alle Muslime. Für mich ist das der Anti-Islamische Staat.“

Ähnlich wütend macht ihn auch die Silvesterübergriffe von Köln.

Er sagt aber auch: In der Debatte läuft etwas schief.

Die Kölner Silvesterexzesse verstehen viele als bittere Lektion über den Islam. Er mache aus Männern patriarchalische Monster, die sich in Sexmobs zusammenschließen, um blind vor Lust wildfremde Frauen zu vergewaltigen. Das ist in Deutschland 2016 fast zu einer Art stiller Mehrheitsmeinung herangereift.

Was Cetin vorgehen muss, wenn er sowas hört? Ich frage ihn das.

Er sagt:

„Nicht der Islam ist dafür verantwortlich, sondern die Gesellschaften, aus denen die Männer kommen. Ein guter Muslim ist jener, die Frauen am besten behandelt. Und wer Frauen so behandelt wie die tausend Männer auf der Domplatte, der sei ein schlechter Muslim, weil er eine Sünde begeht.“

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