POLITIK
23/01/2016 06:29 CET | Aktualisiert 23/01/2016 09:01 CET

"Es ist die Hölle auf Erden" - Ein Besuch in Europas schlimmstem Flüchtlingscamp

WILLA FREJ/HUFFINGTON POST

Im verregneten Dünkirchen, einer Hafenstadt in Nordfrankreich, springen mehrere Männer hoch und schubsen sich gegenseitig, während sie versuchen, ein wertvolles Paar neuer Gummistiefel zu ergattern, die ein Mann aus Belgien von einem kleinen LKW aus an die Flüchtlinge verteilt.

In Frankreichs neuestem Flüchtlingslager, das in dem Vorort Grande-Synthe in der Nähe des Ufers des Ärmelkanals liegt, sind solche Szenen nichts Ungewöhnliches. Tausende Menschen leben hier in knöcheltiefem Schmutz und Schlamm im Freien. Dieser Teil des Landes ist für sein kaltes und nasses Klima bekannt.

Die Flüchtlinge im Lager von Grande-Synthe, deren Zahl in den vergangenen Wochen massiv gestiegen ist, warten in ständiger Ungewissheit auf eine Gelegenheit, die Grenze nach Großbritannien überschreiten zu können. Zum Glück gibt es einzelne freiwillige Helfer, die neben internationalen Organisationen wie den Ärzten ohne Grenzen die Lebensbedingungen der Flüchtlinge enorm verbessern.

Zahl der Flüchtlinge ist massiv gestiegen

Die Lebensbedingungen im Lager zählen zu den „schlimmsten, die ich während 20 Jahren humanitärer Arbeit gesehen habe“, so Vickie Hawkins von Ärzten ohne Grenzen. „Ich habe eine Mutter gefragt, wie sie ihr Baby nachts warm hält“, erzählt sie weiter. „Ihr blieb nichts anderes übrig, als das Kind auf ihr schlafen zu lassen, damit sie mit ihrem Körper den Boden isoliert.“

Der ausgedehnte Flüchtlingsslum liegt ganz in der Nähe von der Stelle, an der Hunderttausende alliierte Soldaten evakuiert wurden, als die Deutschen 1940 in diese Gegend vordrangen.

Heute ist Dünkirchen eine verschlafene Industriestadt, in deren Vororten, aufgrund der Nähe zum Ärmelkanal, in den vergangenen Monaten zahlreiche Flüchtlingslager entstanden sind.

Da Großbritannien nicht zu den Schengen-Staaten zählt - den Ländern in der Europäischen Union, in denen die Grenzen frei überquert werden dürfen - dürfen Flüchtlinge ohne gültige Papiere nicht in ein Flugzeug oder einen Zug steigen. Deshalb campieren sie entlang des Kanals und beauftragen Schmuggler, die sie für tausende britische Pfund auf fahrende Züge und Lastwägen bringen sollen, die den Eurotunnel durchqueren.

Polizisten bewachen den Eingang

Obwohl Grande-Synthe bereits seit 2006 kleine Gruppen von Flüchtlingen beherbergt, erzählt Damien Carême, der Bürgermeister der Stadt, dass er nie mehr als 80 Flüchtlinge auf einmal gesehen habe.

Aber Mitte 2015 stieg diese Zahl sprungartig auf mehrere Hundert an. Und als Behörden im September ein größeres Lager nahe der Gemeinde Tétéghem auflöste, kamen Tausende Flüchtlinge in den Ort.

Laut Samuel Hanryon, einem Sprecher von den Ärzten ohne Grenzen, leben in Grande-Synthe mittlerweile zwischen 2.600 und 3.000 Menschen, darunter 200 Kinder.

Das Lager liegt auf einem schlammigen Grundstück in der Nähe von Einfamilienhäusern und einem Fußballplatz. Obwohl es ein offenes Lager ist, trennen Holzzäune die Zelte von der Straße.

Der Eingang wird von Polizisten bewacht, die aufpassen, dass keine weiteren Zelte hineingebracht werden. Die Menschen dürfen aber kommen und gehen wie sie wollen. Die Kinder versuchen oft, sich die Zeit zu vertreiben, indem sie mit den Polizisten spielen und ihre Uniformen und Waffen anfassen.

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Männer versammeln sich um den einzigen Wasserhahn im Lager, um den Schlamm von ihren Schuhen zu waschen.

Unterhält man sich mit den Bewohnern des Flüchtlingslagers in Grande-Synthe wird klar, dass beinahe alle hier vor Krieg und Leid geflohen sind. Doch der Ort, an dem sie gelandet sind - auch das wird klar - kann auch für sie wieder zur Bedrohung werden.

Denn die Lebensbedingungen in dem Camp sind laut Mitarbeitern des Lagers extrem. Die Angst der Mitarbeiter, dass die Kinder sich unterkühlen könnten, wenn die Situation sich nicht verbessert, ist groß.

Flüchtlinge "trösten" sich mit Wiskey

Auf viele der Flüchtlinge in Grande-Synthen warten bereits Familienmitglieder in London. Und für diejenigen, die Englisch sprechen, bietet sich Großbritannien an.

Doch momentan hängen sie noch in Frankreich fest. Sie können nicht legal ins Vereinigte Königreich einreisen, da die Grenzpolizei sie an Flughäfen oder Bahnhöfen aufhalten würde. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen, illegal einzureisen, indem sie unter Einsatz ihres Lebens auf fahrende Züge oder Lastwagen aufspringen, die in Richtung des Eurotunnels unterwegs sind.

Die Bewohner des Lagers sind hauptsächlich irakische Kurden - Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, als der selbsternannte Islamische Staat begann, Teile Kurdistans anzugreifen. Hinzu kommen sunnitische Muslime aus dem Iran, die angeben, dass sie in dem von Schiiten regierten Land diskriminiert werden.

Es gibt auch noch eine kleine Gruppe von Bewohnern aus Kuwait und Vietnam, doch die ehrenamtlichen Helfer berichten, dass sie selten aus ihren Zelten kommen, weil sie diskriminiert würden.

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Der 28-jährige Basem Saedi lebt seit 20 Tagen im Flüchtlingslager in Grande-Synthe. Er riskiert jede Nacht die gefährliche Grenzüberquerung nach England.

Der 28-jährige Basem Saedi aus dem Iran kam vor ungefähr drei Wochen in Frankreich an. Er berichtet, dass er im Iran bereits drei Mal inhaftiert wurde und jetzt davon träumt, ins Vereinigte Königreich zu gelangen. Er hat dort Verwandte, die ihm erzählt haben, dass er dort studieren könne.

Auch wenn die Europäer glauben, dass Flüchtlinge „Kriminelle sind oder dem IS angehören“, so Saedi.

"Ich will einfach nur in Frieden leben können"

Der 28-jährige iranische Kurde Argine, der uns seinen Nachnamen nicht nennen wollte, weil er Angst hat, dass dies seine Chancen, ins Vereinigte Königreich zu gelangen, verringern könne, sagte, dass er in den zwei Monaten, die er bisher im Lager verbracht habe, viele Freunde gefunden habe. An besonders schlimmen Tagen tröste er sich mit Whiskey, den er in der Stadt kaufe, erzählt er.

Er ist einer von den Flüchtlingen, die jede Nacht von Schmugglern abgeholt werden, um die Einreise nach England zu versuchen. Meist erfolglos.

Während manche Flüchtlinge wie Argine fest entschlossen sind, es über die Grenze zu schaffen, sagen andere, dass sie ihre ständigen Versuche aufgegeben haben. Stattdessen haben sie beschlossen, weiter im Lager auszuharren und zu beten, dass die Grenzen sich auf wundersame Weise öffnen oder dass sich von selbst eine Lösung ergibt.

Laut der ehrenamtlichen holländischen Helferin Samantha Van Urk sind diejenigen, die zusammen mit ihren Familien gekommen sind, realistischer, was die Schwierigkeiten einer illegalen Einreise angeht. Sie sind sich unklar darüber, was sie tun oder wohin sie gehen sollen, erzählt sie.

Keiner hatte ihnen gesagt, wie lange sie warten müssten. Bei vielen war der Wunsch nach Frieden und Sicherheit so groß, dass sie sich falsche Vorstellungen machten.

„Ich bin nicht auf der Suche nach Geld oder einem guten Job“, so Saedi. „Ich will einfach nur in Frieden leben können.“

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Im Lager regnet es ununterbrochen und es wurde Schnee vorhergesagt, doch die Zelte, in denen die Menschen in Grande-Synthe wohnen, eignen sich eigentlich nur zum Campen im Sommer.

Das Leben im Lager

Für die meisten Flüchtlinge, die in Grande-Synthe leben, besteht der Alltag aus der Suche nach Möglichkeiten, um in der Kälte und Feuchtigkeit zu überleben - sie decken sich mit Lebensmitteln ein und drängen sich um ein kleines Feuer, selbst wenn sie sich daran fast verbrennen. Sie bemühen sich, ganz vorne in der Schlange zu stehen, wenn neue Kleidung und Schlafsäcke verteilt werden und sie beten, dass es einmal ein paar Tage lang nicht regnet.

Die Temperaturen in der Gegend liegen in diesem Winter bisher bei um die vier Grad Celsius. Es regnet fast jeden Tag und jede Nacht. In der Region werden in den kommenden Wochen heftige Schneefälle erwartet. Angesichts der Verhältnisse sprechen Helfer vom derzeit schlimmsten Flüchtlingscamp in Europa.

Situation verletzt grundlegende Standards

Die Zelte, in denen die Menschen leben, „sind Zelte, die normalerweise in den Sommermonaten zum Campen verwendet werden“, erzählt Hanryon, Sprecher von Médecins Sans Frontières. „Sie sind absolut nicht für winterliche Bedingungen geeignet.“

Wenn der Regen nachlässt, kommen viele Flüchtlinge aus den Zelten und waten den schlammigen Hauptweg des Lagers entlang. Sie unterhalten sich miteinander, versammeln sich um die Handyaufladestationen und fragen die ehrenamtlichen Helfer, wann wieder Lastwagen mit neuen Lieferungen oder Spenden kommen. Andere drängen sich um kleine Feuerstellen. Frauen bringen Töpfe und Pfannen zu einem kleinen Wasserhahn und versuchen, den Dreck herauszukratzen, um Reis darin kochen zu können.

Frauen und Kinder wohnen am äußeren Rand des Lagers in zirkusähnlichen Zelten. Drinnen besuchen Männer ihre kleinen Kinder, kochen Wasser für Tee und drängen sich zusammen, um sich warm zu halten.

Von den Haufen an Reis, Bohnen, Milch und Brot, die im Schlamm liegen, steigt ein fauliger Geruch auf. Das Husten von Kindern hallt zwischen den Zeltreihen wider.

„Diese Bedingungen erfüllen nicht einmal die grundlegenden Standards von Flüchtlingslagern“, sagt Hanryon.

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Das war Basem Saedis erste Unterkunft im Lager. Er konnte das Zelt endlich austauschen, weil sein Erstes von schmutzigem Wasser überflutet war.

Saedi musste bereits zweimal sein Zelt austauschen, weil die ersten beiden, in denen er wohnte, von schmutzigem Wasser überflutet waren.

„Es regnet dauernd und Wasser kommt rein und es ist immer alles nass. Wenn es auch noch windig ist, ist es viel zu kalt“, sagt er. „Hier gibt es keine Menschlichkeit.“

Es gibt in etwa 30 Toiletten im Lager - ungefähr eine für 100 Menschen. Die Flüchtlinge haben keinen Zugang zu einem Wasseranschluss, um ihre Kleidung waschen zu können. Es gibt nur wenige Duschen und wenig warmes Wasser, also waschen sich die meisten Menschen über mehrere Tage hinweg nicht.

„Wir sind immer schmutzig"

Ehrenamtliche Helfer stehen an den Duschstationen und kontrollieren die Zeit. Wenn die fünf oder sechs Minuten, die jedem einzelnen zustehen, vorbei sind, rufen sie.

„Wir sind immer schmutzig. Und wenn wir in die Stadt gehen, sehen uns die Menschen böse an“, sagt Saedi. Er hat seit einer Woche nicht geduscht.

Kein Wunder, dass viele Flüchtlinge das Camp als "Hölle auf Erden" bezeichnen.

Van Urk hat sich seit ihrer Ankunft im Lager vor zwei Wochen nicht geduscht. „Ich schmiere mir Desinfektionsmittel unter die Arme, damit ich nicht stinke“, sagt sie. Van Urk hat sogar überlegt, ins örtliche Schwimmbad zu gehen um sich dort zu waschen.

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Frauen tragen Töpfe und Pfannen zum Wasserhahn. Manchmal ist eine Tasse Tee zu trinken die einzige Erholung, die sie haben.

Selbst in den besser ausgestatteten Zelten der Frauen und Kinder gibt es keine Heizung. Das, so fürchten die Ärzte ohne Grenzen, könnte dazu führen, dass Kinder sich unterkühlen. Van Urk fügt hinzu, dass sie fünf Schlafsäcke verwende, um sich nachts warm zu halten.

Die meisten Menschen verbringen ihre Zeit zurückgezogen in ihren Zelten und warten auf einen Tag, der möglicherweise nie kommt. Ab und zu kommen sie raus, um ihre Handys aufzuladen oder sich eine Tasse Tee zu holen.

"Denk an dich selbst, sonst stirbst du"

Argine erzählt, dass er manchmal im Küchenbereich mit seinen Freunden spielt. Meistens sitzt er jedoch nur wartend da und „denkt über die Zukunft nach“.

„Wer hier ist, denkt nur an sich selbst. Denn wenn du nicht an dich selbst denkst, stirbst du hier“, fügt Saedi hinzu.

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Ein Flüchtlingszelt voller Brot, Desinfektionsmittel und Decken

Vor zwei Monaten beauftragte Bürgermeister Carême die Ärzte ohne Grenzen, der Stadt dabei zu helfen, zusätzliche Sanitäranlagen und eine weitere Lagerfläche einzurichten, um die Flüchtlinge vor der Kälte und dem Regen zu schützen.

Die Ärzte ohne Grenzen entwarfen einen Plan zum Aufbau von 500 Zelten, in die jeweils fünf Menschen passen. Außerdem sollen weitere Duschen und Latrinen eingerichtet werden.

Kürzlich traf Carême sich mit Mitgliedern der Ärzte ohne Grenzen und Vollzugsbeamten und finalisierte die Pläne für die neuen Anlagen. Der Bau begann vergangene Woche und wird in knapp einem Monat fertig sein.

„Das ist so, als würden wir in vier bis fünf Wochen eine kleine Stadt für 2.500 Menschen bauen“, sagt Carême. „Das ist extrem schnell.“

„Wir sind überzeugt, dass dies eine lebensrettende Maßnahme ist“, erklärt Madden. „Durch schlechte Bedingungen steigt das Leid dieser Menschen nur noch mehr und viele von ihnen sind einem Risiko ausgesetzt.“

Unter den Flüchtlingen kursieren bereits Gerüchte über das neue Lager, doch Carême und die Ärzte ohne Grenzen haben beschlossen, erst dann ein offizielles Statement abzugeben, wenn das neue Lager fertig ist.

Trotz ihrer momentanen Lebensbedingungen befürchten ehrenamtliche Helfer und Flüchtlinge, dass ein neues und besseres Lager stärker überwacht werden wird und es deshalb schwieriger sein könnte, nachts zu versuchen, illegal nach England einzureisen.

Wollen kein Lager mit Stacheldraht

„Wir waren uns von Anfang an darüber einig, dass wir kein Lager mit Stacheldrahtzäunen errichten wollen“, so Carême. „Wir werden dies auch den Flüchtlingen erklären, damit der Umzug reibungslos vonstattengehen kann.“

Doch selbst nach dem Umzug leiden die Flüchtlinge von Grande-Synthe weiter unter der schrecklichen Ungewissheit und müssen abwägen, ob sie ihr Leben riskieren sollen, um Frankreich zu verlassen oder ob sie ihr Leben riskieren sollen, indem sie weiterhin im Elend leben.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei The WorldPost erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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