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20/01/2016 06:54 CET | Aktualisiert 20/01/2016 09:05 CET

Albtraum: Das schildert eine Frau, die 5 Jahre im Koma lag

Sie lag fünf Jahre lang im Koma - und hörte alles, was gesagt wurde
ASSOCIATED PRESS
Sie lag fünf Jahre lang im Koma - und hörte alles, was gesagt wurde

Oft sind sich Ärzte, Pfleger und auch Angehörige unsicher, ob es wirklich einen Sinn und Zweck hat, mit Patienten zu sprechen, die im Koma liegen. Carola Thimm, die fünf Jahre lang im Wachkoma lag, erzählt in der Süddeutschen Zeitung, wie sie in dieser Zeit die Umwelt um sich wahrgenommen hat, aber sich nicht bemerkbar machen konnte.

Schätzungsweise 1.500-5.000 Wachkoma-Patienten leben laut der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie (DGKN) in Deutschland. Im Wachkoma öffnen Patienten zwar die Augen, zeigen aber überhaupt keine klinischen Hinweise auf Kontaktaufnahme.

Sobald Patienten aber nur ein kleines Zeichen des Bewusstseins von sich geben - etwa eine gezielte Augenbewegung - befinden sie sich eigentlich nicht mehr im Wachkoma, sondern im minimalen Bewusstseinszustand.

Oft ist es für Ärzte und Therapeuten schwierig zu deuten, ob die Patienten ihre Umwelt tatsächlich wahrnehmen oder nicht. Laut einer im Deutschen Ärzteblatt erschienenen Studie gibt es dabei bis zu 40 Prozent Fehldiagnosen und der Übergang von Wachkoma zu minimalem Bewusstsein verläuft unbemerkt - wie die Geschichte von Carola Thimm zeigt.

Eine Komplikation bei der Operation besiegelte ihr Schicksal

Am 31. Mai 2004 wollte Carola Thimm kurz an die frische Luft gehen. Sie war im fünften Monat schwanger und hatte auf einmal furchtbare Kopfschmerzen bekommen. Dann wurde sie ohnmächtig.

Die Diagnose: Ein Aneurysma im Kopf. Es war nicht das erste Mal, dass Carola Thimm einen Arterienriss im Gehirn hatte. Ihre Adern sind an dieser Stelle zu dünn. Doch seit man die Arterie 14 Jahre zuvor versiegelt hatte, galt sie eigentlich als geheilt.

Noch einmal musste sie operiert werden, um das Aneurysma zu flicken. Doch diesmal ging dabei etwas schief: Eine Schwellung drückte auf ihr Gehirn, ihre Schädeldecke musste geöffnet werden. Um ihr Gehirn zu schützen, versetzte, sie die Ärzte in ein künstliches Koma. Anstatt später wieder aufzuwachen, fiel sie in ein Wachkoma.

Sie nahm die Besuche ihrer Mutter und ihrer Tochter wahr

Im 7. Monat wurde ihr Baby per Kaiserschnitt geholt, Mutter und Kind überlebten den Eingriff. Fünf Jahre lang konnte Carola Thimm ihre Tochter nicht im Arm halten. Sie wusste nicht einmal, dass sie ein gesundes Kind zur Welt gebracht hat.

Doch das heißt nicht, dass sie von ihrer Umwelt nichts wahrgenommen hat, ganz im Gegenteil. Sie erinnert sich an die Besuche ihrer Mutter und sie erinnert sich an das kleine Mädchen, das mit ihr gekommen war und an ihrem Bett spielte. Sie wusste nur nicht, dass es sich bei diesem Kind um ihr eigenes handelt.

"Ich versuchte mich zu artikulieren, aber niemand konnte mich verstehen. Ich konnte alles sehen und hören, aber mein Mund bewegte sich nicht. Ich konnte nichts machen", erzählt Carola Thimm.

Die Ärzte zweifelten daran, dass sie je wieder aufwachen würde

Anfangs wurde sie künstlich beatmet und mit einer Sonde gefüttert. Später gelang es auch, sie mit fester Nahrung zu füttern. "Als ich wieder essen konnte, hat meine Familie mich ins Krankenhausrestaurant gefahren - im Sommer auf die Terrasse unter den Sonnenschirm. Sie haben mich mit Eis oder Kuchen gefüttert - das war schön. Ich war ein wenig traurig, dass ich denen nichts sagen konnte, oder alternativ ihnen mit den Händen etwas zeigen."

Manche Ärzte zweifelten daran, dass sie jemals wieder aufwachen würde. 2007 wurde sie in ein Pflegeheim eingeliefert: "Eigentlich wurde ich dort eingeliefert in der Annahme, dass ich da sterben werde. Die Ärzte hatten kaum noch Hoffnung, die Krankenkasse war nicht mehr bereit, den teuren Aufenthalt im Krankenhaus und in der Reha zu bezahlen."

"Ich war einfach zu lange weg"

Im Pflegeheim stellten die Mitarbeiter fest, dass ihre Müdigkeit und Inaktivität zu diesem Zeitpunkt nur mehr an den starken Medikamenten lag. Als sie umgestellt wurden, erwachte Carola Thimm zwei Wochen später aus dem Wachkoma.

Es dauerte Monate, bis Thimm wieder einfache Geräusche von sich geben konnte und noch viel länger, bis sie wieder lernte zu sprechen, zu gehen oder bis die Erinnerungen allmählich zurückkehrten.

Ihre Tochter ist mittlerweile 11 Jahre alt und lebt bei ihrem Mann und dessen neuer Freundin. Carola Thimm sieht sie alle 14 Tage: "Ich war einfach zu lange weg. Aber dafür kann ich ja nichts."

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