WIRTSCHAFT
19/01/2016 03:58 CET | Aktualisiert 19/01/2016 04:11 CET

Der Boss deiner Träume möchte, dass du weniger arbeitest, mehr schläfst und die Welt bereist

MICHAEL BERGER/COURTESY BASECAMP
Jason Fried von Basecamp arbeitet von 9 bis 17 Uhr - und will, dass seine Angestellten es ihm gleichtun

Technik-Unternehmen sind berühmt für ihre "Vergünstigungen", die eigentlich goldene Fesseln sind: Zum Beispiel gratis Sterne-Küche im Gegenzug dafür, dass man Überstunden en masse macht und einen Großteil seiner Zeit in der Firma verbringt.

Jason Fried ist Geschäftsführer eines Technik-Unternehmens und er verfolgt eine radikal andere Philosophie. Er hat Basecamp, ein Software-Unternehmen mit 50 Angestellten, vor gut 15 Jahren mitgegründet. Dort stützen die Vergünstigungen eine Arbeitskultur, die den Angestellten eine 40-Stunden-Woche ermöglicht, so dass sie mehr Schlaf bekommen, gesund bleiben und ihren Horizont erweitern können.

"Das ekelt mich an"

„Große Unternehmen brüsten sich gerne damit, dass sie für ihre Angestellten die Wäsche machen und einen Koch eingestellt haben, der für das leibliche Wohl sorgt. Aber übersetzt heißt das doch nur: „Ihr müsst das Büro gar nicht verlassen. Alles, was ihr braucht, ist hier!“, so Fried gegenüber der Huffington Post. „Das ekelt mich an.“

Die Angestellten in Frieds Firma in Chicago, die Projektmanagement-Software entwickelt, erhalten nicht nur eine Lohnfortzahlung, wenn sie längere Zeit verreisen wollen. Die Firma zahlt auch für ihren Urlaub. Ein jährliches Geschenk für alle, die mindestens ein Jahr bei dem Unternehmen sind. Neue Angestellte bekommen einen kompletten Abend in der Stadt bezahlt.

In einem Blogpost hat Fried die Vergünstigungen bereits einmal aufgelistet:

  • Eine 30-Stunden-Woche mit vier Arbeitstagen im Sommer
  • 100 Dollar im Monat für Fitness, zum Beispiel Yoga-Kurse, eine Mitgliedschaft im Fitness-Studio, usw.
  • 100 Dollar im Monat für Massagen
  • Gebühren für eine Bio-Gemüsekiste werden übernommen
  • Arbeiten wo man möchte. Die Basecamp-Angestellten sind über das ganze Land verteilt.
  • Alle drei Jahre einen Sabbat-Monat

Und es gibt noch mehr. Vor Kurzem hat Fried die Elternzeit fest eingeführt. Mütter und Väter bekommen bei vollem Gehalt 16 Wochen frei.

Fried, der einen 15 Monate alten Sohn hat, sagte, wer wolle, dass seine Angestellte auch mal aus dem Büro rauskommen, um das wahre Leben zu spüren. Ihre Gehälter gehören zu den obersten fünf Prozent im Großraum Chicago. Statt ihnen einfach 100 Dollar zu zahlen, die sie gar nicht wirklich brauchen, sollen diese Vergünstigungen ihnen einfach dabei helfen, ein glückliches und gesundes Leben zu führen.

Die Urlaubsregelung der Firma stützt diese Philosophie außerdem. Die Angestellten bekommen drei Wochen Urlaub. In dieser Zeit können sie zum Beispiel all-inclusive auf Kosten von Basecamp verreisen. Dieses Jahr stehen unter Anderem Martha’s Vineyard, der Grand Canyon, Äthiopien und Verona zur Auswahl. Die Reisen dauern zwischen fünf und sieben Tagen, sie können alleine reisen oder auch ihre Partner mitnehmen. Basecamp übernimmt die gesamte Planung. Fried möchte vermeiden, dass die Urlaubsplanung seiner Angestellten in Stress ausartet.

Die Nachricht kommt an: „Nehmt Urlaub und verreist. Raus hier!“ so Fried.

Die bezahlten Reisen ersetzen Bonuszahlungen, die es noch vor einigen Jahren gab. "Die Kosten für uns sind dieselben, aber den Menschen können wir so Erfahrungen schenken, die sonst vielleicht nicht machen würden. Es macht sie zu interessanteren Menschen“, erklärt Fried.

Das Unternehmen zu verlassen, ist keine Seltenheit in der Technik-Welt, in der Firmen wie Amazon dafür bekannt sind, dass sie ihre Angestellten bis ans Limit pushen.

„Die Industrie ist irgendwie pervers. Wir sind eine Industrie, die die Menschen ausbrennt und keinen Respekt für das Leben der Menschen außerhalb des Arbeitsplatzes hat“, so Fried. „Man muss kein abgefahrenes Unternehmen gründen. Man kann seine Angestellten auch ganz einfach fair behandeln und dadurch gewinnen.“

Frieds Unternehmen ist in privater Hand. Fragt man nach Zahlen, so erhält man lediglich die Antwort, dass es „Millionen Dollar an Gewinn“ mache.

Aber eine Gemeinsamkeit zwischen Basecamp und anderen Technik-Unternehmen gibt es doch: Die Angestellten sind eine recht homogene Gruppe. Zweidrittel sind Männer. Keine Afroamerikaner. „Wir sind definitiv unterrepräsentiert“, so Fried. Obwohl er sich durchaus engagiert und besonders die Zahl der Frauen im Unternehmen erhöhen will. „Wir befinden uns in einem ständigen Lernprozess.“

Die Dinge bewegen sich langsam, da die zu besetzenden Stellen rar sind. Die angestelltenfreundliche Arbeitskultur hält die Fluktuation im Unternehmen gering. Nur eine Handvoll Angestellte hätten Basecamp in den letzten 15 Jahren verlassen, erzählt. Fried.

Fluktuation kostet das Unternehmen Geld

Die niedrige Fluktuation hält die Kompensation der Kosten für die großzügigen Vergünstigungen gering. Neue Angestellte einzuarbeiten ist teuer, das betont Fried, während die Vorteile dieser Goodies darlegt.

Dennoch, selbst Firmen, die sich diese Art der Vergünstigungen nicht leisten können, möchte Fried dazu anregen, zumindest eine geregelte 40-Stunden-Woche für ihre Angestellten einzuführen. Auch das kann sich positiv auf die Angestellten und das Firmenklima auswirken.

„Das ist eine sehr wertvolle Vergünstigung, die die Menschen nicht sofort als Vergünstigung erkennen“, sagt er. „Alleine das schon, plus ausreichend Schlaf in der Nacht zahlt sich doppelt und dreifach aus.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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