POLITIK
25/01/2016 03:33 CET | Aktualisiert 25/01/2016 09:10 CET

Millionen für die Medien - so manipuliert der Kreml die Deutschen

Wladimir Putin
Mikhail Svetlov via Getty Images
Wladimir Putin

Es war ein seltsamer Demonstrationszug: Am Samstag demonstrierten in Berlin Menschen mit Migrationshintergrund gegen Migranten: Etwa 700 Russischsprachige taten vor dem Kanzleramt ihren Unmut gegenüber kriminellen Flüchtlingen kund. Der Berliner Ableger der ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung, "Bärgida" hatte unter dem Motto "Wir sind gegen Gewalt" zu der Kundgebung aufgerufen.

Der Erste Kanal des russischen Fernsehens berichtete ausführlich. Dass die deutsche Polizei angehalten ist, Straftaten von Migranten zu verschweigen - davon gehen Moskauer Staatsmedien genauso aus wie Anhänger der rechtsgerichteten Pegida. Die Demonstration zeigt, wie russische Medien die Deutschen aufstacheln - insbesondere die Gruppe der Russlanddeutschen.

Ein Gerücht bewegte viele der Demonstranten: Der Fall eines 13-jährigen russlanddeutschen Mädchens aus Berlin, das kurz als vermisst gemeldet war. Es sei von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden, behauptete die russische Nachrichtensendung "Westi". Im russischsprachigen Internet schlug die Sache hohe Wellen. Und es nützte nichts, dass die Berliner Polizei über Tage geduldig klarstellte: "Fakt ist – nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung."

Der Fall zeigt, wie groß der Einfluss russischer Medien in Deutschland ist - besonders unter den hier lebenden Russen oder russischstämmigen Deutschen. Exemplarisch steht das Geschehnis auch dafür, wie russische Fernsehsender und Online-Medien sehr oft auch radikale, nicht selten rechte und migrantenfeindliche Stimmungen hierzulande befeuern und oft auch rechte Gruppierungen unterstützen.

Russische Sender erreichen überraschend viele Deutsche. Die großen russischen Fernsehsender werden nach Angaben der deutschen Nachrichtenagentur dpa auch von vielen der etwa 2,3 Millionen Menschen in Deutschland gesehen, deren Wurzeln in der früheren Sowjetunion liegen. Einige Beiträge wirken, als sollten sie eine Pogromstimmung unter den Russlanddeutschen schüren. Der russische Privatsender "Ren TV" hat in einen Beitrag über die Ereignisse der Silvesternacht in Köln vermutlich Bilder reingeschnitten, die mehrere Jahre alte Übergriffe bei Demonstrationen in Kairo zeigen.

Doch auch die Deutschen ohne russische Wurzeln sind längst im Visier des Kremls. Für seine Propagandazwecke in Deutschland nutzt Russland nicht zuletzt seinen vor etwas mehr als einem Jahr auf Sendung gegangenen Ableger das staatsnahen Senders RT Russia. Auf dem Kanal lassen sich etwa Reden von Russlands Präsident Wladimir Putin oder Pegida-Demos live verfolgen.

Oft laufen die russischen PR-Maßnahmen hierzulande aber nicht so transparent. Klar ist: Russland gibt viele Millionen Euro aus, um das Meinungsbild in sozialen Medien und Kommentarspalten etablierter Medien zu manipulieren.

Exakte Summen kennt niemand. Doch Hans-Georg Maaßen, Chef des Bundesverfassungsschutzes, warnte bereits Ende November 2014 angesichts der Ukraine-Krise vor der Manipulation durch russische Propaganda: "Wir sehen mit Sorge, wenn versucht wird, auf die Meinungsbildung Einfluss in Deutschland zu nehmen", sagte Maaßen damals.

Die Geheimdienste sind besorgt. Die Schlapphüte beobachteten, dass in deutschen Internetblogs oder Foren massiv prorussische Positionen in deutscher Sprache gepostet wurden. "Hier stellen wir uns die Frage, wer dahintersteckt", so Maaßen. Eine Zuordnung zu einem russischen Dienst sei jedoch nur schwer zu treffen.

Russland betreibt im großen Stil Propaganda im Netz. Tatsächlich werden hierzulande und in anderen westlichen Ländern soziale Netzwerke und etablierte Medien mit Pro-Russland-Kommentaren geflutet. Oft werden dabei von ein- und derselben IP-Adresse mehrere Profile bedient. Das hatte die "Neue Züricher Zeitung" bereits vor eineinhalb Jahren recherchiert.

Es gibt viele Berichte über Unterstützung rechter Medien aus Russland. 2015 berichtete "Report“ darüber, Russland unterstütze die in Deutschland sehr prominente rechte Verschwörungsseite "Compact" logistisch. Der Macher der Seite bestritt Verbindungen zum Kreml jedoch stets.

Schon 2012 hatte der "Guardian" über solche Praktiken berichtet. Dem Bericht zufolge hat der Kreml Geld für positive Kommentare ausgeben. Eine Gruppe von Hackern, die sich "Anonymous International" nennt, hatte den E-Mail-Account eines leitenden Mitarbeiters der sogenannten Petersburger Agentur zur Analyse des Internets geknackt und das Material Ende Mai ins Netz gestellt. Anhand der über 800 Mails ließ sich damals ein Bild davon zeichnen, wie die russischen Trolle und ihre Manager vorgehen.

Die Trolle erhielten von den Leitern der Agentur exakte Anweisungen. Zum Beispiel, zu welcher Tageszeit sich die Kommentierung am meisten lohnt und mit welcher Sprache sie das gewünschte Echo in den Foren erzielen. Das Ziel sei es, mit möglichst derben Kommentaren eine Diskussion zu provozieren. In kaum moderierten Internetforen oder auch auf Facebook wird eine deftige Sprache gar empfohlen. Auch rassistische oder religiöse Witze seien erlaubt, wie zum Beispiel folgende Anspielung auf Europas zunehmend multikulturelle Gesellschaft: "Europa wird eine verdammte große Moschee sein."

Die Agentur gab ihren Trollen die Themen, Schlüsselwörter und klare Kriterien vor. Jeder von ihnen, meist handelte es sich um Studenten, musste ein klares Tagessoll erfüllen: neben 50 Kommentaren auf Nachrichtenportalen etwa die Bewirtschaftung von sechs Facebook-Seiten.

Eher harmlos im Vergleich dazu war der jüngst bekannt gewordene Manipulationsversuch des Kremls: Demnach soll der Kreml ein Gespräch mit "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und dessen Stellvertreter Nikolaus Blome in der russischen Übersetzung an einigen Stellen aufgeweicht haben.

Doch dies dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. Wie groß der Einfluss Putins auf die deutschen Medien ist, werden die Leser hierzulande aber so schnell nicht erfahren.

mit Material auf dpa

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