POLITIK
18/01/2016 08:30 CET | Aktualisiert 18/01/2016 08:31 CET

Dieser Mann hat in seiner Stadt die NPD besiegt - das können wir alle von ihm lernen

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Mitten in Hessen gab es über zwei Jahrzehnte lang eine Gemeinde, in der die NPD in steter Regelmäßigkeit Wahltriumphe feierte. Und das, obwohl die Partei landesweit so gut wie keine Rolle spielt.

In der 10.000-Einwohner-Gemeinde Wölfersheim (nahe Darmstadt) jedoch gab es einen äußerst aktiven Ortsverband der „Nationaldemokraten“, angeführt von dem gelernten Kraftwerkselektriker Volker Sachs.

Der mittlerweile 81-Jährige ist seit mehr als 40 Jahren NPD-Mitglied. Ein gut integrierter älterer Herr, dessen rechte Parolen auch deswegen so gut verfingen, weil sich Sachs stets von den „Stiefelnazis“ distanzierte. In Wölfersheim gab es zwar die größte NPD-Fraktion in einem westdeutschen Gemeindeparlament, aber keine Skinhead-Szene.

In Wölfersheim wählte einst jeder vierte Bürger NPD

Im Jahr 1989, ein Jahr vor der Wende, zogen die Rechtsextremen mit 17,5 Prozent in den Gemeinderat ein. Mitte der 90er-Jahre gaben sogar knapp 25 Prozent der Wölfersheimer ihre Stimme der NPD. Damit war die Partei zweitstärkste Kraft in der damals vom wirtschaftlichen Niedergang gebeutelten Gemeinde.

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtet in ihrer jüngsten Ausgabe darüber, wie dieser Trend gestoppt wurde. Entscheidenden Anteil daran hat ein junger Mann, der noch gar nicht geboren war, als Sachs Mitglied der NPD wurde: Rouven Kötter, 36 Jahre, Sozialdemokrat. Und seit 2008 Bürgermeister in der früheren Arbeitergemeinde Wölfersheim.

Kötter hatte sich schon zu Schulzeiten dem Kampf gegen Rechts verschrieben. Später trat er in die SPD ein, mit dem Ziel, die Macht der NPD in Wölfersheim zu brechen.

Kampf in kleinen Schritten

Als er Verwaltungschef von Wölfersheim wurde, setzte er alle nur denkbaren legalen Mittel ein, um der NPD die Arbeit so schwer wie möglich zu machen. So änderte er die Satzung der Gemeinde, um der NPD und anderen Parteien die Massenplakatierung von Wölfersheim schwer zu machen.

Kötter boykottierte Gaststätten, die auch der NPD Räume gaben. Und er sorgte auch dafür, dass sich in der Gemeinde wieder neue Betriebe ansiedeln konnten. Wirtschaftlich geht es Wölfersheim heute viel besser als noch vor 20 Jahren, als das Braunkohlekraftwerk schloss, auf dem auch der NPD-Vorsitzende Volker Sachs einst gelernt hatte.

Im Jahr 2011 erzielte die NPD noch 5,7 Prozent bei der Kommunalwahl. Laut Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ wird die NPD bei den Wahlen in diesem Jahr nicht wieder antreten.

Ähnlichkeiten mit Ostdeutschland

Ganz Deutschland kann aus diesem Fallbeispiel lernen.

In vielerlei Hinsicht ähnelte die Lage in Wölfersheim denen in ostdeutschen Kommunen. Ein verhältnismäßig geringer Ausländeranteil, ländlich geprägtes Arbeitermilieu und ein lange Zeit gut funktionierendes soziales Gefüge. Schließlich der Wegfall des Hauptarbeitgebers.

Sachs feierte mit seiner Partei schon vor der Schließung des Kraftwerks Erfolge. Genauso, wie der Rechtsextremismus auch in Ostdeutschland verbreitet war, obwohl die DDR-Regierung dies offiziell bestritt.

Und als Arbeitslosigkeit zum Thema wurde, feierte die NPD ihre größten Erfolge, weil sie die kleine ausländische Minderheit im Ort dafür verantwortlich machte, den „Deutschen“ die „Arbeitsplätze wegzunehmen“. So wurde auch die DVU in Sachsen-Anhalt groß. Und die NPD in Sachsen.

Auch in Wölfersheim war die NPD fest im Gemeindeleben verankert. Es gab eine „offene rechte Szene“, wenn auch ohne Skins und Hools.

Bürgerschaftliches Engagement als Schlüssel im Kampf gegen Rechts

Doch noch in den 90er-Jahren formierte sich dagegen massiver Widerstand. So gab es eine Bürgerinitiative, die gegen die NPD plakatierte, Straßenfeste veranstaltete und Zeitungsanzeigen schaltete.

Ihr Ziel war es zu zeigen, dass sie Sachs und seinen Parteikameraden nicht den Alleinanspruch auf Bürgertum und Zusammenhalt überlassen wollten.

Der Kampf gegen Rechts in Wölfersheim funktionierte aber nicht nur auf einer politisch-aufklärerischen Ebene. Natürlich machten Kötter und seine Mitstreiter den Bürgern klar, dass sie nicht nur Sachs wählten, sondern auch eine der gefährlichsten Parteien Deutschlands, die ihre Wähler mit falschen Feindbildern ködert. Und dass es schwierig wird, Investoren für Wölfersheim zu gewinnen, wenn an dem Ort das Label des „Nazi-Dorfs“ klebte.

Die rechten Ideen werden den Erfolg der NPD überdauern

Aber mit diesem bisweilen als „belehrenden“ Haltung empfundenen Standpunkt war es nicht getan. Gleichzeitig machten sie auch klar, dass es gesellschaftliches Leben jenseits der rechten Szene gibt.

Und noch in einem anderen Punkt ist das Beispiel Wölfersheim hochaktuell: Die FAS berichtet, wie derzeit die Stimmung in dem Ort gegen Asylbewerber in Angst und Wut umzuschlagen droht.

Die NPD hat zwar in Wölfersheim ihre Macht verloren, doch die Basis ihres Erfolgs ist immer noch vorhanden. Der Sieg über den parlamentarischen Rechtsextremismus ist nur der Anfang eines langen Kampfes. Denn die gefährlichen Ideen, sie überdauern offenbar in den Köpfen.

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