POLITIK
13/01/2016 07:48 CET | Aktualisiert 13/01/2016 11:58 CET

Gefährliche Freundschaft: Experte erklärt, warum der Anschlag in Istanbul wohl nie aufgeklärt wird

Warum ein Experten nicht glaubt, was uns die türkische Regierung erzählt
dpa
Warum ein Experten nicht glaubt, was uns die türkische Regierung erzählt

Es ist gut möglich, dass wir die Wahrheit über den Anschlag auf die deutsche Reisegruppe mit 10 Todesopfern nie erfahren werden.

Zwar behauptet die türkische Regierung unter Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, der Attentäter stamme aus Saudi-Arabien, sei über Syrien in die Türkei gelangt und gehöre der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) an.

Aber einiges spricht dafür, dass diese Darstellung falsch ist.

1. Was gegen einen IS-Täter spricht

Michael Lüders, einer der bekanntesten Experten für Sicherheitsfragen im Nahen Osten, sagte am Mittwochmorgen im „Deutschlandfunk“: Es sei „erstaunlich“, dass die türkischen Sicherheitskräfte bereits wenige Minuten nach dem Anschlag gewusst haben wollten, dass der Attentäter aus Syrien komme, es jedoch Stunden gedauert habe, bis die Identität der Toten geklärt war.

Aber Lüders hält es nicht für plausibel, dass der IS ausgerechnet seinen wichtigsten Verbündeten attackiert. Denn die Türkei arbeite de facto „sehr eng mit dem islamischen Staat zusammen“, sagt er. So gebe es ein Rekrutierungsbüro des IS in Istanbul, das meiste Erdöl des IS gehe in Richtung Türkei.

Die Türkei nutze den IS in Nordsyrien zudem als „Rammbock“ gegen die dortigen Kurden, die eng mit der kurdischen PKK in der Türkei verbunden seien, sagte Lüders. Und die sind erklärter Feind der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Damit kommt der wohl derzeit größte Feind der türkischen Regierung in den Blick: Die PKK.

2. Was für einen kurdischen Täter spricht

Im vergangenen Jahr hatte die Regierung offiziell den Friedensprozess aufgekündigt und führt nun laut Lüders einen „erbarmunglosen Krieg“ gegen die Kurden im Südosten der Türkei – auch gegen Zivilisten. Ganze Städte stünden unter Mörserbeschuss.

Deswegen hält Lüders es für möglich, dass ein rachegetriebenes Opfer der türkischen Attacken für den Anschlag verantwortlich ist.

Dass die PKK oder ein kurdischer Politiker für den Anschlag mitverantwortlich sind, glaubt Lüders nicht. Er geht davon aus, dass so eine Attacke nicht gebilligt würde. Außerdem kursieren Einschätzungen anderer Experten, denen zufolge der Anschlag nicht dem Stil der PKK entspreche.

Allerdings hatte die PKK laut der „Frankfurter Allgemeiner Zeitung“ angekündigt, den Krieg gegen die Kurden aus Rache nun in die türkischen Metropolen zu tragen.

3. Warum der Anschlag in Istanbul wohl nie aufgeklärt wird

Sollte ein Kurde hinter dem Anschlag stecken, so vermutet Lüders, dass die Türkei das niemals zugeben würde. Denn das wäre ein Eingeständnis, dass der Kampf gegen die Kurden den Terror nicht eindämmt, sondern fördert.

Andererseits hatte die türkische Regierung im Herbst die PKK als Drahtzieher der Anschläge von Ankara mit mehr als 90 Toten auch nicht ausgeschlossen - ebensowenig wie den IS.

Auch wenn die Türkei de facto wenig gegen den IS unternimmt, so bekennt sie sich dennoch rhetorisch zum Kampf gegen die Terroristen. Außerdem dürfen Flugzeuge der Anti-IS-Koalition von der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik starten. Zudem soll das Land den Nachschub für den IS inzwischen blockieren. Das könnte durchaus die Aggression des IS wecken.

Außerdem liegen dem türkischen Geheimdienst MIT nach Informationen von „Spiegel Online“ Hinweise vor, dass unter anderem Touristen in der Türkei Ziel des IS seien.

Doch das spricht laut Lüders immer noch nicht dafür, dass der Täter unbedingt aus den Reihen des IS kommen muss.

Das Fazit des Experten: „Jede Spur ist denkbar.“

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