POLITIK
21/01/2016 13:31 CET | Aktualisiert 21/01/2016 14:46 CET

An diesem Ort in Deutschland werden die meisten Islamisten radikalisiert

dpa

Immer wieder sehen wir in diesen Tagen Bilder von Gerichtsverhandlungen. Auf den Anklagebänken sitzen junge Männer mit Vornamen wie Nils oder Halil. Ihnen wird vorgeworfen, sich dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen zu haben.

Ihre Biografien sind denkbar unterschiedlich: Hier der biodeutsche Schulversager und Konvertit, der offenbar im terroristischen Milieu nach Anerkennung suchte. Dort der Südhesse mit türkischen Wurzeln, der immer noch beharrlich zu seinen Motiven schweigt.

Gemeinsam haben sie vor allem eines: Sie erwartet bei einer Verurteilung eine langjährige Haftstrafe.

"Allah hat seine Soldaten überall"

Und natürlich wird auch dieses Mal die genauso alte wie immer noch populäre Hoffnung nicht in Erfüllung gehen, dass man nur lange genug das Böse aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verbannen muss, um nicht mehr darüber nachdenken zu müssen.

Seit Jahrzehnten sagen Kriminologen, dass Straftäter durch das Milieu geformt werden, in dem sie sich bewegen. Im Fall der IS-Anhänger heißt das im Speziellen: Die bundesdeutschen Gefängnisse könnten zu einer Brutstätte für den radikalislamistischen Terrorismus werden. Oder sie sind es bereits schon geworden.

Ganz offen brüsten sich Hassprediger wie der deutsche Konvertit Sven Lau damit, dass sie im Gefängnis auf Missionsarbeit gehen. Der 36-jährige Rheinländer saß im Frühjahr 2014 für einige Wochen in Untersuchungshaft. Nachmittags habe er sich mit anderen Muslimen getroffen und den Koran rezitiert. Wörtlich sagte Lau in einem Interview: „Allah hat seine Soldaten überall, auch in einem deutschen Gefängnis.“

Nach seiner Freilassung produzierte Lau diverse Propaganda-Videos zusammen mit dem Hassprediger Pierre Vogel, die stets in der an die Häftlinge gerichteten Botschaft mündeten: „Wenn Allah Euch hilft, dann lässt Euch niemand im Stich.“

Verehrung als "Kriegshelden"

Auch jener Islamist, der Silvester bei einem versuchten Anschlag in Paris erschossen wurde, saß zuvor bereits in mehreren nordrhein-westfälischen Gefängnissen.

Jetzt, da die ersten der mittlerweile 250 IS-Heimkehrer vor Gericht stehen, wächst die Sorge davor, dass die Nahost-Veteranen in den Gefängnissen wie Helden gefeiert werden.

Marwan Abou Taam vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz sagte jüngst dem Sender „n-tv“: „Viele Rückkehrer werden in Gefängnissen als Kriegshelden gefeiert und als politische Gefangene gesehen. Und dann besteht immer noch die Gefahr, dass sie auch andere Insassen radikalisieren. Letztlich gibt es ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite müssen wir versuchen, die Rückkehrer zu deradikalisieren und zu integrieren, auf der anderen Seite die Gesellschaft schützen.“

Charlie-Hebdo-Attentäter trafen sich im Gefängnis

In Frankreich ist das Problem schon länger bekannt.

Die beiden Terroristen Chérif Kouachi und Amedy Coulibaly, die im Januar 2015 den Anschlag auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ begangen hatten, hatten sich einst in der größten Haftanstalt Europas kennengelernt: Fleury-Mérogis, im Süden von Paris gelegen. Ursprünglich war das Gebäude mal für 2.800 Häftlinge gebaut worden. Zwischenzeitlich saßen dort mehr als 4.000 Menschen ein.

Für Präventivarbeit war kaum Zeit. Solche Gefängnisse können nicht mehr dem dienen, wozu sie eigentlich gebaut wurden: zur Resozialisierung nämlich. Das Gefängnispersonal wusste, dass es unter den Häftlingen in Fleury-Mérogis radikale Islamisten gibt. Doch sie schritt nicht ein, als der Prediger Djamel Beghal sich der beiden Männer annahm und sie radikalisierte.

Im laizistischen Frankreich hatte die Anstaltsleitung damit allen formellen und informellen Vorgaben entsprochen. Denn aus Glaubensfragen hat sich der Staat in Deutschlands größtem Nachbarland herauszuhalten.

Wie kontrolliert man die Verhältnisse im Knast?

Das Problem: Neben ihrer medialen Bekanntheit und dem Status als „Kriegshelden“ profitieren Islamisten in Gefängnissen auch von der Lebenswirklichkeit in den Haftanstalten: Sie treffen auf Hunderte junger Männer, viele von ihnen Muslime, die aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurden und sich nicht selten auf Sinnsuche befinden.

Das Milieu ist öffentlich weder einseh- noch kontrollierbar.

In Deutschland gibt es deshalb seit vergangenem Jahr ein Pilotprojekt. In jeder hessischen Haftanstalt ist ein so genannter „Strukturbeobachter“ im Einsatz: Ein speziell geschulter Gefängnismitarbeiter, der Radikalisierungstendenzen erkennen kann. Er soll einerseits Informationen sammeln und weiterleiten, andererseits aber auch eng mit der muslimischen Gefängnisseelsorge zusammenarbeiten, um solchen Tendenzen entgegenzuwirken.

Präventionsprojekte in Hessen

In Hessen sind etwa 20 Prozent der Häftlinge muslimischen Glaubens. Nicht jeder von ihnen ist ein Islamist oder steht gar radikalislamistischen Ideen nahe. Und doch habe das hessische Justizministerium in er Vergangenheit „lose Gruppen“ beobachtet, die sich in Gefängnissen radikalisierten.

Zusätzlich hat das Land Hessen im Jahr 2015 400.000 Euro in ein „Präventionsnetzwerk gegen Salafismus“ investiert. Experten des „Violence Prevention Networks“ sollen auf die in hessischen Gefängnissen einsitzenden Islamisten einwirken und ihr Schwarz-Weiß-Denken aufbrechen – etwa dadurch, dass sie den Betroffenen offensichtliche Widersprüche in ihrer Ideologie vor Augen führen.

Die Methode ist bereits im Kampf gegen rechtsextremistische Straftäter erprobt worden und laut mehreren Studien sehr erfolgreich.

Vor allem wäre es ein Schritt hin zu einem bewussteren Umgang mit dem radikalislamistischen Terror in Deutschland. Denn durch bloßes Wegsperren lässt sich das Problem eben nicht lösen.

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